500 Jahre Renaissance-Genie: Der Universalkünstler Leonardo da Vinci

500 Jahre Renaissance-Genie : Der Universalkünstler Leonardo da Vinci

Wie erkennt man Talent? Eine spannende Frage, insbesondere in der Kunst und bei einer schwierigen Quellenlage. Wie ein echter Detektiv hat sich der Kunsthistoriker Bernd Roeck in das Leben und das Werk Leonardo da Vincis eingegraben und unter dem Titel „Leonardo.

Der Mann, der alles wissen wollte“ eine im Jubiläumsreigen herausragende Publikation vorgelegt – vor 500 Jahren ist das Renaissance-Genie, der kulturell-wissenschaftliche Allrounder, der neugierigste und vielleicht universalste Künstler aller Zeiten gestorben. Ein aufregendes Buch, das wissenschaftliche Akkuratesse auf dem aktuellen Forschungsstand mit einem angenehm lockeren Stil und einem geradezu berauschenden Zeitgemälde der Renaissance verknüpft. Leonardo wurde in einer Epoche geboren, in der Beziehungen alles waren, die Herkunft entscheidend und die auf der Ebene von Handwerkern angesiedelten Künstler eine wahre Ochsentour vor sich hatten, um auf dem Markt oder bei Hof zu reüssieren. Am 15. April 1452 wurde Leonardo als Frucht einer flüchtigen Liaison zwischen dem angesehenen Notar Ser Piero und der Bauerntochter Caterina geboren.

Sprunghaftes Genie

Auf den ersten Blick nicht gerade ideale Startbedingungen. Auf den zweiten Blick doch: Ser Piero bekannte sich zu seinem Sprössling, hatte extrem gute Kontakte, die Leonardo immer wieder hochkarätige Aufträge bescherten. Die Leonardo zwar beherzt annahm, aber mitunter nicht ausführte – nicht ausführen konnte, weil ihn gerade etwas anderes interessierte. Sprunghaft und akribisch, neugierig und besessen davon, Lösungen für Aufgaben zu finden, die es noch gar nicht gab – Tauchgeräte und Roboter, Flugapparate und Kontinente verbindende Brücken. So schildert Roeck den umtriebigen Florentiner, der offenbar auch sexuell auf der Suche war.

1476 gerät der junge Leonardo ins Visier der „Offiziere der Nacht“, die in Florenz Jagd auf Homosexuelle machen. Leonardo wird von einem Denunzianten der „Sodomie“ bezichtigt. Ein paar Tage muss er im Verlies der Torre Vologana des Bargello verbringen. „Sta con Andrea Verrocchio“, er sei bei Verrocchio, notieren die „Offiziere“. Da war Leonardo noch in der Werkstatt des Bildhauers tätig. Roeck: Ob er auch das Bett geteilt habe, stehe in den Sternen.

Roeck ermittelt im Umfeld der Werkstatt minutiös erste Proben von Leonardos Talent: In Verrocchios Gemälde „Taufe Christi“ hat der Lehrling Leonardo den Meister an die Wand gemalt – sowohl einer der Engel als auch der duftige Landschaftshintergrund stellen die vom Werkstattchef gemalten Teile in den Schatten. In Verrocchios Bild „Tobias mit dem Engel“ ist es der von Leonardo gemalte hyperrealistische Fisch – den der Heilige an einer Schnur trägt –, der das Talent des Lehrlings offenbart. „Ein Bravourstück“, meint Roeck.

Wettkampf der Titanen

Leonardo markiert die Wende von der Frührenaissance mit ihren scharf gezeichneten Konturen und leuchtenden Farben zur Hochrenaissance mit ihren sanften Übergängen. Er erscheine als „apollinische Natur, als Meister unsterblichen Lächelns, nicht des kreativen Zorns“, schreibt Roeck. Ganz anders der als der insbesondere von Giorgio Vasari aufgebaute Gegner, der jüngere Michelangelo Buonarrotti. Beide Superhelden der Kunst treffen 1504 aufeinander: Michelangelo soll neben Leonardos in Arbeit befindlicher „Anghiari-Schlacht“ die „Schlacht von Cascina“ malen. Zwei Welten begegnen einander im Palazzo Vecchio: Leonardo, der Meister des unsterblichen Lächelns (dem Gigantomanie aber auch nicht fernlag), und Michelangelo, das das Muskelspiel liebende, cholerische Genie (das durchaus auch zu empfindsamen Sonetten fähig war). Der gerne als Kampf der Giganten hochgeschriebene Wettstreit der Titanen lässt Roeck vergleichsweise kalt. Dass sie jenseits des Projekts im Palazzo Vecchio Rivalen gewesen seien, dafür gebe es keine Beweise.

Wohl aber für Leonardos großes Talent, wie es sich etwa in der raffinierten Komposition und in der atemberaubenden Hintergrundzeichnung bei der „Anbetung der Magier“ in den Uffizien, im berührenden Porträt der Ginevra de' Benci, den Fassungen der „Felsgrottenmadonna“ oder der Reihe der wunderbaren Frauenporträts manifestiert, die im Bildnis der „Mona Lisa“ gipfelt.

Von Florenz nach Mailand und zurück

Roeck folgt Leonardo von der Lehre bei Meister Verrocchio und den ersten künstlerischen Schritten in Florenz nach Mailand (1481-1500) , wo er unter anderem am Hof der Sforza wirkt und „Das Abendmahl“ malt, wieder zurück über Mantua und Venedig nach Florenz (1500-1506), dann erneut nach Mailand (1506-1513) und schließlich zum großen Finale in Rom und auf das Schloss Clos Lucé in Amboise an der Loire, wo Leonardo vor 500 Jahren stirbt.

Man liest Roecks brillante Leonardo-Biografie am besten parallel mit Marianne Schneiders herrlichem, 2002 erstmals erschienenen, inzwischen ergänzten Werk „Das große Leonardo-Buch“, einer etwas verwirrenden und doch begeisternden Kompilation von Zeitzeugnissen und Quellen aus der Renaissance. Die wichtigste Quelle ist natürlich die schwärmerische Vita des Leonardo, die Giorgio Vasari, der bedeutendste Kunstbiograf der Renaissance, rund 30 Jahre nach Leonardos Tod verfasste: „Der Einfluss des Himmels gießt über manche menschlichen Geschöpfe so reiche Gaben aus, dass sie manchmal eher übernatürlich als natürlich erscheinen“, beginnt Vasaris Bericht über den genialen Florentiner. Ein weiterer Vorteil des Schirmer/Mosel-Bandes: Sämtliche Gemälde sind in exzellenter Qualität abgebildet.

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