Das ist das neue Album "Ghosteen" von Nick Cave

"Ghosteen" : Das ist das neue Album von Nick Cave

Autobiografisches Fundament von Nick Caves Album „Ghosteen“ ist der Tod seines Sohnes Arthur. Das Album erinnert an einen intimen Brief, der eigentlich gar nicht abgeschickt werden sollte.

In einer der schönsten Szenen von Jane Pollards und Iain Forsyths Dokumentarfilm „20 000 Days On Earth“ sitzt der australische Musiker Nick Cave mit seinen Söhnen Arthur und Earl vor dem Fernseher und isst Pizza. Der Film kam 2014 in die Kinos. Am 14. Juli 2015 stürzte Arthur Cave an der Südküste Englands von einer Klippe; er starb wenig später an seinen tödlichen Verletzungen.

Laut Obduktionsbericht hatte der 15-Jährige kurz zuvor mit einem Freund LSD genommen. Das 2016 veröffentlichte Album „Skeleton Tree“ von Nick Cave und seiner Band The Bad Seeds tauchte in ein musikalisches Universum ein, in dem sich konventionelle Songstrukturen weitgehend aufgelöst haben. Songs wie „Anthrocene“, „Jesus Alone“ und „Magneto“ spiegelten wie ein fiebriger Albtraum die Leere und Verzweiflung, die Cave nach dem Tod seines Sohnes empfunden haben muss.

Märchenhaftes Szenario

Das neue Album heißt „Ghosteen“ – wie eine Mischung aus „ghost“ (Geist) und Teenager –, war zunächst bei Streamingdiensten abzurufen und ist jetzt auch auf CD und Vinyl zu haben. Das Lied „Ghosteen“, zwölf Minuten lang, malt ein fantastisches, märchentraumhaftes Szenario. Drei Bären sitzen vor dem Fernseher. Sie altern im Zeitraffertempo, Papa-Bär schwebt, Mama-Bär hält die Fernbedienung, und Baby-Bär ist in einem Boot zum Mond gereist: „The three bears watch the TV / They age a lifetime, O Lord / Mama Bear holds the remote / Papa Bear he just floats / And Baby Bear he has gone /Gone to the moon in a boat /Oh in a boat.“

Caves Stimme ist trotz des zurückgenommenen Duktus hochemotional: voller Zärtlichkeit, Verlustgefühlen und Sehnsucht. Mit seinem autobiografischen Fundament erinnert „Ghosteen“ an einen intimen Brief, der eigentlich gar nicht abgeschickt werden sollte. Doch Cave und die Musiker Warren Ellis, Thomas Wydler, Martyn Casey, Jim Sclavunos und George Vjestica verwandeln die Konsequenzen einer existenziellen Katastrophe in Kunst. Sie übersetzen Schmerz in Schönheit. Die Soundlandschaften haben mehr mit Pink Floyd und Caves und Ellis’ Filmmusikkompositionen gemeinsam als mit dem klassischen Bad-Seed-Repertoire. Harmoniesatter Pop verbindet sich reizvoll mit atonalen Experimenten. Cave reizt die Möglichkeiten seiner Stimme aus, manchmal droht sie regelrecht zu ersterben. „It’s a long way to find peace of mind“, heißt es in dem 14-Minuten-Musikdrama „Hollywood“.

Man darf sich die bilder-, allegorie- und anspielungsreichen Songtexte als Dialog zwischen Vater und Sohn vorstellen und als Ansprache an die Mutter. „Nothing is something where something is meant to be“, reflektiert das Kind in dem Stück „Ghosteen Speaks“.

„Die Lieder auf dem ersten Album sind die Kinder. Die Songs auf dem zweiten Album sind ihre Eltern. Ghosteen ist eine wandernde Seele“, hat der 62-jährige Cave über die Struktur des Albums mitgeteilt. Die drei Eltern-Stücke „Ghosteen“, „Fireflies“ und „Hollywood“ dauern zusammen rund 30 Minuten. Leuchtkäfer oder Glühwürmchen („fireflies“) spielen eine zentrale Rolle in der Bilderwelt des Albums. Wir sind Photonen, abgestoßen von einem sterbenden Stern, Leuchtkäfer im Glas eines Kindes („We are photons released from a dying star / We are fireflies a child has trapped in a jar“), singt Cave. Das Glühwürmchen-Motiv transportiert eine nicht rational, sondern nur emotional zu begründende Hoffnung. Manche Mitglieder der Käferfamilie sind in der Lage, Lichtsignale zur Kommunikation auszusenden. Diese Art von Kontakt zum  verstorbenen Sohn imaginiert Caves lyrisches Ich. Die Religion spendet dem Sänger keinen Trost: „There ain’t no Lord“, erklärt er in „Bright Horses“. Gott existiert nicht.

Nick Cave And The Bad Seeds: Ghosteen. Beats International. Doppel-CD, Doppel-Vinyl-Album und als Download.