Syrischer Autor über Aleppo: Briefe aus der Hölle

Syrischer Autor über Aleppo : Briefe aus der Hölle

Der syrische Autor Niroz Malek harrte in der umkäpften Stadt Aleppo aus. Der Bonner Weidle Verlag bringt nun seine erschütternde Miniaturen-Sammlung „Der Spaziergänger von Aleppo“ heraus. Die Angst um den 70-Jährigen aber bleibt.

Das Schreiben über diesen Krieg ist schmerzhaft, sehr schmerzhaft“, bekennt der syrische Autor Niroz Malek im Nachwort zu seiner meisterhaften Miniaturen-Sammlung „Der Spaziergänger von Aleppo“, die gerade im Bonner Weidle Verlag auf Deutsch erschienen ist. Aber noch schmerzhafter dürfte das Leben in diesem Krieg sein: Malek, der im April 70 wird, hat im umkämpften Aleppo ausgeharrt. Seit 2011 tobte in dieser ehrwürdigen Stadt der Bürgerkrieg, Ende 2016 nahmen Regierungstruppen und regimetreue Einheiten die Stadt ein. Die Angst um Malek aber bleibt.

Über Facebook schickte er seine mitunter sehr kurzen Nachrichten aus Aleppo in die Welt, Beobachtungen, Todesmeldungen, Tagträumereien. 57 dieser Miniaturen hat er in dem Buch versammelt, Notizen eines Spaziergängers durch die Hölle. Da ist auch von besseren Zeiten die Rede. Wenn er in der Zuhur-Straße, wo er wohnt, seinen Rundgang beginnt, zu den vielen ehemaligen Cafés, zum zerstörten Ugharit-Kino mit seinen nostalgischen Erinnerungen und weiter zum Dschabiri-Platz zieht, wohin ihn sein Vater vor dem Putsch 1963 am Unabhängigkeitstag zu den Paraden mitnahm, schwelgt er in der Vergangenheit. Auf den Schultern des Vaters verfolgte der Junge damals die vorbeiziehenden Militärs.

Doch auch die kleinen Fluchten in die Kindheit können den Alltag in Aleppo nicht verdrängen. Malek schreibt von willkürlichen Verhaftungen, Erschießungen, von Medizinern, die in Untergrundkliniken arbeiten und plötzlich verschwinden. Malek schildert Momente, deren karger Realismus erschüttert, doch es gibt in seinem Buch auch geradezu surreale, poetische Episoden. Dann springen der Autor und ein Freund – nachdem sie etliche Checkpoints passiert haben – in einen blauen Chagall-Himmel.

Bisweilen machen Maleks Notizen vergessen, dass hier jeder Tag ein Fall von Tod oder Leben ist: Eben noch erfreut er sich der Schönheiten eines Parks, dann beschreibt er, wie dort Vermummte auf Passanten schießen, die in wilder Panik aus dem Kugelhagel zu fliehen versuchen.

Stromausfall, stumme Telefonleitungen, Granaten- und MG-Beschuss, Tod und Trauer begleiten den Tagesablauf des Autors. Der flüchtet sich dann und wann in Träume, in einen imaginären Tag: „An diesem Tag sehe ich mich in der Wärme, im Licht, in Ruhe durch mein weiträumiges Zimmer wandern, in den Händen einen Gedichtband mit dem Titel 'Liebesgedichte aus aller Welt'.“ Malek imaginiert die „Mondscheinsonate“ und „Für Elise“, erfreut sich der Zypressen im Park. „Ich hebe meinen Kopf und sehe den Tag in Begleitung der Sonne unter der Decke meines Zimmers spazieren gehen.“ Angesichts der Bilder, die uns über die Medien aus dem zerschossenen Aleppo erreichten, konnte man sich kaum vorstellen, dass in dieser Ruinenstadt ein gesellschaftliches Leben möglich war – Malek korrigiert den Eindruck, schildert Augenblicke trügerischer Normalität. Und doch ist dieses Leben eine ständige Begegnung mit dem Tod: Wenn er auf seine Streifzüge durch die Ruinen geht, weiß er nie, ob er lebendig zurückkommt, und wenn er zu Hause ist, weiß er nie, ob seine Bleibe nicht von einer Bombe getroffen wird. Malek geht in diesen Tagen auch auf Demonstrationen, immer im Wissen, dass er verhaftet werden kann. Dann passiert es. Er wird verschleppt, verhört, gefoltert.

„Lieber Leser: Ich bin gezwungen, diese Schreibübung hier zu unterbrechen, denn der Strom ist ausgefallen und ich habe keine Kerze“, schreibt er. Und dann fantasiert er über seinen eigenen Tod: „Als er am Morgen erwachte, stellte er fest, dass er tot war. Er verließ das Zimmer, in dem sich seine Eltern und Verwandten um sein Bett geschart hatten.“ Der Tote verlässt das Haus, wird an einem Kontrollpunkt festgehalten, wo er erfährt, er sei laut Ausweis schon „seit Jahren tot“.

Warum hat er sich dieses Leben in Angst angetan, warum ist er nicht wie so viele aus Aleppo, aus Syrien geflohen? „Ich bleibe hier, in meiner Wohnung, solange meine Seele weiterlebt“, schreibt er. Er wird seinen Nagib Machfus und König Lear nicht verlassen, „und wer wird diese Schallplatten von Beethoven, Tschaikowsky und Rachmaninow vor der Zerstörung retten?“ Als Dinan Hesso, Maleks Tochter, im Mai vergangenen Jahres diesen Text in Unserer Buchhandlung am Bonner Paulusplatz auf Arabisch vorlas, hatte sie Tränen in den Augen. „Der Spaziergänger von Aleppo“ hinterlässt mit seinen so drastischen wie poetischen Bildern auch beim Leser der Übersetzung das Gefühl einer tiefen Traurigkeit und Ohnmacht. Malek selbst will, siehe Nachwort, die Hoffnung nicht aufgeben.

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle Verlag, 139 S., 17 Euro