Rückblick auf die ersten Staffeln: Babylon Berlin erneut im TV zu sehen

Rückblick auf die ersten Staffeln : Babylon Berlin erneut im TV zu sehen

"Babylon Berlin" ist mit 40 Millionen Euro die bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion. Das Ergebnis entführt die Zuschauer ins Berlin der 1920er Jahre. Ein Blick auf die ersten beiden Staffeln.

Das Scheitern der Weimarer Republik wird immer wahrscheinlicher, linke und rechte Kräfte radikalisieren sich, die wirtschaftlichen Probleme sind nicht mehr zu leugnen - das ist Berlin im Jahr 1929. Kommissar Gereon Rath wird von Köln nach Berlin versetzt. Er soll den Kriminalfall eines von der Berliner Mafia geführten Pornorings lösen. Charlotte Ritter ist eine junge Stenotypistin und stets auf der Suche nach einem halbwegs gut bezahlten Job. Die beiden lernen sich im Berliner Polizeipräsidium kennen und ermitteln schließlich gemeinsam mit Raths Kollegen Bruno Wolter.

Das ist im Groben die Handlung der ersten beiden Staffeln der hochgelobten Serie "Babylon Berlin". Doch erfasst eine rein thematische Zusammenfassung noch längst nicht ihren Charakter. Basierend auf den historischen Kriminalromanen von Volker Kutscher ist eine Serie entstanden, die das Zeitalter sowie die gesellschaftlichen wie politischen Umstände kaum präziser hätte zeichnen können. Gemeinsam schufen ARD, die Produktionsfirma X-Filme, Sky und Beta Film zwei Staffeln mit je acht Folgen, die es mit internationalen Produktionen aufnehmen können.

Die Kontraste dieser Zeit werden von den Protagonisten wunderbar verkörpert: Gereon Rath, dargestellt von Volker Bruch, erlebt, wie Drogen, Mord und Extremismus zum Berliner Alltag dazugehören. Und die Figur des korrupten und gewaltbereiten Polizisten Bruno Wolter wird von Peter Kurth so überzeugend gespielt, dass viele Zuschauer wahrscheinlich ab der ersten Folge gewisse Antipathien entwickeln. Liv Lisa Fries hingegen zeigt in ihrer Rolle als Charlotte "Lotte" Richter, wie widersprüchlich der Alltag in Berlin auf seine stets ganz eigene Weise funktioniert.

Einer der Schauplätze ist das "Moka Efti", ein großer Nachtclub im Berlin der 1920er und 1930er Jahre. Romanautor Volker Kutscher blickt positiv gestimmt auf die Umsetzung seiner Schauplätze: "Es ist schon ein eigentümliches Gefühl, wenn die eigene Imagination plötzlich Formen annimmt. (...) Man taucht ein in das Berlin des Jahres 1929, ist ganz nah bei den Figuren mit ihren je eigenen Sorgen und Nöten, Hoffnungen und Leidenschaften. Die Figuren leben", sagte er in einem Interview nach Beendigung der Dreharbeiten der ersten beiden Staffeln.

Kosten von knapp 40 Millionen Euro

Professionalität hat ihren Preis: Der achtmonatige Dreh der ersten beiden Staffeln mit mehr als 200 Sprecherrollen und 300 Drehorten verschlang das Budget von knapp 40 Millionen Euro problemlos - damit ist Babylon Berlin die teuerste deutsche Fernsehproduktion und teuerste nicht-englischsprachige Serie aller Zeiten. Eine 15 000 Quadratmeter große Außenkulisse wurde auf dem Gelände der Babelsberg Studios für das Projekt eigens angefertigt - als Nachfolgerin der 1998 gebauten und 2013 abgerissenen "Berliner Straße", in der Filme wie "Sonnenallee", "Der Vorleser" und "Inglourious Basterds" gedreht wurden. Der High-Tech-Neubau kostete neun Millionen Euro.

Für bestimmte Szenen der Serie wurde sogar der halbe Alexanderplatz abgesperrt. Die Dreharbeiten schufen ein geteiltes Berlin: Die eine Hälfte des Platzes voller Passanten, die ihren Alltag im Jahr 2016 bestreiten, die andere wie in einer Zeitkapsel der Vergangenheit im Jahr 1929. Doch nicht nur in Berlin und Potsdam wurde gedreht, für einige Tage war das Drehteam im Rheinland unterwegs und nutzte sowohl das Schloss Drachenburg als auch das Siebengebirge als Kulisse. Doch der Star der Serie ist die Stadt Berlin. Selten wirkte ein Porträt der Hauptstadt der Weimarer Republik so authentisch, so schillernd und trist, so abschreckend und anziehend zugleich.

Gemeinsam mit Tom Tykwer ("Das Parfum") und Henk Handloegten war Achim von Borries für das Schreiben des Drehbuchs verantwortlich. Für ihn gibt es einen klaren Protagonisten: "Die Stadt Berlin steht im Mittelpunkt unserer Serie. 1929 war Berlin international, magisch, eine kosmopolitische Hauptstadt, die alle Welt anzog." Das sieht auch Handloegten so: "Wir zeichnen hier ein Sittengemälde, in dem Berlin wie ein Moloch erst alles anlockt und dann verspeist."

Dritte Staffel in Vorbereitung

Laut Kutscher geht es in der Serie nicht nur um eine einzige, homogene Welt. Das Elend des Arbeitermilieus, unvorstellbarer Reichtum der Großindustriellen, Arroganz der wirtschaftlichen Elite und die Spießigkeit des Kleinbürgertums werden thematisiert. Glücklicherweise gelingt es den Schauspielern, diese Komplexität zu transportieren. Ihr Spiel ist vielschichtig, sie zeichnen keine plakativen, überspitzten Abbilder bestimmter Schichten oder Gruppierungen. Das schätzt auch Schauspielerin Liv Lisa Fries: "Die Figur ist so erzählt, die kann ich spielen, bis ich sterbe", sagt die 28-Jährige. Die auf realen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen basierende Geschichte ist ebenfalls komplex. Denn Spekulation und Inflation zehren an den Grundfesten der Republik. Armut und Arbeitslosigkeit zermürben die Menschen. Zugleich wird dem Zuschauer ein Berliner Nachtleben präsentiert, das pulsierender und luxuriöser kaum sein könnte. Daneben zeigen die posttraumatischen Belastungsstörungen des Veteranen Rath, wie sehr der Erste Weltkrieg immer noch den Alltag der ersten deutschen Demokratie prägt. "Doch wir transportieren nicht nur die Geschichte Berlins in die Welt, sondern weisen am Beispiel der 20er Jahre weltweit auf die Gefahren für die Demokratie hin", sagt Christine Strobl, Geschäftsführerin von ARD Degeto.

Die ersten beiden Staffeln der Serie interpretieren Kutschers Kriminalroman "Der nasse Fisch". Eine dritte Staffel ist bereits in Vorbereitung und soll auf dem zweiten Gereon-Rath-Roman "Der stumme Tod" basieren. Geplant sind zwölf Folgen, die bis November 2019 fertig sein sollen. Volker Bruch und Liv Lisa Fries sind wieder als Hauptrollenbesetzung eingeplant.

Während Lotte in der ersten Staffel ihren beruflichen und familiären Frust wegtanzt, ist Gereon Rath in einem inneren Konflikt gefangen. Wer bei der Polizei loyal ist und wer nur zu seinem eigenen Vorteil handelt, ist oftmals nicht unmittelbar ersichtlich. Das aber ist die besondere Stärke des Serienprojekts: Die Zuschauer sind stets aufgefordert, mitzudenken, moralische Entscheidungen zu treffen und vorschnell gefasste Urteile zu hinterfragen.

Hier gibt es die Sendetermine der ersten beiden Staffeln.

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