Nachruf auf eine Soul-Diva: Aretha Franklin war unerreichte "Queen of Soul"

Nachruf auf eine Soul-Diva : Aretha Franklin war unerreichte "Queen of Soul"

Die Soul-Diva Aretha Franklin ist nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben. Ihre unvergleichlichen Stücke kamen aus direkt aus den Tiefen ihrer Seele. Ein Nachruf.

Dass es ihr nicht gut ging, konnte man bereits im vergangenen Sommer nicht übersehen. Aretha Franklin gab in der Freiluftbühne Wolf Trap ihr letztes Konzert in Washington. 7000 beseelte Zuschauer. Drei Generationen im Publikum. Ausverkauft. Auf die Bühne zu kommen fiel ihr schwer. Das unwiderstehliche Lachen in den Pausen zwischen den Songs, von denen viele ein halbes Jahrhundert und älter sind, wirkte gequält.

Nur ab und zu blitzte ihr Humor auf. Als ein Fan oben von den 25-Dollar-Billigplätzen auf dem Rasen vor der Bühne plötzlich „Aretha, wir lieben Dich“ rief, gab die Frau, die gerade mit einem Gänsehaut erzeugenden „Wo-oh-a-oh-oh“ ihren Hit „Chain Of Fools“ einleiten wollte, mit Glucksen zurück, „Okay, Herzchen, ich liebe Dich auch, wo sitzt Du?“. Kurz danach sang sie das 1987 mit George Michael aufgenommene „I Knew You Were Waiting (For Me)“. Darin heißt es: „Wie ein Krieger, der kämpft, um die Schlacht zu gewinnen….“

Aretha Franklin hat den vor acht Jahren begonnenen Kampf gegen den Krebs verloren. Seit Tagen bereits nahmen Anhänger und Freunde in Gedanken Abschied. Die sozialen Netzwerke liefen über vor Danksagungen und Erinnerungen. Am Donnerstag ist die in Memphis geborene Soul-Diva, die der Welt einen musikgenetischen Fingerabdruck der besonderen Art hinterlässt, in Detroit im Kreise ihrer Angehörigen im Alter von 76 Jahren gestorben.

Aus den Tiefen ihrer Seele

Nicht nur Amerika verbeugt sich in tiefstem R-E-S-P-E-C-T. Mehr als 50 Jahre ist es her, dass Aretha Franklin sich das gleichnamige Lied des großen Otis Redding aneignete. Sie stellte den Song, der von einem selbstgerechten Jammerlappen handelt, der über die harsche Gattin klagt, nicht nur emanzipatorisch vom Kopf auf die Füße. Mit ihrer spirituellen Stimme wurde das an alle Weißen adressierte Lied auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung um Dr. Martin Luther King zur inoffiziellen Nationalhymne im schwarzen Amerika.

In den „Fame“-Studios in Muscle Shoals/Alabama legte die Tochter des Baptistenpredigers Clarence Franklin 1967 mit „I Never Loved A Man The Way I Loved You“ das zwischen Lust und Erlösungssehnsucht angesiedelte Fundament für ihre Ausnahmekarriere: 40 Top-Ten-Hits, 18 Grammys, grenzenlose Bewunderung. Die Franklin, der man zu Anfang belanglose Liedchen auf den Leib schrieb, sang vor Päpsten und Präsidenten.

Jerry Wexler, damals Chef des Platten-Labels Atlantic, hatte erkannt, dass man die Klaviervirtuosin nicht in kompositorische Zwangsjacken stecken durfte. Die Naturgewalt ihrer Stimme entfaltete sich nur, wenn man der Franklin freien Lauf ließ. Dann aber galt: Tempotaschentücher bereithalten. Was sie aus den Tiefen der Seele hervorholte, konnte Granit zerbröseln lassen.

Präsident Barack Obama, für den sie bei der ersten Amtseinführung 2009 vor zwei Millionen Menschen sang, liefen bei einem Konzert Tränen übers Gesicht. Die zeitlebens unter Lampenfieber, Essstörungen und Flugangst leidende Hobbyköchin hatte sich im Kennedy-Center von Washington eines Rohdiamanten angenommen. „You Make Me Feel Like (A Natural Woman)“. Ein Jahrhundertsong aus der Feder von Carole King. Aber erst Aretha Franklin machte aus dem Stück die grandiose Hymne an die Weiblichkeit, an der sich jede Soulproduktion messen lassen muss.

Ekstasisch und makellos in den Höhen

Ein Lied mit jeder Faser zu erobern, sinnlich-gedämpft in den Tiefen, ekstatisch und makellos klar in den Höhen, war Aretha Franklin von Kindesbeinen an vertraut. Sie sang in der New Bethel Baptist Church ihres umtriebigen Vaters. Größen wie Ray Charles, Sam Cooke und Mahalia Jackson gingen bei den Franklins ein und aus. Eine Schule, die sie zum Vorbild werden ließ. Ob Whitney Houston, Alicia Keys, Chaka Khan, Donna Summer oder Lauryn Hill – sie alle standen oder stehen in den großen Schuhen einer Frau, die ihren Ausnahmestatus trotz vieler Schicksalsschläge bis zuletzt mit einer sympathischen Beiläufigkeit lebte. Als junges Mädchen musste sie den Tod der Mutter verkraften. Mit 16 hatte sie selbst bereits zweimal entbunden. Zwei weitere Kinder, zwei Ehen, Liebschaften und der Alkohol kamen dazu. Die Kraft ihrer Kunst war stärker.

Nie klangen ihre Kopien wie Kopien. Das beste Beispiel dafür ist „I Say A Little Prayer“. Burt Bacharach komponierte die federleichte Musik, die in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken zigtausendfach gehört und gepostet wurde. Hal David schrieb den Text, dem Kirchen und Kosmetikindustrie auf ewig dankbar sind: „The moment I wake up, before I put on my makeup, I say a little prayer for you.“ Zuerst war der Song im Repertoire von Dionne Warwick. Dann kam Aretha Franklin, zog sich das Lied an wie eine zweite Haut. Passte wie angegossen.

„Ich möchte nur wie eine Melodie in deinem Kopf sein“, heißt in es in ihrem Lied „Take Me With You“. Schon geschehen, Aretha. Für immer.