Theater Bonn führt in der Werkstatt "Die Installation der Angst" auf

Premiere im Theater Bonn : Es gibt kein Entrinnen

Clara Weyde inszeniert Rui Zinks „Die Installation der Angst“ in der Werkstatt des Theaters Bonn

Angst wird gebraucht. Angst ist eine Art biologische oder soziale Alarmanlage. Angst ist ein äußerst wirksames Machtinstrument; ihre politische Verwendung ist nicht erst in den letzten Jahren allenthalben präsent. Angst vor Terror, Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen, vor Fremden, vor der zunehmenden Komplexität der Welt und der Unsicherheit der eigenen Position im Leben. Was wäre, wenn man die Angst in allen Wohnungen installieren könnte wie einen Internetanschluss und ähnlich kontrollierbar machte?

Der in seiner Heimat sehr bekannte portugiesische Autor Rui Zink (*1961) hat dazu eine tiefschwarze Parabel verfasst. Seine 2012 erschienene Erzählung „Die Installation der Angst“ – auf Deutsch veröffentlicht 2016 im Bonner Weidle Verlag – wirft einen bitterbösen Blick auf die Mechanismen der Macht.

Zwei Männer erscheinen in der Wohnung einer alleinstehenden Frau, um dort die Angst einzurichten. Das sei eine patriotische Pflicht: „Für das Allgemeinwohl ist es unerlässlich, dass die Angst zügig und korrekt installiert wird und fristgerecht in Betrieb geht.“

Christan Czeremnych spielt den eloquenten Techniker Carlos, der sein innovatives Produkt perfekt anpreist. Wilhelm Eilers gibt seinen älteren Gehilfen Sousa, der nicht ganz so wortreich konkrete Ängste evoziert. Merkwürdig gefasst lässt Lydia Stäubli als die namenlose Frau die Redeflut über sich ergehen. Der Besuch passe ihr gerade gar nicht, außerdem sei die Toilette kaputt. Dass sie ihr Kind im Bad versteckt hat, deutet die Inszenierung von Clara Weyde nur mit kleinen Signalen an. Sie präsentiert Zinks als dialogisches Kammerspiel aufgebaute absurde Novelle in der Werkstatt mit frecher Ironie und kostet den Wiedererkennungswert der wilden Textmontage aus populären Phrasen, Marketing-Speech, Real- und Kinozitaten, politischen Gegenwartsanspielungen, Mythen und Märchen lustvoll aus.

Sogar die blaue Europa-Sternenflagge und Charpentiers Eurovisions-Fanfare (nicht die in Bonn allgegenwärtige Freudenhymne) werden reanimiert. Zur Verbesserung der Servicequalität werde das Gespräch aufgezeichnet, heißt es am Anfang. Was drinnen in der Wohnung der Frau abläuft, wird per Video (mit knapp eine halben Stunde reichlich lang – man wartet sehnlich auf Live-Schauspiel) auf die Außenwände projiziert. Bühnenbildnerin Anna Bergemann hat dafür einen riesigen Kasten mit beweglichen Lamellenwänden entworfen, der ständig die Wahrnehmungsperspektiven verschiebt und einen Raum zwischen dem Privaten und Öffentlichen eröffnet. Jeder Schein trügt, die Wirklichkeit ist ein Spiel mit durchsichtigen Fälschungen.

Die Männer in gestreiften Arbeitsanzügen (Kostüme: Clemens Leander) steigern sich in immer groteskere rhetorische Konstruktionen zwischen verbaler Anbiederung und körperlicher Bedrohung, bis ihnen die Sätze quasi im Mund zerfallen und die Aktionen zu einer bizarren Performance geraten. Zur hintergründig leisen Musik von Thomas Leborg wagt Sousa ein Tänzchen mit der Frau im grünsamtenen Overall und taucht auch mal als Horrorclown auf. Die widerspenstige Frau landet kurz in einem Pappkarton, aber sie kann nicht nur Kuchenfladen auf Glatzen pappen, sondern hat auch solides Handwerkszeug (beispielsweise eine Motorsäge) griffbereit.

Es fließt also echtes Theaterblut (wegen verschlossenen Klos auch anderer besonderer Saft), bis die Dame ihr schauriges Geheimnis lüftet. Verraten sei nur: Sie hat schon ziemlich früh mit sanftem Grimm die Geschichte von Hänsel und Gretel herbeibeschworen. Nach pausenlosen, höchst kurzweiligen 100 Minuten mit vielen witzigen Regie-Überraschungen bei der ausverkauften Premiere am 31. Oktober (passend zum Halloween-Geisterspuk) munterer, langer Beifall.

Nächste Vorstellungen am 6./8./15./21./28. November jeweils um 20 Uhr, Werkstatt des Theater Bonn. Karten u.a. bei allen Ticketshops des GA.