"Shadowland 2" in Köln: Tanzensemble Pilobolus: Am Anfang war der Schatten

"Shadowland 2" in Köln : Tanzensemble Pilobolus: Am Anfang war der Schatten

Das Ensemble Pilobolus aus dem US-Bundesstaat Connecticut arbeitet mit Schattenspiel, Tanztheater, Zirkus, Märchen, Stummfilm und Popmusik. Die vielköpfige Gruppe präsentiert jetzt in der Philharmonie Köln „Shadowland 2“.

Ein Arbeiter, eingesperrt in eine trostlose Fabrik, tut etwas Verbotenes: Er öffnet ein Paket. Darin entdeckt er ein Zwitterwesen, halb Mensch, halb Strauß mit langem Hals. Es ist nur als Schattenspiel zu sehen. Mit seiner Kollegin, in die er verliebt ist, füttert er das mythische Wesen, das die Freiheit symbolisiert. Da erwacht es zum Leben und führt sie an die Orte ihrer Fantasie. Aber im Reich der Schatten gibt es auch einen dubiosen „Herrscher“, der die Menschen und die Tiere kontrolliert – und das zauberhafte Wesen aus der Schachtel in seinen Besitz bringen will.

Das Ensemble Pilobolus weckt in der Bühnenproduktion „Shadowland 2“ eine uralte Theaterform zu neuem Leben: Elemente aus Schattenspiel, Tanztheater, Zirkus, Märchen, Stummfilm und Popmusik verschmelzen zu einem eigenen Genre. Nach dem internationalen Erfolg der abendfüllenden Produktion „Shadowland“ präsentiert die vielköpfige Gruppe aus dem US-Bundesstaat Connecticut jetzt den Nachfolger, der schlicht mit „Shadowland 2“ betitelt wurde.

Im Lauf der Handlung von „Shadowland 2“ treten roboterhafte Aliens in Erscheinung, und es kommt zu einer Entführung auf einen fremden Planeten. Wie im klassischen Märchen muss der Held in dieser Dystopie mehrere Aufgaben lösen, um am Ende zu einer neuen Stufe der Erkenntnis zu gelangen. Die Handlung ist wenig komplex und appelliert an die kindliche Vorstellungskraft, trotz allem ist sie nicht immer verständlich.

Grenze zwischen Poesie und Kitsch verschwimmt

„Im Moment beobachten wir überall, wie das, an das wir immer glaubten, auseinanderbricht: die Werte, die Moral, der Sinn, die Aufklärung“, sagt Shadowland-Produzent Itamar Kubovy bei einem Gespräch mit dem General-Anzeiger in Berlin. „Wenn unsere Kultur aber fortbestehen soll, dürfen wir bestimmte Werte und Ideen nicht aufgeben. Wir Künstler arbeiten heute jedoch mit völlig anderen Mitteln und vielen verschiedenen Medien.“

Die Schattenrisse hinter der Leinwand folgen dem Prinzip eines Kaleidoskops: Die Tänzer formen mit ihren Körpern die Konturen weltberühmter Gebäude wie Big Ben, dem Eiffelturm, die Freiheitsstatue, das Brandenburger Tor oder die Skyline von Manhattan. Dann purzeln sie, für die Zuschauer sichtbar, auseinander wie die Teile eines Magic Eye und setzen sofort wieder ein neues Bild zusammen. Alice im Wunderland trifft auf den Cirque Du Soleil mit sehr komplexen Schattenfiguren. So jedenfalls beschreibt es Kubovy.

Gespielt wird mit Licht und Schatten auf großen und kleinen Leinwänden, die von Bühnenarbeitern zu einer Einheit zusammengefügt werden.

Die Bühnengestaltung ist äußerst karg, denn die Tänzer, deren Darbietungen eher an Artistik denn an klassisches Ballett erinnern, brauchen viel Platz, um die zum Teil poetischen Bilder darstellen zu können.

Doch ist die Grenze zwischen Poesie und Kitsch nicht immer klar zu benennen in diesem Potpourri aus Tanztheater, Schattenspiel, Akrobatik, Zirkus, Märchen, Science Fiction, Stummfilm, Comic und Popmusik. Wobei Pilobolus diesmal nicht der Kraft des reinen Schattentheaters vertraut, sondern immer wieder auch reale Szenen zeigt. Dabei treten die Tänzer vor oder neben die Leinwand.

Nahezu alle Requisiten wie Autos, Raketen, Pflanzen und Gebäude werden von Menschen „verkörpert“, zum Teil unter Zuhilfenahme von simplen Schablonen aus Pappe. Wie bei der Laterna Magica nutzen die Macher von „Shadowland 2“ die Illusionswirkung von Lichtbildern im dunklen Raum, um sie als Wirklichkeit erscheinen zu lassen.

„Man kann das Stück als Unterhaltung, als Fabel oder Märchen sehen, es steckt auf jeden Fall eine tiefere Bedeutung darin“, sagt Steven Banks, der sich den Plot ausgedacht hat.

Der 62-jährige Autor, Musiker, Schauspieler und Comedian aus Los Angeles hat als Drehbuchschreiber und Produzent für die erfolgreichen US-TV-Serien „SpongeBob Square Parts“ und „Two And A Half Man“ gearbeitet und wurde bereits für einem Emmy nominiert.

Banks ist mit den Märchen der Gebrüder Grimm aufgewachsen. „Wer ist nicht von ihnen beeinflusst? Schauen Sie sich nur mal die Star-Wars-Filme an. Darin gibt es alle Elemente aus den Grimmschen Märchen: den Schurken, die böse Schwiegermutter, die gemeine Hexe, Prinzessinnen und Prinzen, Wiedergeburt, Menschen, die sich in Tiere verwandeln und umgekehrt. All dieser Stoff ist in unsere DNA übergegangen“, erklärt Banks.

Tanzkompanie Pilobolus existiert seit 1971

„Ich habe einmal ein Stück inszeniert, das auf den Grimmschen Märchen basiert. Sie sind sehr dunkel, aber Kinder können nach wie vor etwas von ihnen lernen.“ Der Begriff „Grimm“ sei sogar in den amerikanischen Sprachgebrauch übergegangen. „Es bedeutet so viel wie grimmig“, sagt Banks.

Untermalt wird das Geschehen von der Musik des leicht spleenigen US-amerikanischen Sängers und Songschreibers David Poe, der am Abend der Welturaufführung im Berliner Admiralspalast die ganze Zeit barfuß herumläuft und am nächsten Tag prompt mit Fieber im Bett liegt. Die einzigen Textteile in dem ansonsten stummen Stück entstammen seinen Songs. Diese erinnern musikalisch an Pink Floyd, aber auch an den zackigen New Wave der frühen 80er Jahre und an Trip-Hop.

Die moderne Tanzkompanie Pilobolus existiert bereits seit 1971 und hat weit mehr als 100 Projekte in 64 Ländern realisiert – und dafür zahlreiche Preise eingeheimst. Höhepunkte ihrer Karriere waren Auftritte bei der 79. Oscar-Verleihung und der Oprah Winfrey Show. Pilobolus-Mastermind Itamar Kubovy wurde in Israel geboren und lebt seit seiner frühen Kindheit in den USA. Sein Vorname stammt aus dem Alten Testament.

Anfang der 90er Jahre war der Endvierziger mit der auffälligen Hornbrille eine Zeit lang Dozent an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Berlin und lernte dabei viel über die deutsche Diskussionskultur. Seitdem ist es für den Theatermacher natürlich, alles zu hinterfragen und wissen zu wollen, was für „normale“ Menschen meist nur nervig ist.

„Meine Eltern haben mich Itamar genannt, weil ich mit meiner Kunst Mauern einreißen soll wie die Trompeter von Jericho“, sagt Kudolny. Kein Wunder, dass Shadowland in der ehemaligen Mauerstadt Berlin auf gewisse Weise zu Hause ist.

Info: Pilobolus, "Shadowland 2", Köln, Philharmonie 25. Juli bis 6. August, Karten ab 32 Euro plus Gebühren in den GA-Geschäftsstellen, unter Tel. (0228) 50 20 10 und www.bonnticket.de; www.shadowland-show.de

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