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Aufregende Klassiker-Premiere: Tanz den Kampf der Kulturen

Aufregende Klassiker-Premiere : Tanz den Kampf der Kulturen

Herausfordernder Abend in den Kammerspielen: „Nathan“ nach Lessing und mit Texten von Muslimen aus Bonn. Die auf der Bühne aufgerufenen Positionen reichen vom fanatischen Islamismus bis zum ausländerfeindlichen Ressentiment.

Ausverkauftes Haus, gespannte Erwartung, ein herausfordernder Theaterabend, am Schluss Begeisterung im Parkett – sind das die neuen Kammerspiele? Lange ist die Kammer in Bad Godesberg, die ihre Zukunft als erste Spielstätte des Sprechtheaters seit Kurzem sicher hat, nicht mehr so lebendig gewesen.

Lessings „Nathan der Weise“ stand auf dem Spielplan, genauer: „Nathan“ nach Lessing und mit Texten von Muslimen aus Bonn. Volker Lösch, bekannt durch seine „Waffenschweine“ am selben Ort, hat das 1783 in Berlin uraufgeführte „Evangelium der Toleranz“ (Theodor Fontane) auf eine Zeitreise geschickt: ins Herz der Gegenwart. Dieses Herz blutet.

Gleich zu Beginn erhebt sich die Stimme von Glenn Goltz aus der neunten Reihe. Goltz, der einen Lehrer verkörpert, ist mitten unter den Zuschauern. Er berichtet schlagwortartig vom Kampf der Kulturen, der seinen Ausdruck in internationalen islamistischen Terroranschlägen finde. New York, 11. September 2001, dient als eines von vielen Beispielen für die Erkenntnis, dass nicht alle Muslime Terroristen seien, aber alle Terroristen Muslime.

Dann wird es lokal. Goltz nennt in einem Atemzug Bonn, Bad Godesberg, Salafisten und Bomben und stellt fest: Das mit den Bomben könne doch auch in einem Theater passieren. Goltz’ Verweis auf Samuel Huntingtons prophetisches Buch „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“ aus dem Jahr 1996 endet mit einem Eingeständnis: „Ich hab’ Angst. Ich hab’ wirklich Angst.“

Nach dem Vorspiel in den Kammerspielen kommt Lessing immer noch nicht zu seinem Recht. Kein Nathan, nirgends. Stattdessen eine Schulklasse mit Muslimen – dargestellt von Semiha Akyayla, Nima Bazrafkan, Nour-Eddine Harrach, Aykut Ali Ismail Ötün, Sinem Kakalic, Nina Karimy, Jaschar Markazi Noubar, Jasmin Mourad, Arash Nayebbandi, Mihrab Tunc, Sümeyra Yilmaz und Damon Zolfaghari – und Goltz als Erzieher. Ein Schüler fehlt, er kämpft offenbar im „heiligen Krieg“.

Im Chor (Chorleitung: Tim Wittkop) blättern die Schüler ihre Biografien auf, breiten die Widersprüche und Widrigkeiten ihrer Existenz in Deutschland aus. Sie tanzen auch. „Der Islam war der Fortschritt“, heißt es einmal. Daneben steht das Hohelied auf Dschihad und Scharia. Argumente werden wie in einem Duell ausgetauscht. Die Texte der Bonner Muslime sind natürlich theatralisches Spielmaterial, aber geerdet in der Wirklichkeit.

Plötzlich geht als Folge einer Detonation ein Riss durchs Klassenzimmer, es zerbricht in zwei Teile. Dazwischen fügt sich die gelbe Nathan-Bühne ein. Sie besitzt die Form eines aufgeklappten Reclam-Bandes (Bühne und Kostüme: Cary Gayler). Bernd Braun als Nathan hebt zur berühmten Ring-Parabel an, diesem Meisterstück talmudischer Dialektik. In ihr formuliert sich Lessings Vision aus: dass nicht die Religion den Menschen ausmache. Dass es für den inneren Wert gleichgültig sei, ob einer Jude, Christ oder Muselmann ist. Die Konkurrenz der Religionen betrachtet der weise Jude Nathan als Mit-, nicht als Gegeneinander. „Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!“, empfiehlt er, und zwar mit „herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, / Mit innigster Ergebenheit in Gott“.

In den Kammerspielen bringt Bernd Braun seine Rede nicht zum idealistischen Happy End. Die Vision ist von Bomben bedroht, er muss abbrechen. Volker Lösch und sein Ensemble unterziehen Lessings Aufklärer-Drama dem Wirklichkeitstest. Da kann das 18. Jahrhundert nur verlieren. Auch später, als Brauns Nathan die Parabel zu Ende erzählen kann, schwebt er in Gefahr. Der Säbel des Saladin an Nathans Hals bestimmt den Duktus des Vortrags. Die Inszenierung – zwei Stunden ohne Pause – ist ein Dialog zwischen den Nathan-Bruchstücken, die Lösch ausgewählt hat, und den Reaktionen der Muslime und ihres Lehrers. Was zu hören ist, klingt mal moderat und differenziert, mal einfach nur mörderisch.

Die auf der Bühne aufgerufenen Positionen reichen vom fanatischen Islamismus bis zum ausländerfeindlichen Ressentiment. Der Erkenntnisgewinn fürs Publikum besteht darin, dass keine einfachen Lösungen in Sicht sind. Zum Beispiel Lösungen für Identifikationsprobleme von jungen Deutschen mit sogenanntem Migrationshintergrund („Wer, verdammt, sind denn wir?“); Lösungen für die Scheu, ja Angst in Deutschland vor den vermeintlich Fremden. Auch Antisemitismus in Bad Godesberg kommt in einer intensiven szenischen Miniatur zur Sprache.

Lösch und Co. kennen keine Tabuzonen. Vorurteile wie „Alle Muslime sind potenzielle Terroristen“ bebildern sie plakativ, auf drastische Weise, wenn sich die Muslime in eine wilde Islamistentruppe verwandeln. Bärte, Sprengstoffgürtel und Dschihadisten-Fahne machen’s möglich. Der Chor aus dem Agitproptheater tritt auf und hämmert seine Einsichten in die Köpfe der Zuschauer. Auch eine Exekution, besser: ein Massaker gehört zum Repertoire der Aufführung. Sowie ein bunter Burka-Tanz. Diese Inszenierung hat Humor, schwarzen Humor.

Und Lessing? Er behauptet sich vor allem in den von Bernd Braun getragenen Szenen. Er lässt als Nathan ahnen, wie hart der Weg von hilfloser Raserei zu höherer Vernunft dieses reichen Mannes gewesen sein muss, der in seinem Leben so viel verloren hat. Julia Keiling verkörpert Nathans Tochter Recha als junge Frau unserer Zeit. Jan Jaroszek als Tempelherr erscheint wie ein westlicher Soldat, der seiner Mission im Nahen Osten psychisch nicht gewachsen ist.

Birte Schrein und Daniel Breitfelder schlüpfen in die Rollen von Sittah und Daja respektive Patriarch und Saladin und legen im satirischen Format charakterliche Schwachstellen bloß: Weder Christentum noch Islam erschaffen bessere Menschen.

Glenn Goltz gelingt es in einer darstellerischen Tour de force, das 18. mit dem 21. Jahrhundert zu verbinden. Seine Figur spiegelt die Konflikte und die Komplexität unserer Epoche. Manuel Zschunke (Klosterbruder und Derwisch) komplettiert ein starkes Ensemble.

Goltz lässt gegen Ende eine selbstironische Pointe los. „Ich will Nathan – ohne Fremdtext“, ruft er. Das Publikum sah es mit Recht anders und dankte begeistert klatschend für einen an- und aufregenden Abend.

Die nächsten Aufführungen: 19., 24. (beide Vorstellungen ausverkauft) und 28. Februar; 3., 5., 10. und 17. März. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.