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Kleines Theater in Bad Godesberg: Streit der Gelehrten

Kleines Theater in Bad Godesberg : Streit der Gelehrten

Daniel Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ auf der Bühne des Kleinen Theaters: Eine ganze Menge vom Charme der Vorlage ist dabei erhalten geblieben.

Was leistet Wissenschaft? Was schaffen zwei, die den „Kopf in den Sternen“ haben, aber im praktischen Leben, auf der Gefühlsebene glatte Versager sind? In Dirk Englers Dramatisierung des gleichnamigen Bestsellerromans von Daniel Kehlmann von 2005 vermessen sie auch im Kleinen Theater nichts weniger als die Welt – um dabei eigentlich am meisten über sich selbst zu erfahren, wenn sie das denn wahrhaben wollen.

„Was uns auch jetzt immer noch bleibt, lieber Freund, ist die Neugier“, sagt in der Inszenierung der Landesbühne Rheinland-Pfalz am Ende zweier langer Wissenschaftler-Leben der Entdeckungsreisende Alexander von Humboldt zum Top-Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Denn die gebeugten alten Herren geben nicht auf. Wissenschaft bleibt immer wissbegierig. Den exotischen Welterkunder wird es bald sogar noch ins weite Russland ziehen. Der kleinbürgerliche Astronom wird weiter aus dem warmen Stübchen sein Fernglas ins All richten, aber eben sehr wohl auch aufs eigene Leben.

Er selbst, die arme Kirchenmaus, habe sein täglich Brot als Landvermesser in nervender Verhandlung mit bäuerlichen Quadratköpfen verdienen müssen, ätzt Gauß unter der dunklen Mütze. Makke Schneider lässt den einst von den violetten 10-DM-Scheinen griesgrämig blickenden Gauß auf der Bühne mit großer Spielfreude aufleben. Und der Kollege von Humboldt, seines Zeichens Kammerdiener in Berlin, den Stephan A. Tölle zwei turbulente Bühnenstunden lang in brillanter Mischung aus heiligem Ernst und Trotteligkeit gibt? „Sie werden doch vom König eigentlich nur fürs Essen und Plaudern bezahlt“, kennt Kollege Gauß auch diesem Bruder im Geiste gegenüber kein Erbarmen. Wobei der Neid in Gauß zu fressen scheint. Eigentlich sei es ja egal, ob einer in den südamerikanischen Kordilleren oder daheim am Schreibtisch forsche, sinniert der Mann der großen Geistessprünge. Wer gelte in dieser Welt aber mehr? Dann doch wohl der adelige von Humboldt, dessen berühmter Bruder dafür sorge, dass auch noch jede Bergbesteigung zu Hause hübsch in die Zeitung kommt.

Nach Kehlmanns süffigem Roman sind die beiden Genies 1828 in Berlin beim Deutschen Naturforscher-Kongress aufeinandergetroffen. Unter der Regie von Stephanie Jänsch tun sie das im Kleinen Theater auf einem geschickt wandelbaren Bühnenhügel. Eben noch ist er das zerwühlte Bett, aus dem Gauß' ungeliebter Sohn (Tino Leo) den schimpfenden Vater ab zum Kongress zieht. Dann wird er zum Urwald am Orinoco, wo der naive von Humboldt an feixende Kannibalen gerät (Matthias Kiel). Gauß, in jeder Lebenslage auf der Suche nach dem mathematischen Prinzip, wird genau deswegen auf dem Hügel seine Frau (Eva Wiedemann) verlieren.

Und dann flirrt ja hier auch noch Wolf Guido Grasenick in immer neuen Rollen über die Bühne: als blasierter Wolfgang von Goethe, der sich dem Publikum direkt andient: „Der Faust ist von mir, schon gehört?“, oder als tänzelnd oberflächlicher Herzog von Braunschweig: „Rechnen Sie mir 'was vor, Gauß“.

Das offensichtlich Roman-kundige Premierenpublikum hatte auf jeden Fall seine Freude am Kehlmann'schen Gedankenfeuerwerk. In den großen Schlussapplaus mischten sich schon wegen der ausgezeichneten Ensembleleistung Bravorufe. Wobei jeder Dramatisierung oder Verfilmung von Epik natürlich immer die Gefahr innewohnt, abzustürzen. Detlev Bucks 3-D-Film von 2012 hat manch ein Kritiker genau das vorgeworfen. Interessanterweise war Kehlmann selbst am Film beteiligt. Regisseurin Stephanie Jänsch hat offenbar daraus gelernt. Die Rahmenhandlung belässt sie bewusst bei. Und erlaubt es ihren Vermessern der Welt auch nicht, in Klamauk abzurutschen.Eine ganze Menge vom Charme des Kehlmann-Buches hat sich also ins Kleine Theater gerettet.

Bis Ende Juni auf dem Spielplan. Infos: kleinestheater-badgodesberg.de