Neue Formen und Inhalte an deutschen Bühnen: Sie wollen das Theater neu erfinden

Neue Formen und Inhalte an deutschen Bühnen : Sie wollen das Theater neu erfinden

In Berlin und München werden die umstrittenen künstlerischen Positionen der neuen Intendanten Chris Dercon und Matthias Lilienthal heftig diskutiert.

Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne. Als Chris Dercon und sein Team ab 1. August neben der Leitung der Berliner Volksbühne auch deren Medienkanäle übernahmen, lösten sie einen Entrüstungsorkan aus. Und zwar mit esoterischem Geschwurbel, das doch Weichspülerwirkung haben sollte. „Die Sinne schärfen. Sich ins Detail versenken. Das Gesamte vom kleinsten Teil denken. Lauschen. Flüstern. Klein werden. Raus aus dem Totalzusammenhang. Kommt zusammen!“

„Ist das auch glutenfrei?“ war noch die harmloseste Reaktion auf diese Facebook-Lyrik, die manche an Yoga-Rhetorik oder Achtsamkeitsseminare erinnerte. Während dem „Stückezertrümmerer“ Frank Castorf zum Volksbühnenabschied nach 25 Jahren hymnische Kränze geflochten wurden, steht der belgische Nachfolger im oft hassgeschwängerten Gegenwind.

Zwar hat der Neue einst Theaterwissenschaft studiert, dann aber nur noch Ausstellungen kuratiert und große Museen geleitet, zuletzt die Tate Modern in London. Als Dercon vor einem knappen Jahr Kölns Museum Ludwig zum Jubiläum gratulierte, mahnte er schon die Durchmischung von bildender und darstellender Kunst an.

In Berlin empfinden viele solche Ankündigungen als Attacke aufs Ensemble- und Repertoiretheater und befürchten eine elitäre „Eventbude“. Zumindest im ersten Spielplan des Debütanten fehlen denn auch Star-Regisseure wie René Pollesch, Herbert Fritsch oder Christoph Marthaler, die den Ruf der Bühne hochhielten.

Dass es auch in Castorfs Ära dröhnenden Leerlauf gab, wird nun geflissentlich übersehen. Doch Dercons Konzept mit viel Performance und Tanz, einem Projekt des allgegenwärtigen Künstlers Tino Sehgal sowie Yael Bartanas szenischer Konferenz „Was, wenn Frauen die Welt regieren“ nährt einen Verdacht: dass hier traditionelles Theater zugunsten theorielastiger Experimente entkernt werde. Da hilft auch Beckett als Spielplan-Gegengift nichts.

Nun sollten sich moderne Stadttheater tunlichst nicht darin erschöpfen, die Heldenbüsten von Goethe, Schiller und Shakespeare regelmäßig abzustauben. Doch ob ein fachlich unbeleckter Quereinsteiger mehr frischen Wind als heiße Luft ins alte Gemäuer am Rosa-Luxemburg-Platz bläst, bezweifeln manche.

In München hat Matthias Lilienthal, pikanterweise ein Zögling von Castorf, in seiner zweiten Saison die renommierten Kammerspiele auf 63 Prozent Platzauslastung heruntergespielt. Und doch hält er, so die Süddeutsche Zeitung, an seinem „Performance-, Diskurs- und Soziotheaterprogramm“ fest. Mit ähnlichem Konzept war er 2002 beim „Theater der Welt“ in Köln, Bonn, Düsseldorf und Duisburg angetreten: Aufführungen in Gefängnissen, Wohnungen oder Galerien sollten neue Formate kreieren – ohne Rücksicht auf Publikumsverluste. Dennoch glaubte auch die Münchner Politik, solch subversives Theater gerade mit Blick auf die forsche Metropole Berlin unbedingt zu brauchen. Und nun gibt's noch einen Nachschlag: Okwui Enwezor, Dercons Nachfolger als Chef im „Haus der Kunst“, lässt sich dort eine „Universalbühne“ einbauen, die ebenfalls „Interventionen“ ermöglichen soll. Doppelter Diskurs hält besser.

In Berlin hingegen will sich die Politik nach der Sommerpause erneut kritisch mit dem Konzept des Neu-Intendanten (59) befassen. Die Kulturausschussvorsitzende Sabine Bangert meint: „Herrn Dercon ist es bei seiner Anhörung im Ausschuss nicht gelungen, die Zweifel auszuräumen, ob er seine Aufgabe vertragsgemäß erfüllt.“

Sieht fast so aus, als ob in diesem Vertrag doch Theater gewollt sei, das mit Bühnenbild, Musik, Text und Spiel ja ohnehin stets Gesamtkunstwerk ist. Auch ohne wortreich annoncierte Sprünge über Spartengrenzen.

Mehr von GA BONN