„Oxygène“ von Jean-Michel Jarre: Sauerstoff für die Sinne

„Oxygène“ von Jean-Michel Jarre : Sauerstoff für die Sinne

Vor 40 Jahren bringt der Franzose Jean-Michel Jarre sein bahnbrechendes Album „Oxygène“ auf den Markt. Der Impressionist unter den Elektronikern ist auch mit 68 ein weltweit gefeierter Gebieter über Raum und Klang.

Musik aus Synthesizern gab es anno 1976 schon zuhauf: Die deutschen Elektronikpioniere von Kraftwerk brachten im Jahr zuvor „Radio-Aktivität“ auf den Markt und hielten im Frühsommer 1976 damit wochenlang Position eins der französischen Charts. 1974 sammelte Kraftwerk erstmals weltweit Goldene Schallplatten für „Autobahn“. Mit der monoton klingenden Single-Auskopplung des Titelstückes eroberten die Düsseldorfer in den USA die Billboardcharts.

Als ein junger Mann namens Jean-Michel Jarre am 5. Dezember 1976 sein Album „Oxygène“ herausbringt, führen eher Punkrock, Glamrock und Disconummern die internationalen Hitlisten an. Nur eine winzige Pariser Plattenfirma ist bereit, den Tonträger mit in-strumentaler, klar durchnummerierter Synthesizermusik (die Stücke heißen Oxygène I bis VI) per Kleinstauflage in ausgesuchten Hi-Fi-Läden feilzubieten. Vier Jahrzehnte später ist „Oxygène“ mit seither mehr als zwölf Millionen verkaufter Tonträger die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten.

Gar 80 Millionen Tonträger hat der mittlerweile 68 Jahre alte Franzose weltweit verkauft. Nicht selten dienen ihm nicht Konzertsäle als Bühne seiner Kunst, sondern ganze Städte. Eine Million Menschen versammelt er 1979 am Pariser Place de la Concorde um sich und sichert sich damit seinen ersten Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde – es soll nicht sein letzter sein.

1,3 Millionen Menschen pilgern 1986 zu einem Jarre-Konzert im texanischen Houston. Die Hochhäuser der Skyline verwandelt er in Projektionsflächen für Licht, Bilder und Farben. Feuerwerk, Laser, Rauchmaschinen und natürlich seine Musik tun ihr übriges, um selbst die Amerikaner in staunende Ekstase zu versetzen. Zur Belohnung gibt es die zweite Eintragung ins Rekordbuch.

Doch Jarre wäre nicht Jarre, wenn er nicht immer noch einen draufsetzte: Der Sohn des großen, epischen Hollywood-Komponisten Maurice Jarre („Doktor Schiwago“, „Lawrence von Arabien“ oder „Der Club der toten Dichter“) lässt 2,5 Millionen Menschen in Paris dabei zusehen, wie er vor der Kulisse des futuristischen Hochhausviertels La Défense nicht weniger als den gesamten Boulevard zwischen dem Arc de Triomphe de l'Étoile am Ende der Avenue des Champs-Élysées und dem Grande Arche bespielt. 3,5 Millionen Zuschauer erleben 1997 in Moskau seinen musikalischen Beitrag zum 850. Geburtstag der Metropole. Auch dieses wohl größte Stadtfest aller Zeiten ist im Guinness-Buch vermerkt.

Zwei kleine Makel sind es, die den Glanz seiner beispiellosen Karriere ein wenig trüben. Für ihn persönlich ist es eine Tragödie, dass sein Vater Maurice eine musikalische Zusammenarbeit mit seinem Sohn bis zu seinem Tod im März 2009 stets abgelehnt hat. Fünf Jahre alt ist Jean-Michel, als sein Vater die Familie verlässt. Kurz darauf beginnt Maurice Jarre seine Karriere als Komponist von Filmmusik in Hollywood. Mit fünf Jahren lernt sein Sohn, der bei der Mutter in Lyon bleibt, das Klavierspielen.

In Frankreich und England ist er ein Superstar. In Deutschland kann (wiewohl er hier durchaus kein Unbekannter ist) davon keine Rede sein. Beleg dafür ist die im Juli 1993 gestartete Tour „Europe in Concert“. Die 37 Konzerte quer durch den alten Kontinent sehen rund 650 000 Menschen. Ein deutsches Gastspiel, von Konzertveranstalter Peter Schwenkow ins damalige Düsseldorfer Rheinstadion gelegt, wird im Juni 1994 abgesagt: Zu wenige Karten wechseln den Besitzer.

Und im aktuellen Jahr ereilt den machtvollen Gebieter über Klang und Raum ein ähnliches Schicksal. Ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Jarre zum 40. Geburtstag des wegen seiner Schlichtheit und melodiösen Einprägsamkeit bahnbrechenden Werks noch einmal weltweit die Hallen füllen will, könnten die deutschen Anhänger schon ein wenig deutlicher ihren Respekt für den französischen Elektronikpionier zollen. Die Frankfurter Festhalle muss am 16. Oktober ebenso wenig das Hinweisschild „Ausverkauft“ an den Festhallentoren anbringen wie wenige Tage später der ISS-Dome in Düsseldorf.

Erklärbar ist dieses Phänomen für den Meister der Tasten und mittlerweile digitalen Töne nicht: „Ich habe immer das Gefühl, dass ich in Deutschland besonders gut verstanden werde“, bekundet er wenige Tage vor seinen sechs deutschen Gastspielen. Dass die Zuhörer im einwohnerstärksten Nachbarland Frankreichs lieber den deutschen Heroen wie Kraftwerk und Tangerine Dream huldigen als ihm, mag der 68-Jährige nicht glauben.

„Frankreich und Deutschland haben eine lange Geschichte, was Musik und Kultur angeht. Die fängt bei den alten Komponisten klassischer Musik an und geht über die Elektronische Musik bis heute.“ Möglicherweise ist aber der teutonische Zugang zur synthetisch erzeugten Klängen ein anderer, findet der Mann, der seine eigenen Pionierwerke wie „Oxygène“ oder „Equinoxe“ (1978) einst selbst als die „weibliche Version von Techno“ erklärt. „Wir in Frankreich haben einen impressionistischen Zugang zur Musik. Wir brauchen Melodien – die Melodie ist immer das Zentrum das Zentrum, nicht Beats oder Sounds.“

Obgleich Jean-Michel Jarre weltweit millionenfach Platten absetzt, bleibt der Privatmensch eher im Dunkeln. Mit der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling war er fast 20 Jahre verheiratet, mit der französischen Schauspielerin Isabelle Adjani etwa zwei Jahre verlobt. Die Auflösung dieses Heiratsversprechens fand starken Niederschlag in den Boulevardblättern der „Grande Nation“.

Sein Hang zu extravaganten Konzerten bringt ihm neben den drei Einträgen ins Guinness-Buch hinter vorgehaltener Hand auch den Ruf ein, ab und an dem Größenwahn anheim zu fallen. Jedoch kontert Jarre diesen Vorwurf mit der lässigen Antwort, dass es wohl kaum etwas Langweiligeres gäbe, als jemanden zuzuschauen, der an Synthesizern herumdreht. Herumdrehen – bei den analogen Großgeräten der 70er musste er das auch tatsächlich tun.

Über den Vorwurf, er mache auf der Bühne doch nichts anderes, als bloß seine Computer für sich und seine zahlenden Zuhörer zirpen zu lassen, kann der passionierte Sammler von Uralt-Synthesizern nur müde lächeln. Während eines Konzerts in Brüssel im Jahr 2009 versagte plötzlich die von ihm mitentwickelte Laserharfe ihren Dienst. Mit Spezialhandschuhen bearbeitet Jarre seit den späten 80er Jahren auf der Bühne diese überdimensionale Lichtorgel für bestimmte Stücke.

Beeindruckend ist, wie die stets grünen Lichtpunkte breitgefächert vom Bühnenboden aus senkrecht in den Nachthimmel ragen oder das Hallendach grell erleuchten. Jede Unterbrechung eines Laserstrahls per Handschuh erzeugt einen Ton. In Brüssel machten die gebündelten Lichtstrahlen nicht das, was der Meister wollte. Anstatt in hektische Betriebsamkeit auszu- oder gar das Konzert zu unterbrechen, schritt er zu dem an die Laserharfe angeschlossenen Synthesizer, fuhr ihn seelenruhig wieder hoch, schlüpfte erneut in die Hitzeschutzhandschuhe und spielte weiter, als sei nichts geschehen.

Der immerjunge Soundtüftler schläft nicht viel. Vier Stunden genügen ihm nach eigener Aussage – und selbst gegen dieses Minimalbedürfnis seines Körpers kämpft er energisch an. Lieber schaut er täglich mindestens einen Film oder denkt sich neue Musik aus. Immer nur Oxygène ein Leben lang – das ist nichts für ihn.

Nach eher gefloppten Alben wie „Métamorphoses“ (2000) gelingt ihm im Oktober 2015 eindrucksvoll das Kunststück, seinen klassischen Sound ins 21. Jahrhundert zu transferieren. Für „Electronica 1“ und „Electronica 2“, das Anfang Mai dieses Jahres erschien, arbeitete er musikalisch mit illustren Zuarbeitern zusammen – von Vince Clark, Air bis zu The-Who-Mastermind Pete Townshend, David Lynch, Moby, Yello sowie diversen jungen DJs.

Einen Coup landete er mit der spacigen Technonummer „Exit“. Die verlangsamte in der Mitte plötzlich stark, um den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden, den er jüngst in Moskau traf, ein Manifest über Privatsphäre verkünden zu lassen. Frühere Anfragen anderer Künstler lehnte Snowden stets ab.

Und warum gibt Jarre mit 68 Jahren noch nicht den Privatier? „Weil ich die Luft zum Vibrieren bringen will“, sagte er im Oktober im Interview. Wie sehr Oxygène sein Leben prägt, zeigt sich daran, dass nun „Oxygène 3“ erschienen ist. Sieben neue Stücke mit Sauerstoff für die Sinne.

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