Glosse: Sarrazin und kein Wirbel

Glosse : Sarrazin und kein Wirbel

Thilo Sarrazins neues Buch wird kritisch, aber in den meisten Fällen differenziert besprochen. Das kann man als Fortschritt in der Debattenkultur des Landes begreifen.

Deutschland 2010. Thilo Sarrazin stellte sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vor. Mit seinem intellektuellen Hochmut, seiner Ungeduld, Schärfe und drastischen Prosa, seinen häufig anfechtbaren Zuspitzungen und mit dogmatischer Intensität vorgebrachten Erkenntnissen machte er es seinen Gegnern leicht. Deren Reaktion war vorhersehbar, reflexhaft: Es setzte Prügel für den Provokateur. Immer wieder waren Stimmen zu hören, die dazu aufriefen, dem unbequemen Autor das Recht auf freie Meinungsäußerung zu entziehen. Und das mit der in Deutschland schlimmstmöglichen Ansprache. „Nazi in Nadelstreifen“ nannte der Generalsekretär der Muslime in Deutschland, Ayman Mazyek, den damaligen Bundesbanker. Mazyek zeigte Sarrazin die Rote Karte für Gedankenfreiheit.

Sechs Jahre später: Sarrazin veröffentlicht im April 2016 sein Buch „Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert“. Es klettert wie „Deutschland schafft sich ab“ kurz nach Erscheinen auf einen der Spitzenplätze der Sachbuch-Bestsellerliste. Doch im Unterschied zu 2010 ist der große Knall diesmal ausgeblieben. Selbst Ayman Mazyek schweigt.

Dabei kritisiert Sarrazin – nicht überraschend – in der Flüchtlingspolitik die Position der Kanzlerin. Angela Merkel habe kaum noch „die Interessen Europas und schon gar nicht das Interesse der Deutschen an der Zukunft der eigenen Nation, dem Schutz ihres Lebensumfeldes und ihrer kulturellen Identität“ im Blick. Von den Beiträgen der muslimischen Flüchtlinge zum gesellschaftlichen Leben erhofft sich Thilo Sarrazin nichts. Hier sei Skepsis angebracht, schreibt er.

Was auffällt: Sarrazins neues Buch wird kritisch, aber in den meisten Fällen differenziert besprochen. Das kann man als Fortschritt in der Debattenkultur des Landes begreifen. 2010 triumphierten Reflexe über Reflexion, seriöse Argumentation unterlag platter Polemik. Jetzt schrieb Uwe Schmitt in der „Welt“: „Mit dem Bildungsbürger Sarrazin lässt sich substanziell streiten und Staat machen.“ Es wird nicht alles schlechter.

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