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Porträt des Musikers und Regisseurs Michael Barfuß: Zwischen Lust und Schmerz

Porträt des Musikers und Regisseurs Michael Barfuß : Zwischen Lust und Schmerz

Der Musiker und Regisseur Michael Barfuß hat sich seit 2003 einen Namen beim Bonner Theaterpublikum gemacht und arbeitet seit drei Jahren freiberuflich. Im Mai sind sechs seiner Produktionen in Bonn und Köln zu sehen.

Sie hat es einfach – das gewisse Etwas: ein Fingerschnippen, ein Heben der Augenbrauen, ein Blick über die kühle Schulter. Sie klingt so beschwingt wie Cole Porter im New York der 1940er, so leidenschaftlich wie Edith Piaf im Paris der 1930er Jahre oder so herausfordernd wie Sally Bowles aus dem Musical „Cabaret“, das im Berlin der „Goldenen Zwanziger“ spielt. Sie ist ein vom Leben und der Liebe scheinbar abgebrühtes Biest. Doch für ihn, der Abend für Abend in diese Bar kommt – die Haare brav gescheitelt und der graue Anzug so unscheinbar, wie man nur will – spielt das keine Rolle. Wenn er dort am Tisch sitzt, mit dieser verführerischen Stimme im Ohr, wird all das, was sie beide so offensichtlich trennt, zur Nebensache. Grenzen verschwimmen und lösen sich auf – so sind Träume nun mal. Ob er ihr im wirklichen Leben überhaupt gewachsen wäre: Wer will das wissen? Das hier ist ein Nachtclub-Musical: für alle, die sich zusammen mit Jana Rahma, Lucas Sanchez und dem Regisseur Michael Barfuß 80 Minuten lang auf diesen unerhörten Traum einlassen.

„Der Schöne und das Biest“ – Premiere war im März im Haus der Springmaus – ist eine seiner sechs Produktionen, die allein im Mai auf Bonner und Kölner Bühnen zu sehen sind. Dazu zählen außerdem „The Rock'n' Rollator Show“, ebenfalls in der Springmaus, „Das weiße Album“ in der Brotfabrik, „The Songs of Tom Waits“ im Kölner Senftöpfchen sowie in der Volksbühne, „Lala – ein Hurenabend“ im Pantheon Casino und auch „An der Arche um Acht“ im Jungen Theater Bonn, für die Barfuß die Musik geschrieben hat. Und da der Regisseur, Komponist und Arrangeur gern selbst im Publikum sitzt und die Zuschauer nachher zum Gespräch einlädt, dürften die blanken Stellen in seinem Terminkalender zusehends rarer werden.

Vor ihm auf dem Tisch in einem Bonner Café liegen ein Buch über Martin Luther und seine Notizen für das nächste Projekt, die er rasch beiseite räumt, als der Tee kommt. Um direkt in medias res zu gehen: „Lust und Schmerz“ nennt Michael Barfuß als Essenz seiner künstlerischen Arbeit: die beiden Pole, zwischen denen er sich bewegt. „Ein Thema muss mich berühren. Ich muss das Gefühl haben, das geht mich an.“ So wie die an sich unmögliche Liebesgeschichte zwischen dem Schönen und dem Biest, wobei es der Fantasie des Zuschauers überlassen bleibt, ob sie sich nun kriegen oder nicht.

Oder ob es da einen Moment gibt, da sie einander auf intuitive Art und Weise verstehen. Vielleicht wird dieser Augenblick sie beide verändern, und das wäre doch schon 'was. Gedanken wie diese führen mitten hinein in Barfuß' Art, um ein Thema zu kreisen, es auszuleuchten und in die Tiefe zu gehen.

„Und natürlich soll Theater Spaß machen; das gehört dazu“, ergänzt er. Um Musiker, Schauspieler und Sänger zusammenzubringen und vom Hoffen und Scheitern zu erzählen, vom Altern, vom Ausgegrenztsein, von Spielern und Trinkern in „The Songs von Tom Waits, oder von der „Dunklen Seite der Engel“.

„Es muss in mir brennen“, bringt Barfuß es auf den Punkt. „Am Anfang stehen zwei Fragen: Was möchte ich erzählen, und trägt dieses Thema einen Abend?“ Daraus ergeben sich erste Assoziationen, Denkanstöße für die Recherche in Büchern, Zeitungen, Bildern und Filmen. Das kann sich, so Barfuß, gut und gern über Monate oder ein Jahr erstrecken: „In dieser Zeit werde ich regelrecht zum Trüffelschwein.“ Denn jede Art der Kunst hat für ihn auch wesentlich mit Handwerk zu tun, und Handwerk brauche Zeit.

Wenn die Ideen zusammengetragen und in Form gebracht sind, beginnt die Suche nach Darstellern und Musikern. „Ich habe dabei natürlich mein Konzept im Hinterkopf – mit Spielraum für die individuelle Interpretation: Und ich möchte überzeugt werden. Aber auch Fantasie funktioniert innerhalb eines Rahmens, und ihn zu schaffen ist im Voraus mein Part.“

Im „Weißen Album“ zum Beispiel „ist das der Traum einer Revolution und zugleich der Albtraum einer von scheinbaren Vorbildern wie Mao Tse-tung schamlos verführten Jugend“. Es geht um die Lust an der Begeisterung auf der einen und der Schmerz über die eigene Verführbarkeit auf der anderen Seite. „Wir haben uns gefragt, wofür steht das Jahr 1968 in unseren Augen?“ Oder um es mit Heinrich Mann auszudrücken: „Ein Zeitalter wird besichtigt“.

Eines, in dem die Studenten auf die Straße gingen, um gegen das aus ihrer Sicht völlig erstarrte und verkrustete Establishment zu protestieren. Ein Zeitalter, in dem die Enkeltochter des legendären Medienmoguls William Randolph Hearst von linksradikalen Terroristen entführt wurde, denen sie sich später anschloss.

Es ist Pattys Geschichte, die im Hintergrund über die Leinwand flimmert, während ein junger Schauspieler auf der Bühne „Honey Pie“ von den Beatles singt; leicht und unbeschwert, mit der goldgelben Patina aus der britischen Music-Hall-Ära. Und es sind gerade solche Kontraste, die den unverwechselbaren Stil von Michael Barfuß definieren.

Sechs Produktionen in einem Monat, und zwei weitere, die langsam, aber sicher Gestalt annehmen? Wie lässt sich mit so vielen Bällen zugleich jonglieren? „Indem man sich nicht verzettelt. So dass ich mich an einem oder mehreren Tagen bewusst auf ein Thema konzentriere, die ganze Organisation und das Drumherum in die frühen Morgenstunden verlege und auch mittlerweile zum Glück vieles meinem Management überlassen kann.“

Wobei die parallele Art zu arbeiten, prinzipiell schon seine Sache ist. Schon seit Schüler- und Studentenzeiten in Oldenburg, wo Michael Barfuß am 12. Januar 1957 geboren wurde: „Die Stadt hat mit Bonn übrigens viel Ähnlichkeit, deshalb fühle ich mich hier auch so wohl.“ Im Alter von sechs Jahren begann er – inspiriert vom Beispiel seines Vaters – Klavier zu spielen.

Er leitete Schülerbands, tauschte mit Freunden die Alben von Led Zeppelin und Deep Purple, Frank Zappa sowie Emerson, Lake & Palmer aus, experimentierte und arrangierte – beeindruckt von Art-Rock und Jazz. Nebenbei las er so ziemlich alles, was ihm in die Finger kam. „Thomas Mann, Franz Kafka, Max Frisch: Was man mit 14, 15 Jahren noch gar nicht in all seinen Dimensionen ermessen kann“, wie Barfuß mit Augenzwinkern ergänzt.

Nach dem Abitur studierte er Musikwissenschaft und Germanistik und begann zeitgleich, als rechte Hand des Kapellmeisters des Oldenburger Staatstheaters Stücke für das Orchester zu arrangieren. Der erste größere Auftrag, den ihm sein Mentor anvertraute, war die musikalische Leitung des Musicals „Cabaret“ in Wilhelmshaven. „So habe ich die ganze Studienzeit hindurch als Musikalischer Leiter und Arrangeur gearbeitet. Das waren zwei bis drei Produktionen pro Jahr“, erinnert sich Barfuß.

Nach dem Studienabschluss ging er als musikalischer Leiter ans Junge Theater Göttingen. Einen Schwerpunkt seiner Karriere setzt aber vor allem die Zusammenarbeit mit Klaus Weise: zehn Jahre lang in Oberhausen, weitere zehn in Bonn. „Der Vorteil eines festen Engagements liegt darin, dass man nach und nach mit all den Leuten am Theater zusammenkommt und sie – so spezialisiert sie auch sind – zusammenbringen kann. So wie das Beethoven Orchester, den Opernchor und Schauspieler, die Lust haben, sich über den Spielplan hinaus in ungewöhnlichen Projekten auszuprobieren.

Als Beispiele dürften „Night at the Opera“, der Liederzyklus „Songs for Drella“ von Lou Reed und John Cale sowie die ironisch-theatralischen Konzerte der MannMannMannManns noch vielen Bonner Theaterbesuchern im Gedächtnis geblieben sein. Besonders gern erinnert Barfuß sich an das Telefonat mit dem Humoristen Loriot, der ihm die Aufführungsrechte für sein berühmtes „Hustenkonzert“ gewährte. Neben den Festengagements arbeitete Barfuß als Komponist, Arrangeur und musikalischer Leiter am Wiener Burgtheater, am Zürcher Schauspielhaus, dem Grillo-Theater Essen sowie an den Staatstheatern Kassel und Darmstadt.

Der Ein- und Umstieg in die freie Szene, in der er nunmehr seit drei Jahren arbeitet, sei recht reibungslos und ohne schmerzhafte Brüche vonstatten gegangen. „Mit der 'Rock'n' Rollator Show' hatte ich noch am Theater Bonn begonnen und dachte, wenn es acht Mal läuft, dann läuft es gut.“

Inzwischen sind mehr als 60 Aufführungen in Bonn, Köln, Düsseldorf, Remscheid und Oberhausen daraus geworden. Außerdem steht das Stück auf dem Programm beim „Köln Comedy Festival“ im Oktober. Auch „The Songs of Tom Waits“, die in Bonn und Köln zu sehen sind, haben mittlerweile einen professionellen Status erreicht.

Seit 2011 unterrichtet Michael Barfuß zudem im Fachbereich Schauspiel der Alanus Hochschule in Alfter. „Ich wollte allerdings nicht dozieren, sondern gleich etwas auf die Beine stellen.“ So hat er dort einige der jungen Schauspieler schätzen gelernt, die in mehreren seiner Produktionen zu sehen waren. „Lucas Sanchez, der „Schöne“ aus der Bar, zum Beispiel ist jemand, der zur Figur wird, die er spielt.

Und der wie Jana Rahma etwas mitbringt, was für mich essenziell ist: Eine Stimme, die berührt.“ Das, so Barfuß, ist auf der Bühne neben der Melodie und dem Text eine der tragenden Säulen jeder Produktion. Dass er den weiteren Werdegang seiner Schauspielfamilie weiterverfolge, verstehe sich für ihn von selbst.

Zurzeit komponiert er die Bühnenmusik zu „Martinus Luther“ von John von Düffel, das am Theater Münster im September uraufgeführt wird. Und am 23. Dezember feiert auf der Landesbühne Memmingen sein Liederabend „Out of Allgäu – Ein Muhsical“ Premiere, den er auch inszeniert. „Es ist ein Stück über die Stadt- und die Landflucht – frei nach dem Motto: Da, wo ich bin, ist nicht das Glück.“

Das findet Michael Barfuß anderswo: In seiner Bibliothek, bei seiner Arbeit auf der Bühne und beim Besuch einer Vorstellung, die ihn berührt. „Etwas zu finden, das man nicht gesucht hat. Das bedeutet für mich die Magie des Theaters.“