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Museumslandschaft in Bonn: Zu kurz gedacht

Museumslandschaft in Bonn : Zu kurz gedacht

Chancen und Defizite: Die Stadt Bonn hat eine einmalige Museumslandschaft und denkt doch an einen Abbau.

Bonn hat unglaubliches Glück gehabt. Gleich mehrfach. Zwei Wochen vor dem Mauerfall legte Bundeskanzler Helmut Kohl im Oktober 1989 den Grundstein zur Bundeskunsthalle, einer Idee aus den Gründerzeiten der Republik, geboren noch vor der Entscheidung für Bonn als Bundeshauptstadt am 3. November 1949. Keine zwei Jahre nach der Einigung, fast auf den Tag ein Jahr nach dem Hauptstadtbeschluss, eröffnete Kohl am Bonner Museumsplatz am 17. Juni 1992 die 127 Millionen D-Mark teure Bundeskunsthalle, eine in Deutschland einmalige Institution des Bundes und der Länder. Gegenüber zeigte die Stadt Bonn Flagge, mit dem 100 Millionen D-Mark teuren städtischen Kunstmuseum. Bund und Bonn mit repräsentativen Kulturbauten auf gleicher Augenhöhe an einem der schönsten Museumsplätze der Republik: Was für ein Zeichen.

Bonn hatte nun die Ausstattung einer Hauptstadt und war doch keine mehr. Die Geschichte hat dem heute mehr denn je spürbaren Rutschbahneffekt gen Berlin buchstäblich Steine in den Weg gelegt, Bauten, die sich nicht wie Ministeriale an die Spree verschieben lassen. Ein unermessliches Glück.

Zwei Jahre nach dem kulturellen Doppelschlag am Museumsplatz eröffnete wenige hundert Meter nördlich an der Willy-Brandt-Allee das Haus der Geschichte. Auch das eine in Deutschland einmalige Institution. Auch das eine Idee aus Hauptstadtzeiten, von Kohl 1982 bei seiner Antrittsrede formuliert, beharrlich vorangetrieben und fünf Jahre vor dem Regierungsumzug realisiert. Eine mittelgroße Stadt mit zwei Bundesmuseen - der Neid der Republik ließ nicht lange auf sich warten.

Initiative "Mehr Kunst für Bonn" macht im Jahr 1981 Druck

Die drei Häuser an der B 9 stehen nicht auf der grünen Wiese, sind nicht als Geschenke vom Himmel gefallen (obwohl man dankbar sein darf). Sie sind gewachsen in einem kulturfreundlichen Bonner Milieu. "Mehr Kunst für Bonn", eine Arbeitsgemeinschaft, die sich aus Bürgern, Wissenschaftlern und Politikern zusammensetzte, sorgte 1981 für politischen Druck. Es gab damals viele Initiativen, die den kulturellen Anspruch der Bundeshauptstadt formulierten. Und es gab engagierte Figuren wie Margarethe Jochimsen, Direktorin des Kunstvereins, die die treibende Kraft bei der Rettung des August Macke Hauses vor der Spitzhacke war. Man kann sagen, dass es in Bonn in den 80er und 90er Jahren eine mächtige, beharrliche Bürgerbewegung für die Kultur gab.

An wunderbaren Museen herrschte damals freilich in Bonn kein Mangel. Mit dem 1912 begonnenen und 1934 eröffneten Museum Alexander Koenig, einem der bedeutendsten naturkundlichen Museen Deutschlands, hat Bonn ein weiteres Juwel an der B 9, der Museumsmeile. In der City glänzt das LVR-Landesmuseum, Heimstatt des Neandertalers, 1874 als Provinzialmuseum gegründet, von 1997 bis 2003 umgebaut, um nicht zu sagen: quasi neu gebaut. Am südlichen Rand des Hofgartens steht das älteste Museum Bonns, das 1818 gegründete Akademische Kunstmuseum mit der imposanten Antikensammlung der Universität. 1889 wurde das Beethoven-Haus von einem Bürgerverein gegründet, 1893 eröffnet.

Einmalig in Vielfalt und Differenzierung

Ein Kind der bewegten Zeiten ist das Frauenmuseum, 1981 von Marianne Pitzen gegründet. Weitere Museen folgten: das 1991 eröffnete August Macke Haus als Museum für den Rheinischen Expressionismus; das 1995 auf Anregung des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft im Wissenschaftszentrum Bonn in Plittersdorf eröffnete Deutsche Museum Bonn; das Stadtmuseum an der Franziskanerstraße, dessen Wurzeln auf 1882 zurückgehen, ging 1998 an den Start; das Arithmeum schließlich, ein von Bernhard Korte initiiertes Wissenschaftsmuseum des Instituts für Diskrete Mathematik der Universität, das seit 2008 Rechenmaschinen und Konkrete Kunst zeigt.

Bund und Bürger, Landschaftsverband und Universität, Stiftungen und die Stadt: Die imposante, in ihrer Vielfalt und Differenzierung in Deutschland einmalige Bonner Museumslandschaft hat illustre Eltern. Die sollten sich natürlich um ihre Kinder kümmern. Auf sie stolz sein. Sie fördern.

Dass, wenn's finanziell eng wird, gleich über Schließungen nachgedacht wird, zeugt nicht nur von mangelnder Fantasie, es ist fahrlässig. Natürlich ist in erster Linie Fantasie gefragt. Ein Frauenmuseum in einem viel zu großen und teuren Haus ist kein Fall für den Rotstift, sondern für alle Seiten ein idealer Anlass, über eine an sich gute und politisch immer noch schlüssige Museumsidee nachzudenken, sie zu verjüngen, zu modifizieren und ein Konzept zu entwickeln, das räumlich und finanziell der gegenwärtigen Situation angepasst ist. Warum etwa keine Kooperation mit Kunstverein oder Künstlerforum?

Fantasie ist auch beim Stadtmuseum gefragt, und vor allem guter Wille. Das Haus soll seinen angestammten Ort im Viktoriekarree verlassen, die Bestände, so diskutiert man, könnten im Landesmuseum gezeigt werden.

Eine Stadt, die ihr Stadtmuseum zur Disposition stellt, hat eine fragwürdige Einstellung zu ihrer Geschichte. Wir haben an der Burg Wissem in Troisdorf und im Siebengebirgsmuseum Königswinter neue, exzellente Stadtmuseen, die Spaß machen, unterhaltsam Geschichte näherbringen, die Wertschätzung der Städte für ihre Geschichte belegen.

Warum klappt so etwas nicht in Bonn? Direktorin Ingrid Bodsch hat aus dem Haus gemacht, was ging. Doch mit politischem Rückenwind wäre mehr, Angemessenes möglich.

Deutsches Museum steht auf der "Roten Liste" des Kulturrats

Die Realität sieht anders aus. Die Stadt würde sich am liebsten ihr Stadtmuseum sparen, so wie sie sich zwar als Wissenschaftsstadt rühmt, aber gleichzeitig dem Deutschen Museum den Finanzhahn abdreht. Was für ein krasser Fehler! Seit September 2015 steht das Haus als "von der Schließung bedroht" auf der "Roten Liste" des Deutschen Kulturrats. Wo, wenn nicht dort sollen unsere Kinder die Grundlagen der Technik lernen, angewandte Physik, die großen Erfindungen der Menschheit vor Augen haben? In der Schule lernen sie das nicht.

Ein Haus wie dieses zur Disposition zu stellen, grenzt an eine Bildungskatastrophe. Ist wirklich alles ausgereizt? Will nicht doch die Stadt durch einen - reduzierten - Beitrag Verantwortung demonstrieren, sich Partner für die Finanzierung suchen? In einer Stadt mit mehreren Dax-Unternehmen, mit hoher Forschungs- und Wirtschaftskompetenz müsste das doch klappen.

2020 steht vor der Tür, Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag. Eher zögerlich werden Konzepte geschmiedet. Das heute schon aus allen Nähren krachende und dem Museumsstandard nach schwer überholungsbedürftige Beethoven-Haus müsste als geistiges Zentrum des Jubiläums im Mittelpunkt des Konzepts stehen. Das Bekenntnis der Stadt zum Beethoven-Haus aber ist halbherzig. Schon vor Jahren hätte man entscheidende Weichen stellen müssen.

Bonn hat eine einzigartige Museumslandschaft, sie muss sie aber auch pflegen.