Zärtliche Fremdheit im Bonner Theater Pathologie

Zärtliche Fremdheit im Bonner Theater Pathologie

"Leaving Las Vegas" , inszeniert von Reinar Ortmann, erzählt keine romantische Legende vom heiligen Trinker oder Engel der Gosse

Bonn. Ein Einkaufswagen voller Schnapsflaschen und ein Mann, der damit bis zum Umfallen tanzt: Ben säuft sich zielstrebig ins Delirium. In Las Vegas, wo der Stoff rund um die Uhr reichlich fließt, will er sich zu Tode trinken.

Die Prostituierte Sera liest ihn am Straßenrand auf und nimmt ihn mit sich. Eine scheinbar schlichte Geschichte von zwei einsamen Menschen am Rand der Gesellschaft und des Lebens, die für einen kurzen Moment des Glücks zueinander finden.

Der 1990 erschienene Roman "Leaving Las Vegas" des Amerikaners John O'Brien, der sich 1994 mit 33 Jahren erschoss, erzählt keine romantische Legende vom heiligen Trinker oder vom Engel der Gosse.

Das erfolgreich von Mike Figgis mit Nicholas Cage und Elizabeth Shue in den Hauptrollen verfilmte Werk berichtet mit lakonischer Poesie von einem unaufhaltsamen Absturz in die alkoholvernebelte Hölle, aber vor allem ganz unsentimental von einem kleinen Stück Himmel über der Hoffnungslosigkeit.

Der Regisseur Reinar Ortmann hat den Romantext auf die Dialogpassagen reduziert, spart die Vorgeschichten und die narrativen psychologischen Reflexionen der beiden Figuren aus. "Leaving Las Vegas - Die Ballade von Sera und Ben" ist in Ortmanns Inszenierung im "Theater Die Pathologie" kein tristes Stück über die tödlichen Gefahren der Alkoholsucht. Ben und Sera sind unverschämt lebenssüchtig und genau deshalb scharf auf die Grenze, an der ihre gelebte Grundlosigkeit einen Kick ins Unendliche erhält.

Zur Musik von Makhail Shokostalisch fallen mit harten, exakt durchkomponierten Schnitten Schlaglichter auf kleine dreckige Szenen von verzweifelt unüberwindlicher Nähe und zärtlicher Fremdheit.

Martin-Maria Vogel spielt sensibel den verirrten Romantiker Ben, rigoros unterwegs zum ultimativen Rausch und der Erlösung von der Wirklichkeit. Er bewahrt dabei genau den Rest von selbstironischer Würde, der ihn bis zum bitteren Ende unverwundbar macht.

Maren Pfeiffer spielt wunderbar differenziert die selbstbewusst nüchterne Nutte Sera, die in dem mit reichlich Dollars ausgestatteten Träumer einen Seelenverwandten erkennt. Ihre elegante Asphaltschwalbe hat brillantes Format; ihre käufliche Lady ist zu klug fürs Feuer und zu sinnlich für den Markt.

Die nächsten Vorstellungen: 10., 16. und 30. Mai, jeweils 20 Uhr; Karten: (02 28) 22 23 58.