Wotan und die neue Weltordnung

Bonns Tanztheater-Chef Johann Kresnik hat sich viel vorgenommen: In 100 Minuten bringt er "Das Rheingold", "Die Walküre" und Szenen aus Wagners Leben auf die Bühne

Bonn. Mit klaren Botschaften hat Johann Kresnik noch nie hinterm Berg gehalten. Zu Beginn seiner neuen Choreographie "Der Ring des Nibelungen", deren erster Abend am Wochenende in Bonn vom Premierenpublikum bejubelt wurde, brennen auf einer riesigen Leinwand die Ölquellen.

In diesem Bild verschmelzen Kapitalismuskritik und Anti-Amerikanismus, zwei Motive, die das Gesamtwerk Kresniks und den aktuellen "Ring" durchziehen wie ein blutroter Faden. In der "Walküre" drücken ein Wagner-Darsteller und Wotans Gattin Fricka dem unfreien Gott das Siegel der Vereinigten Staaten mit der Inschrift "Novus Ordo Seclorum" auf die nackte Haut; in der Inszenierung soll damit wohl kritisch auf die von den Amerikanern propagierte "neue Weltordnung" angespielt werden.

Kresnik benutzt Wagners "Ring" als Steinbruch, um daraus gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Gottfried Helnwein Motive für sein eigenes Theater herauszuhauen. Dabei hat er sich viel vorgenommen: In 100 Minuten bringt er "Das Rheingold" und "Die Walküre" auf die Bühne, verquickt die Geschichte mit Szenen aus Wagners Leben und stellt alles in einen großen, bis in die Gegenwart reichenden historischen Zusammenhang, dessen Interpretation die ideologische Schule der Linken verrät.

Die Kürze der Zeit reicht für gewohnt kraftvolles Kresnik-Theater, gewürzt mit viel Sex & Crime. Für eine tiefe Auseinandersetzung mit den angerissenen Themen reicht sie freilich nicht. Ein bisschen ärgerlich sind die vielen Klischees um Wagner, die Kresnik erneut aufwärmt und plakativ herausstellt. Dass die Rheingold-Szene, die sich mit dem Antisemitismus des Komponisten auseinandersetzt, in gefährlicher ideologischer Verkürzung durch brennende Stahlöfen illustriert wird, kann dem sensiblen Thema kaum gerecht werden.

Auch die Beleuchtung der Beziehung Wagners zu König Ludwig II. geht über eine karikaturenhafte Überzeichnung des schillernden Märchenkönigs nicht hinaus. Er wird reduziert auf einen Herrscher mit nacktem Unterleib, der schon mal gern mit der Weltkugel spielt. Friedrich Nietzsche geht es da nicht viel besser, der zeitweilige Adlatus Wagners findet sich in der Irrenanstalt wieder.

Das "Ring"-Drama wird dazu in parallelen Bildern erzählt, die sich ganz ähnlicher Motiv-Muster bedienen. Die drei Rheintöchter, die ihre nackte Haut nur spärlich durch germanisch blondes Wallehaar bedecken, tanzen zu Musik, die zwei Pianisten in SS-Uniformen an zwei Flügeln spielen. Gestört wird das Trio durch den nachtschwarzen Alberich.

Für das Gold, das er den Rheintöchtern raubt, zahlt er einen hohen Preis: Er entsagt der Liebe und bekräftigt das, indem er sich selbst entmannt und seinen (Plastik-)Penis von sich wirft. Der Ring, den er aus seiner Beute schmiedet, kommt in Gestalt eines goldenen Traktorreifens daher.

In jeder der 26 Szenen möchte Kresnik provozieren. Um etwa den in der Walküre begangenen Tabubruch des Inzests zwischen Siegmund und Sieglinde sichtbar zu machen, nimmt Kresnik Zuflucht zu einem weiteren Tabu. Seine Sieglinde ist ein Mann, und das Liebesspiel zwischen dem nackten Paar wird als Pas de deux inszeniert. Dass hier Siegfried gezeugt wurde, wird man später sehen, wenn "die" schwangere Sieglinde Zuflucht bei Brünnhilde sucht.

Einer der besten Momente des von dem gut durchtrainierten Ensemble intensiv getanzten Abends ist die Walküren-Szene. Während auf einer Leinwand im Hintergrund Carl Barks` putzige Disney-Zeichentrickfigur Pluto mit Stahlhelm marschiert, sammeln die Walküren die Überreste gefallener Soldaten auf. Das ist vor allem durch die ironische Brechung von starker Wirkung.

Als Soundtrack erklingt hier nicht der Walkürenritt, sondern das verfremdete Vorspiel zum ersten Akt der Walküre. Überhaupt geht der Komponist Gernot Schedlberger in seiner an den Minimal-Artisten Michael Nyman erinnernden, von Band eingespielten oder auf zwei Klavieren live dargebotenen Bühnenmusik sparsam mit Wagner um.

Zitiert werden genauso Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" und Beethovens Sinfonien. Während auf der Videoleinwand zu Beginn der Walküre der Aufmarsch der Mächtigen und Reichen in Bayreuth zu sehen ist, von Adolf Hitler über Franz-Josef Strauß, Roberto Blanco und Ron Sommer bis zu Angela Merkel, erklingt dazu eine Montage aus Haydns Deutschland-Lied und Beethovens Freuden-Thema.

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