Bad Bonn und andere: Wo Orte auch den Namen Bonn tragen

Bad Bonn und andere : Wo Orte auch den Namen Bonn tragen

Entgegen landläufiger Auffassung ist Bonn kein Unikat. In der Schweiz war es allerdings eindeutig zu nah am Wasser gebaut. Und in den USA wuchs kein Bonn über Straßendorfgröße hinaus.

Dass Bonn eine Weltstadt ist, würden selbst eingeschworene Bonner auch nach der Weltklimakonferenz wohl erst nach drei Glas Kölsch behaupten. Aber Bonn ist durchaus keine Unbekannte. „Ach, das liegt doch bei Köln mit dieser riesigen schwarzen Kathedrale gleich neben dem Hauptbahnhof“, gaben dem Autor wiederholt wildfremde Menschen in China, Australien oder New York freundlich zu verstehen, dass sie zumindest eine geografische Ahnung davon haben, wo sie die deutsche Stadt mit den vier Buchstaben finden. Insofern hielt sich das Verständnis für einen Kollegen der Schweizer „Wochenzeitung“ in Grenzen. Der Journalist überschrieb seinen Text mit der Frage: „Wo liegt denn bloß dieses Bad Bonn?“

Bad Bonn? Ein neues Schwimmbad soll es in Bonn ja geben – aber mit dem Prädikat Kurort wollte die Stadtverwaltung die Beueler Bütt oder das Frankenbad bislang nicht veredeln lassen. Und Bad Godesberg ist sicherlich auch nicht gemeint. Da bleibt offensichtlich nur eine Lösung: Wir Bonner genügen uns zwar selbst. Aber wir sind nicht allein im Universum. Bonn ist kein Unikat. Rheinaufwärts, in der Schweiz, soll es mindestens noch eins geben.

Die Zerschlagung unseres bonnzentrischen Weltbildes, unseres geliebten Bonniversums, bedarf eines Beweises. Beim Branchenverband „Schweiz Tourismus“ ist man skeptisch. Bad Bonn – das sei nur eine fragwürdige Kneipe mit „sehr alternativem Publikum“, heißt es abwimmelnd am Telefon. Also im Grunde nicht der Rede wert. Aber wieso heißt eine Kneipe Bad Bonn? Das wollen wir doch mal sehen.

Der Weg nach Bad Bonn führt in den Kanton Fribourg in der Westschweiz. Ein lieblich grünes Hügelland an den Ufern der Saane. Von der Landeshauptstadt Bern zuckelt die S1 alle 30 Minuten westwärts über Bümplitz-Süd, Wünnewil-Flammat und Schmitten. In der Ferne winkt bei guter Sicht das Alpen-Dreigestirn Jungfrau, Mönch und Eiger. Kurz vor Fribourg mit seinen 32 katholischen Kirchen, 200 gotischen Fassaden und 15.000 Studierenden endet die Fahrt am gesichtslosen Bahnhof Düdingen.

Bonn - in der Schweiz nur ein Flachbau

Hier wartet Véronique Schneuwly. Die junge Frau vertritt den Kanton in Tourismusdingen. Sie ist einiges gewöhnt von Touristen. Leute aus Indien zum Beispiel, die bei dichtem Nebel in Flipflops rauf auf die Jungfrau wollen. Von Bad Bonn hat Véronique noch nie gehört. Aber sie hat eine Ahnung, wo das sein könnte. Zackig steuert sie ihren Kleinwagen die Straße hoch durchs Gewerbegebiet der Gemeinde. Beim Lidl geht’s rechts ab. Wir sind offenbar auf dem richtigen Weg: Ein Schild weist in die Bonner Straße.

Dann wird die Straße zum Feldweg und endet auf einem Parkplatz. Ein unauffälliger Flachbau mitten im Nichts. An der Wand hängt ein großes Schild mit der Frage „Where the hell is Bad Bonn?“ Das soll wohl ein Witz sein. Von einem Bonn ist weit und breit nichts zu sehen. „Sie sind hoffentlich nicht enttäuscht?“, fragt Véronique.

Wir fragen drinnen nach. Hinter dem Tresen hat Rahel Surbeck alle Hände voll zu tun, verschmutztes Geschirr in die Küche zu schaffen. Der Sonntagsbrunch lockt viele Menschen ins „Bad Bonn“. Alle Tische sind besetzt. Für Geschichtsunterricht hat Rahel gerade keinen Kopf. „Aber geht doch mal unten ans Ufer. Da steht ein Schild.“

Ein Trampelpfad führt ans steile Ufer des Schiffenensees. Auf der eingezäunten Wiese davor meckern fünf weiße Ziegen. Und dann die bittere Erkenntnis: Bonn ist Vergangenheit. Ausgelöscht, untergegangen im wahren Sinne des Wortes. Auf dem besagten Schild am Ufer steht es geschrieben, weiß auf rotem Grund: „Bonn (…) kam im Winter 1963/64 mit dem Bau des Schiffenen-Stauwehrs unter Wasser.“ Wir sind zu spät für dieses Bonn!

Treffpunkt des gesellschaftlichen Lebens

Lange war Bonn keine Unbekannte. Schon 1293 wurde der Flecken erstmals urkundlich erwähnt. Der erste Bademeister war wohl ein gewisser Hans Umbescheiden. Nach einem schweren Brand wurde das Dorf neu gebaut. „1662 beschrieb der Freiburger Stadtarzt Franz Prosper Dugo den Ort und würdigte die Eigenschaften der Heilquellen in einem badekundlichen Traktat“, heißt es weiter. „Kurzer Bericht von dem Bad zu Bonn und seiner Würkung / und wie man sich vor / im und nach dem Bad halten soll“ ist das Werk überschrieben. Jahrhundertelang sei Bonn ein Treffpunkt des gesellschaftlichen Lebens und ein bekanntes Ausflugsziel gewesen.

„Im See können Sie baden“, sagt Véronique Schneuwly, die Tourismus-Managerin. Allmählich hat auch sie Inter-esse an der Sache. Sie erzählt von einem Einsiedler, der noch vor gar nicht so langer Zeit in einer Sandsteinhöhle am Seeufer hauste. War dieser Eremit der letzte Bonner?

Fragen, die sich vor Ort nicht klären lassen. Bei der Rückkehr ins Gasthaus hat Rahel immerhin ein Buch aufgetrieben, das jemand vor einigen Jahren über Bonn geschrieben hat. Hunderte Menschen seien hier nachweislich geheilt worden, ist darin zu lesen. Kneipe und Kapelle ergänzten den Badebetrieb auf das Feinste. Viele Familien lebten von und in Bonn. Die letzten Besitzer hießen Henkel-Schmutz.

Am 17. Februar 1964 wird Bonn gesprengt

Dann kam das Schweizer Militär – bekannt nicht nur für seine Taschenmesser. Die Herren vom 1. Infanterie-Regiment waren nicht zimperlich. Am 17. Februar 1964 sprengten sie Bonn. 5000 Schaulustige sahen zu. Wie zu lesen ist, ließ die Präzision indessen zu wünschen übrig. Zwei Soldaten, die vor einem benachbarten Bunker Wache standen, mussten sich fluchtartig in Sicherheit bringen, weil neben ihnen Trümmerteile einschlugen. Wenig später verschwanden dann die Reste von Bonn unter den Wassermassen hinter der 47 Meter hohen Staumauer.

Und dann gab es ein Comeback für Bonn, auf das nicht nur Rahel ziemlich stolz ist: die Kilbi. Das ist in der Schweiz ein Festival. Schon vor 500 Jahren soll es das in Bonn gegeben haben. 1991 kam Daniel Fontana. Er ist der Grund, warum der anfangs genannte Schweizer Journalist Bad Bonn suchte. Denn Fontana übernahm nicht nur den Landgasthof. Er machte daraus einen alternativen Treffpunkt und belebte die Kilbi wieder.

Bad Bonn wurde zum Zentrum der Schweizer Indie-Rock-Szene, denn hier spielen regelmäßig auch große Namen, für die andere Konzertveranstalter nach Ansicht von Kennern „ihre Seele verkaufen würden“. 2017 waren das die Folk-Sängerin Angel Olsen oder die Stoner-Doom-Band „Sleep“. Aber auch die Wave-Rocker von „Sonic Youth“ kamen schon zur Kilbi – und dazu viele aufstrebende Newcomer.

Anfangs hätten sich die Dorfbewohner Düdingens durchaus aufgeregt, wegen dem Lärm und so, erinnert sich Rahel. 5000 Gäste machen Dreck und bringen viele Autos mit. Inzwischen hat die Kilbi aber viele Freunde auch unter den Einheimischen. Und Véronique will künftig mal zum Sonntags-Brunch vorbeikommen, verspricht sie Rahel. Und der Geist von Bonn geht in alle Welt. Ableger des Festivals waren schon in Zürich und Paris zu Gast. Man ist fast versucht, die Rheinaue zu empfehlen, wo es mit der „Rheinkultur“ schließlich dereinst einen Zwilling gab. Bonn goes Bonn sozusagen.

Nur eine Frage bleibt zunächst ungeklärt: Woher hat Bad Bonn seinen Namen? Gibt es hier einen Zusammenhang mit Bonn am Rhein? In anderen Bonn-Fällen liegt die Antwort auf der Hand. Denn wie ein paar weitere Recherchen bald zeigen, ist der Schweizer Namenszwilling keineswegs der einzige: Um 1835 ließen mutige Siedler das Rheinland hinter sich und emigrierten in den Mittleren Westen der USA.

Ein Straßendorf in Ohio

Im Washington County nannten sie ihre neue Heimat Bonn. Zeitweise habe der Industrielle Nahum Ward sich mit dem Plan getragen, mit Maulbeer-Plantagen ein großes Ding zu drehen. Aber daraus wurde nichts. So ist Bonn in Ohio heute ein Straßendorf an der Country-Road 11. Als kleinen Trost hat es das neue Bonn in der alten Heimat 2010 in einen mäßigen Karnevalssong geschafft. „Et jibt en Bonn in Ohio, oweioweio, doch eins, dat is so ziemlich klar, es gibt kein Königswinter da“, heißt es im Refrain.

Die Port Hudson U.S. Geological Survey Map lokalisiert in den Sümpfen Louisianas noch ein Bonn. Diese Streusiedlung liegt in der Nähe des Mississippi an der Route 61, gar nicht so weit weg von der Hauptstadt Baton Rouge. Selbst im fernen Australien muss man auf Bonn nicht verzichten: Es liegt an der Bonn Road im australischen Bundesstaat Victoria im Rodney County, etwa 160 Kilometer nördlich der Hauptstadt Melbourne. Auch diese winzige Gemeinde wurde von Auswanderern aus dem Rheinland gegründet. Seit 1986 gibt es dort ein Naturschutzgebiet am Campaspe River: die Bonn Streamside Reserve. Die Website von Parks Victoria verzeichnet derzeit keine „upcomming events“.

Kurz vor Ende der Recherche kommt dann doch noch Aufklärung aus der Schweiz: In der Gemeindeverwaltung Düdingen findet man eine Antwort. Bonn sei zunächst „Pont“ genannt worden – nach dem lateinischen Wort für Brücke. Problem dabei: Von einer Brücke ist aus dem Mittelalter nichts bekannt. Dagegen verband eine Fähre das Dorf mit Bärfischen auf der anderen Seite, damit die Bonner dort in die Kirche gehen konnten. Erst später wurde eine fußläufige Querung gespannt. Die war so begehrt, dass der Brückenwärter jedermann fürs Passieren 20 Rappen abknöpfte. Schaukeln, Stehenbleiben oder gar Vieh mitnehmen waren untersagt. Bei Gewitter war geschlossen.

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