Willkommen in Teutschland

"Von Luther bis zum Bauhaus" heißt ein herausragender Querschnitt von Nationalschätzen aus 25 Institutionen der neuen Bundesländer, die sich mit rund 600 Exponaten in der Bundeskunsthalle Bonn präsentieren

Bonn. Die Klage der neun Musen über "Teutschland" füllt vier engbedruckte Spalten. Der Dichter Hans Sachs hatte die "Clagred" 1535 aufgeschrieben, der Künstler Georg Pencz mit einem wunderbar kolorierten Holzschnitt illustriert. Wissenschaften und Künste gelten nicht mehr, Wollust, Gewalt und Prunksucht beherrschen die Menschen, Kunst trage kein Geld mehr ins Haus, heißt es dort.

Die frustrierten Musen waren, so Sachs, auf den Weg zurück nach Griechenland. Jetzt könnten sie wiederkommen, denn ihr Werk wird in einer prächtigen Ausstellung gewürdigt, die den Begriff "Nationalschätze" zu Recht im Untertitel führt. In der Bundeskunsthalle erfüllt sich zumindest teilweise Goethes Traum, der in einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi schrieb: "Wohl möchte ich einmal die Schätze sehen, die sich dort nach und nach versammelten."

Das war vor fast 200 Jahren. Bald nach der Wiedervereinigung vor 15 Jahren wurde das Unternehmen "Blaubuch" gestartet, eine ehrgeizige Bestandsaufnahme der kulturellen "Leuchttürme" in der ehemaligen DDR. 2001 lag das Kompendium vor: 324 Seiten stark, der Autor war laut FAZ "Deutschlands bekanntester Bibliothekar", Paul Raabe, ehemaliger Chef der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und der Franckeschen Stiftung zu Halle. Hier gründete sich 2002 die "Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen" (KNK), eine Kulturlobby des Ostens, in der 23 museale Einrichtungen organisiert sind.

In schöner Breite, mit rund 600 Exponaten ist nun eine Auswahl ihrer Nationalschätze in Bonn zu sehen. Es ist ein gewaltiger, überwältigender Parcours durch 500 Jahre deutsche Kunst- und Kulturgeschichte, der seinesgleichen sucht. Gäbe es so etwas wie einen Ausstellungs-Kanon, "Von Luther bis zum Bauhaus" gehörte dazu.

Die 23 KNH-Institutionen und zwei Gastinstitutionen, von der Wartburg bis zum Bauhaus in Dessau, von der Stiftung Weimarer Klassik bis zum Hygienemuseum in Dresden, vom Bach-Archiv in Leipzig bis zum Schloss Friedenstein in Gotha, hielten sich bis auf eine vorbildlich präsentierte Internet-Datenbank vornehm zurück und lassen Kunstdokumente sprechen.

25 Institutionen, das bedeutet ebensoviele Direktoren und Interessen. So war es ein echter Schachzug, als die KNK einen der profiliertesten Ausstellungsmacher für "Von Luther zum Bauhaus" verpflichtete, den Briten Norman Rosenthal von der Royal Academy of Arts in London.

Der Blick von außen auf die deutsche Kulturnation führt zu einem Bündel spannender Erzählstränge. Rosenthal gelingt dabei eine spezifisch deutsche Entwicklung herauszupräparieren, die mit Sammlerpersönlichkeiten zusammenhängt, viele verschiedene Kunstzentren und eine wohl einzigartig ausdifferenzierte Museumskultur kennt. Rosenthals historischer und kulturgeschichtlicher Strang führt vom Bildersturm der Reformation über Aufklärung und Romantik bis zur Reformbewegung des Bauhauses.

Wer eher dem Weg der Kunstgeschichte folgen will, wird mit einer Reihe exzellenter Cranachs belohnt, sieht Grafik von Dürer und Baldung Grien, Max Klinger und den Künstlern der Brücke, kann sich an Balthasar Permosers kleiner Elfenbeingruppe "Herkules und Omphale" aus dem Grünen Gewölbe in Dresden sattsehen.

Man staunt über frühe Italiener aus dem Lindenau-Museum Altenburg, freut sich über Monets Kathedrale aus Rouen (Weimar), Menzels bombastisches Eisenwalzwerk (Berlin) oder Rubens` Artemisia, einst von Friedrich dem Großen für Schloss Sanssouci angekauft.

Eine andere Entwicklungslinie verfolgt den Weg von der Kunst- und Raritätenkammer hin zur fürstlichen und bürgerlichen Sammlung. Spezialmuseen zu Völkerkunde und den Naturwissenschaften hat Rosenthal ebenso in seinen Parcours einbezogen wie wahre Wissens-Pools, etwa die Herzogin Amalia Bibliothek in einer gewagt-gelungenen Präsentation: eine Geistes-Walhalla in Zartgelb.

"Von Luther bis zum Bauhaus" ist eine Fundgrube, in der jeder glücklich werden kann. Musikfreunde dürfen in Hörkabinen Stücke von Bach und Händel hören, Naturfreaks in Deutschlands wohl einzigem Gartenkino Platz nehmen, in dem eine sehenswerte Dokumentation über die Parks in Wörlitz, Muskau, Branitz und Sanssouci läuft.

Martin Roth, Sprecher der KNK, hat kein Problem damit, wenn "Von Luther zum Bauhaus" als PR-Show für die Neuen Bundesländer gewertet wird. Es geht in der Tat ja auch nicht um eine Butterfahrt in den Osten, sondern um eine längst fällige und überaus spannende Reise zu unseren Wurzeln.

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4; bis 8. Januar. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog (Prestel) 25 Euro.

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