Thema Keupstraße: Wie Verdacht ein Viertel vergiftet

Thema Keupstraße : Wie Verdacht ein Viertel vergiftet

Braucht man in der eigenen Stadt einen Fremdenführer? Für die Keupstraße schon. So teilt das ganz in der Nähe logierende Schauspiel Köln die Besucher der Uraufführung "Die Lücke" in Gruppen auf, die ein Insider über diese exotische und seit dem 9. Juni 2004 traurig-berühmte Straße begleitet.

Unser Mann heißt Muhammed Özkan, ist Inhaber des Juwelierladens "Marka Istanbul" und redet Klartext. "Hier ist das Attentat passiert", sagt er vor dem Friseursalon. "Und wenn einer der Inhaber zum Anschlag befragt wird, muss er weinen."

Özkan nennt seine Lieblingsrestaurants ("Doy Doy" und "Kilim") und erklärt die große Zahl der Juweliere damit, dass ein Hochzeitspaar von den Eltern Goldschmuck für 30 000 Euro bekomme. Und während türkischstämmige Menschen hier zwar fast rund um die Uhr Geschäfte machten, seien sie als Bewohner größtenteils von Bulgaren und Rumänen verdrängt worden. "Besuchen Sie uns in der Keupstraße!", wünscht sich Özkan nach diesem animierenden Slalom zwischen Luxusschlitten, Fresstempeln, üppiger Brautmode und fabelhaften Bäckereien.

Dann wird's im Depot 2 ernst: links drei Schauspieler, rechts drei vom Anschlag betroffene Laien, getrennt durch "Die Lücke". Anne Ehrlichs schlicht-geniales Bühnenbild verteilt die "Parteien" auf zwei halboffene Kuben, die zugleich Videoleinwände sind und etwa die NSU-Verdächtigen beim Deponieren ihrer verheerenden Fracht zeigen. "An diesem Projekt kann man nur scheitern", hatte Autor und Regisseur Nuran David Calis vorher befürchtet, doch er sollte sich gründlich irren.

Gewiss schillert sein Stück zwischen Dokumentartheater, Gewissenserforschung und Agitprop. Aber es wagt sich in die Höhle des Löwen. Annika Schilling, Thomas Müller und Simon Kirsch zeigen als schnieke Migranten-Versteher Toleranz mit beschränkter Haftung.

Auf der anderen Seite: die bodenständig-patente Ayfer Sentürk Demir, die vor zehn Jahren von der Druckwelle erfasst wurde, der temperamentvolle Traditionalist Ismet Büyük und der rhetorisch-gewitzte Kutlu Yurtseven, der nicht nur das Keupstraßen-Attentat, sondern 2001 in seinem Studio in der Propsteigasse 44 auch den mutmaßlich ersten Kölner Anschlag des NSU erlebte. Die Schilderungen dieses Trios gehen unter die Haut: die prasselnden Nägel, die Stille nach dem Knall, die Blutenden auf dem Pflaster - und das zweite Fiasko der einseitig gegen die Opfer geführten Ermittlungen. Hier wurde eine Straße durch falschen Verdacht vergiftet.

Doch Calis will mehr als unentrinnbare Betroffenheit. Das deutsche Darstellertrio darf alle Vorurteile und Vorbehalte aus dem Hinterkopf kramen, wobei viele Thesen über missachtete Frauen oder religiöse Intoleranz von der komplexen Lebenswirklichkeit der Zuwanderer korrigiert werden. Manchen dieser Kulturkämpfe hätte man sich (auch von türkischer Seite) noch härter gewünscht, doch man begreift die unbequeme Wahrheit, dass das Gespenst des Rassismus nicht nur in fremden Hirnen spukt.

Leider gibt das Trio das Mandat des Advocatus Diaboli im letzten Teil zurück. Denn jetzt mündet der gerechte Zorn über zuerst verpennte, dann durch V-Männer und Aktenvernichtung manipulierte NSU-Ermittlungen in forcierten Theaterfuror samt aufgeklebtem Hitler-Schnäuzer.

Standing Ovations.

Knapp drei Stunden, davon rund 50 Minuten Führung, zwei Stunden Aufführung. Termine: 11./12. Juni sowie 1., 3. u. 4. Juli, je 19 Uhr. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.