"Rock am Ring": Wie Metall in einem Hochofen

"Rock am Ring" : Wie Metall in einem Hochofen

Von Metallica bis Linkin Park: 85.000 Fans haben am Nürburgring beim größten Rockfestival Deutschlands ihre Stars gefeiert.

Ihren ersten Rock-am-Ring-Auftritt musste die kalifornische Band Linkin Park noch absagen. Wegen einer Krankheit ihres Sängers. Das haben die Musiker jedoch in den folgenden mehr als zehn Jahren wieder wettgemacht. Jetzt war die Superband zum vierten Mal hier, als Headliner am Freitag um Mitternacht. "Danke für eure Unterstützung", rief Sänger Chester Bennington ins Publikum.

Der Einstieg mit "A Place for My Head" war heftig. Da ließen sie musikalisch die Muskeln spielen - Bennington rannte, sprang, schrie. Es es dauerte noch eine Weile, bis sich die andere, die weichere Seite der Band offenbarte. Der unglaubliche Erfolg von Linkin Park gründet sich auf einem gut kalkulierten Mix aus Nu Metal, Rap und Kuschelrock.

Puristen der Szene nehmen Linkin Park vor allem letzteres übel. Gegen die heftigeren Nummern wirkt selbst "Burn It Down", das Bennington emphatisch in den Abendhimmel sang, sehr nach Mainstream-Pop. Und man vergisst glatt für eine Weile Joe Hahns heftige Scratches am Plattenteller oder die rasanten Raps eines Mike Shinoda.

Rock am Ring, wo an drei Tagen bis zum gestrigen Sonntag 85 Bands angetreten sind, hat in diesem Jahr etwas von einem Dinosaurier-Treffen. Selbst die Herren der 90er-Jahre Grunge-Legende Soundgarden wirken neben den Metal-Bands Anthrax und Metallica oder neben den Toten Hosen noch eher wie Juniorpartner.

Die anderen drei Bands haben alle schon ihren 30. Geburtstag hinter sich, beziehungsweise feierten ihn ihn, wie im Falle der Toten Hosen, gestern aktuell mit 85.000 Partygästen auf dem Nürburgring (und zuvor schon mit 70.000 auf dem Zwillingsfestival Rock im Park auf dem Nürnberger Zeppelinfeld). Aber die Senioren rocken das Gelände, das gilt auch für Soundgarden. Die Rückkehr mit dem 47-jährigen Leadsänger Chris Cornell an der Spitze war sicher eine Nostalgiestunde der härteren Gangart.

Dass ihre Show nur in Schwarzweiß auf die großen Leinwände auf dem Platz übertragen wurde, unterstrich den herben Charakter ihrer Musik. Man spielte die alten Klassiker, wohl auch weil das angekündigte erste neue Album seit 1996 noch nicht fertig ist. Darunter natürlich auch das hymnische "Black Hole Sun" - das wegen seiner Mitsingqualität neben den anderen Nummern ein wenig aus dem Rahmen fällt.

Am zweiten Tag wirkte der anstehende Auftritt von Metallica bereits am frühen Abend wie ein Magnetfeld. Schon bei den Auftritten von Enter Shikari, Refused, Tenacious D und Billy Talent bewegte sich sich der Publikumsstrom fast ausschließlich in Richtung Centerstage. Die ziemlich beleibten Musiker von Tenacious D um den Hollywood-Komödianten Jack Black dürften wohl den Preis für das skurrilste Bühnenbild des Festivals erhalten: Ein als Greifvogel nur halbherzig verfremdeter Riesenphallus.

Da hatten es die kleineren Acts auf den anderen Bühnen nicht leicht, die Aufmerksam der Rock-Gemeinde auf sich zu ziehen. Das Band-Projekt Awolnation des jungen Aaron Bruno hätte vor der Clubstage durchaus mehr Publikum verdient.

Ebenso die Ting Tings auf der Alternastage, die es zu zweit versuchten: Schlagzeuger Jules De Martino und Sängerin und Gitarristin Katie White holten alles aus ihren wenigen Instrumenten heraus, wobei sie den Sound mit elektronischen Hilfsmitteln effektvoll erweiterten. Besonders gut kamen ihre Hits "That's Not My Name" und "Shut Up and Let Me Go" beim Publikum an. Diese Songs bringen Whites Sprechgesang besonders gut zur Geltung.

Peter Doherty, sonst Frontmann der Babyshambles, kam anschließend sogar ganz allein auf die Bühne; in bester Singersongwriter-Tradition nur mit Gitarre.

Als er in dem idyllischen, auch textlich sich weit vom Pop-Alltag abhebenden Song "Arcady" ganz dylanesk zur Mundharmonika griff, war das ein schon ziemlich grotesker Kontrast zur parallel laufenden Show von Tenacious D. Dass Doherty mit dem zweiten Song "Last of the English Roses" zwei Ballerinen auftreten ließ, die ihn allerliebst umtanzten, war ebenso hübsch wie befremdlich.

Der Publikumsandrang an der Centerstage nahm mittlerweile gigantische Züge an. Die kanadische Alternative-Rock-Band Billy Talent spielte sich die Seele aus dem Leib. Zur Freude des Publikums, das sich vor allem von Benjamin Kowalewicz' Gesang mitreißen ließ. Er forderte das Publikum auf, bei "Devil on My Shoulder" die Zeile "over and over" mitzusingen. Eine einfache Übung. Bei "Fallen Leaves" und "Red Flag" sangen sie dann auch ohne Aufforderung mit.

Dann, kurz nach 23 Uhr der Höhepunkt des Samstags: Metallica. Zu Ennio Morricones "The Ecstasy of Gold" und Bildern aus dem Italo-Western "Zwei glorreiche Halunken" eröffneten sie ihren vom Publikum heiß ersehnten Part. Fast zweieinhalb Stunden zogen Sänger und Gitarrist James Hetfield und seine Mitstreiter Kirk Hammett (Leadgitarre), Robert Trujillo (Bass) und Lars Ulrich (Schlagzeug) das Publikum mit nicht nachlassender Energie in Bann. Ulrich leistete echte Schwerstarbeit mit den Trommelstöcken. Auch die anderen schonten ihre Instrumente nicht. Besonders schön: die virtuosen Gitarren-Duette von Hetfield und Hammett.

Für ihren Auftritt hatten die Amerikaner extra einen u-förmigen Laufsteg installieren lassen, auf dem sie weit ins Publikum hinein gehen konnten. Das schafft Nähe, die Hetfield auch durch seine Ansagen erreichte. Den größten Teil der Nacht bestritten Metallica mit Songs des legendären "Black Album", das den Klassiker "Enter Sandman" enthält, aber auch die gefühlvolle Ballade "Nothing Else Matters". Als Hetfield das Intro zu dieser Ballade spielte, schmolz auch das härteste Rocker-Herz dahin wie Metall in einem Hochofen.

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