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Literaturfestival Poetica in Köln: Wenn die Seele schmerzt

Literaturfestival Poetica in Köln : Wenn die Seele schmerzt

In Köln findet zum dritten Mal die „Poetica“ statt, das "Festival für Weltliteratur". Die Schriftstellerinnen Gila Lustiger und Zeruya Shalev lesen im Wallraf-Richartz-Museum aus ihren Werken - und widmen sich dem Thema Schmerz.

Um die Seele geht es bei der Poetica, dem „Festival für Weltliteratur“, das derzeit zum dritten Mal stattfindet. Wie man auch einem Leseabend Seele einhaucht, könnte sich Gastgeber und Moderator Günter Blamberger (Internationales Kolleg Morphomata) bei einem anderen lit-Festival in der Stadt abgucken – denn statt der geplanten 90 Minuten zog sich der Abend mit den Schriftstellerinnen Zeruya Shalev und Gila Lustiger auf über zweieinhalb Stunden.

Die gingen vor allem auf das Konto mehrerer langer Passagen aus den Büchern der hochkarätigen Autorinnen, von denen man im voll besetzten Stiftersaal des Wallraf-Richartz-Museums gerne mehr aus eigenem Mund zu ihrem Thema gehört hätte – der Seele und dem Schmerz.

Der gab Zeruya Shalevs 2015 erschienenem Roman den Titel: „Schmerz ist der eigentliche Held der Geschichte“, erklärte die in Jerusalem lebende Autorin. „Er kommt zurück“, so beginnt ihr fulminanter Roman – ein Satz mit doppeltem Boden. Die Schuldirektorin Iris überlebte schwer verletzt einen Terroranschlag, leidet aber auch nach ihrer Genesung wieder an Schmerzen. Eine andere Tortur hingegen hat sich in ihre Seele eingebrannt, als ihre große Liebe Eitan sie als junges Mädchen plötzlich verließ. Ihm, der ausgerechnet Schmerztherapeut geworden ist, begegnet die längst als Ehefrau und Mutter festgefahrene Iris nun im Krankenhaus wieder – Auslöser einer aufwühlenden Bestandsaufnahme ihres Lebens.

Wie Zeruya Shalev in einem sog-artigen Erzählstrom das politische Moment des Terrors mit dem des individuellen Schmerzes verwebt, ist grandios und entlockte der Kollegin Gila Lustiger eine temperamentvolle Hommage: „Dass eine Frau davon schreibt, wie der Terror das private Leben überrollt, war ein Befreiungsschlag!“, so Lustiger; die von Männern dominierte Literaturszene Israels habe den Terror bis dato stets nur politisch gespiegelt. Eine Befreiung bedeutete „Schmerz“ aber auch für Shalev, die selbst einen Anschlag überlebte, sich aber stets dagegen gewehrt hatte, darüber zu schreiben. „Hier hat es sich intuitiv ergeben“, berichtet die 57-Jährige und erklärte, die Verfremdung ihrer eigenen Erfahrung habe ihr bei der Bewältigung des Schreckens geholfen.

Wenn man Seele heute eher mit negativen Gefühlen verbindet, liegt das auch an unseren Zeitläuften, hatte Kuratorin Monika Rinck (wie alle Frauen auf dem Podium schwarz gekleidet) eingangs konstatiert und danach gefragt, wie man eine angemessene Sprache für den Schmerz finden könne. Darauf gibt auch die seit 30 Jahren in Paris lebende Gila Lustiger in ihren Werken Antwort.

Die enorme Zahl antisemitischer Angriffe, die Gewaltausbrüche von Jugendlichen aus den Problemvierteln, das Land im Umbruch – ich habe Frankreich nicht mehr verstanden“, so Lustiger, die auf der Suche nach den Ursachen unter anderem bei der Pariser Polizei recherchierte. In ihrem raffiniert vielschichtigen Kriminalroman „Die Schuld der anderen“ geht sie der folgenreichen sozialen Ungleichheit in der französischen Gesellschaft und dem Entstehen von Gewalt auf den Grund.

Auf die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 reagierte sie mit dem berührenden Essay „Erschütterung“. Immer rückt Lustiger, die „Moralistin“ (Blamberger), die Opfer ins Licht – auch mal mit einem vor Lebenslust strahlenden Gedicht von Arthur Rimbaud.

Die Bücher von Zeruya Shalev und Gila Lustiger sind im Berlin Verlag erschienen.