Ausstellung "Is(s) was?!": Was in Deutschland auf den Tisch kommt

Ausstellung "Is(s) was?!" : Was in Deutschland auf den Tisch kommt

Es muss wohl bei einem Museum im Rheinland so sein, dass man mit einem Zitat des großen Alltagsphilosophen und Humoristen Willy Millowitsch startet: "Essen und Trinken sind die drei schönsten Dinge des Lebens." Keine Angst: Das Niveau steigt vom Entree der Ausstellung "Is(s) was?! Essen und Trinken in Deutschland" an in Riesenschritten.

Den Besucher im Bonner Haus der Geschichte erwartet eine sinnliche und zugleich informative Schau, die nicht nur um ein existenzielles Thema kreist, sondern ein Feld bearbeitet, das in seiner gewaltigen Entwicklung den Lebensstil, die Befindlichkeit und das Selbstverständnis einer Gesellschaft spiegelt. Deutsch-deutsche Esskultur seit 1945, das ist ein Parcours von den Hungerjahren über die Kalorienbomben der Wirtschaftswunderzeit und die Entdeckung der griechischen, spanischen und italienischen Küche im Zuge eigener Urlaubserlebnisse und den ersten Gastarbeiter-Wellen bis zum Fast- und Slowfood unserer Tage, Veganertum und Molekularküche.

Wer kocht? Er oder sie? Per Buzzer können die Museumsbesucher abstimmen. In den Gründerjahren der Bundesrepublik gab es keine Frage. Die Küche war das Revier der Hausfrau. Ging der Herr mal an den Kochtopf, endete das in einem Materialmassaker, wie Heinz Schubert in "Ein Herz und eine Seele" vorführt. Auch das ein Klischee. "Super Uschi, super Muschi, super Sushi, Supergeil...": Der hoch aktuelle Edeka-Song von Friedrich Liechtenstein beschallt das Kapitel Supermarkt, wo nicht nur die Historie des Lebensmittelhandels gestreift und Angebote in Ost und West verglichen werden, sondern auch Verkaufsstrategien zur Sprache kommen. Wo Massenkonsum ist, sind Skandale nicht weit. Auch das ein Thema der herausragenden Schau.

Man lernt hier, dass in Seattle der Döner als als deutsche Erfindung gilt. In Hanoi dreht sich der "typisch deutsche" Dönerspieß selbstverständlich im "Café Goethe". "Der Döner, so wie wir ihn kennen, ist wirklich in Deutschland erfunden worden", erläutert Harald Biermann, Direktor Kommunikation des Hauses der Geschichte. Debatten zwischen dem Präsidenten Hans Walter Hütter, dem Ausstellungsleiter Jürgen Reiche und der Kuratorin Anne Martin gab es beim Pressetermin hinsichtlich der Herkunft der Curryurst. In der Ausstellung gilt die Version, die Berlinerin Herta Heuwer habe sie 1949 erfunden, indem sie Tomatenmark mit Currypulver zusammenrührte und über eine Wurst goss. Unvergessen die Hymne "Wat schöneret gibt es nich' wie 'ne C...Currywurst", 1982 von Herbert Grönemeyer gesungen.

Das erste japanische Restaurant in der DDR führte seit 1966 der Thüringer Gastronom Rolf Anschütz unter dem unasiatischen Namen "Waffenschmied" in Suhl. Wobei Restaurant zu kurz gegriffen ist, bot Anschütz dem Publikum im Arbeiter- und Bauernstaat doch ein Paket aus einem rituellen Bad, bei dem Männlein und Weiblein nackt im Pool "Horch, was kommt von draußen rein" sangen - zur "Reinigung", versteht sich -, man dann im Kimono zu Tische saß und DDR-"Geishas" die Speisen auftrugen. Der Kinofilm "Sushi in Suhl" dokumentierte den Kult-Japaner der Ossis.

Der erste DDR-Italiener war das "Fioretto" in Ostberlin. Inhaberin Doris Burneleit kannte Italien nur aus Kochbüchern. Nach dem Fall der Mauer kürte sie der "Feinschmecker" zur "Aufsteigerin des Jahres". Der erste Italiener im Westen war das "Sabbie di Capri" (Sand von Capri), das Nicola di Camillo 1952 im großteils zerbombten Würzburg eröffnete. Die ersten Kunden waren amerikanische GIs mit ihren "Fräuleins". Als Clou hatte di Camillo die "Blaue Grotte" von Capri im Keller nachgebaut.

Geschichten wie diese machen die Ausstellung "Is(s) was?!" (alberner Titel) zum Abenteuer. Lust und Last liegen nahe beieinander: Kaffeeduft, Kreuzkümmel- und Paprikaschwaden regen die Sinne an, Filmausschnitte aus "Soul Kitchen", "Bella Martha" und "Julie & Julia" mixen kulinarisches mit Erotik. Doch dann gibt es auch die 80 Kilo Lebensmittel, die jeder Deutsche pro Jahr wegwirft, das Hartz-IV-Kochbuch, die Tafeln für Arme und überschüssiges Brot, das, zu Pellets gepresst, verfeuert wird. Eine Ausstellung, die man in ihrer Komplexität so schnell nicht vergisst.

Haus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14; bis 12. Oktober. Di-Fr 9-19, Sa, So 10-18 Uhr

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