Ausstellung von Frank Auerbach in Bonn: "Was für eine Menge Farbe!"

Ausstellung von Frank Auerbach in Bonn : "Was für eine Menge Farbe!"

Die exzellente Ausstellung von Frank Auerbach im Kunstmuseum Bonn macht neugierig auf den Mann hinter dieser Malerei, den Maler, der erst düstere, später buntere Farbmassen aufeinandertürmte, Gesichter und Akte malte, die eher abweisend und wie rohe Farbklumpen anmuten.

Ein Künstler, der sich noch immer einem ganz engen Motivspektrum widmet und schließlich auch geografisch verwoben ist mit einem überschaubaren Londoner Quartier, dem er mit fantastisch flimmernden, pulsierenden Gemälden ein Denkmal gesetzt hat. Wer ist Frank Auerbach? Wer sind E.O.W., S.A.W. und J.J.W.? Catherine Lampert, britische Kunsthistorikerin und Kuratorin der Bonner Ausstellung, versucht dort mit einem kuratorischen Essay, einem Dutzend Motiven im Séparée, die Künstlerpersönlichkeit einzukreisen.

Doch wo bleibt der Mensch Auerbach? Dieses Defizit wird nun durch Lamperts Buch "Frank Auerbach. Gespräche und Malerei" wunderbar aufgehoben. Der Autorin ist es gelungen, diesen eher scheuen, herausragenden Vertreter des Kreises um Leon Kossoff, Francis Bacon und Lucian Freud buchstäblich zum Sprechen zu bringen. Seit 1967 verfolgt sie sein Werk, zehn Jahre später kuratierte sie seine Ausstellung in der Hayward Gallery, zu der Zeit saß sie Auerbach auch Modell.

Lamperts Buch ist eine Mischung aus eigenen Gesprächsnotizen und Fremdzitaten. Sie hat die Literatur über Auerbach gründlich durchforstet, widmet sich etwa der Monografie von Robert Hughes. Wer hofft, durch Lampert, die immerhin mit Auerbach befreundet ist, einen persönlicheren Zugang, gespickt mit subjektiven, vielleicht auch kritischen Beobachtungen zu erleben, wird aber enttäuscht. Lampert dient mit Daten und Fakten, doch nicht mit Atmosphäre. Das Buch wirkt phasenweise arg staubtrocken als Aneinanderreihung von Lesefrüchten. Das ist bedauerlich.

Denn Auerbachs zupackende Kunst, seine hochemotionale, gleichsam permanent mit sich ringende Malerei geschieht vor einem zeithistorisch wie persönlich-biografisch hochspannenden Hintergrund. Auerbachs Bilder und seine Lebensstationen lassen im Kopf sofort einen Film entstehen. Die Begegnung mit dem Menschen Auerbach gleichwohl ist, folgt man Lampert, nicht einfach: Er redet nicht gerne über seine Kunst, er fühlt sich unwohl dabei, "ich verbringe nicht viel Zeit damit, meine eigenen Bilder anzusehen".

Bescheidenheit? Koketterie? Er redet einfach lieber über Meister, die er bewundert: John Constable in erster Linie, Rubens' "Samson und Deliah", Cézannes "Vater des Malers Louis-Auguste" und Werke von Tizian lösen Kaskaden von Beobachtungen und Assoziationen aus. Aber mit der eigenen Kunst geht er eher deskriptiv, emotional distanziert um. "Er war heftig und ganz in seiner eigenen Welt, und das war anfangs recht beängstigend", erinnert sich Stella, eine der wichtigen Frauen in Auerbachs Leben. Als 17-Jähriger hatte er die 14 Jahre ältere Witwe Stella West kennengelernt. Jahrelang saß sie ihm Modell, für Porträts und Akte, die er mit ihren Initialen E.O.W. betitelte.

Neben Porträts entstehen Londoner Stadtlandschaften, Auerbach ist fasziniert von den Baustellen im kriegszerstörten London der frühen 50er Jahre: "Es lag ein seltsames Gefühl der Freiheit in der Luft, weil alle, die dort lebten, auf irgendeine Weise dem Tod entkommen waren. In gewisser Weise war es sexy, dieses halb zerstörte London." Auch Auerbach war dem Tod entronnen. Der 1931 in Berlin Geborene bekam früh mit, wie das Leben für Juden immer aussichtsloser wurde. Seine Eltern schickten ihn als Achtjährigen mit einem Kindertransport nach England. Er sah sie nie wieder, sie wurden in Auschwitz ermordet. Auerbach hat nicht nachgeforscht, was mit ihnen geschehen ist. "Ich verschließe die Augen vor der Wahrheit", sagt er, "für mich hat das sehr gut funktioniert." Und dann über seine Kindheit in England: "Es war eine wahrhaft glückliche Zeit."

Biografin Lampert folgt Auerbachs ersten Schritten als Maler bei David Bomberg, später am Royal College of Art, begleitet seine Leidenschaft fürs Theaterspielen. 1954 übernimmt Auerbach das Atelier von Kossoff bei Mornington Crescent in Camden Town unweit vom Pimrose Hill - bis heute ist das sein Lebens- und Kunstzentrum. 1956 hat er seine erste Einzelausstellung. Kritiker David Sylvester war beeindruckt: Es müssen "die schwersten Gemälde sein, die es gibt, denn die Farbe ist so dick aufgetragen, dass sie Reliefkarten von Bergregionen ähnelt", staunte er. Sylvester rühmte Auerbachs Ausstellung als "aufregendste und beeindruckendste Soloschau eines englischen Malers seit der von Francis Bacon 1949". Bacon selbst animierte seinen Freund Lucian Freud dazu, Auerbachs Schau zu besuchen. Freud verriet einem Chronisten: "Ich weiß noch, dass ich dachte: was für eine Menge Farbe!"

Die Londoner Kunstszene, Kritik und Publikum reagierten auf Auerbachs Kunst, die so faszinierend wie unzugänglich wirkte. Der Maler selbst haderte mit seinem Werk. Nachdem eines seiner Werke, "Shell Building Site", von einem Kritiker der Times für seine breite Farbpalette gelobt wurde, nahm Auerbach es wieder ins Atelier mit: "Ich muss etwas Brandy gehabt haben", erinnert er sich, "weil ich mich entsinne, dass ich trank und das ganze Ding von oben bis unten in Schwarz und Weiß neu malte".

Catherine Lampert: Frank Auerbach. Gespräche und Malerei. Sieveking, 240 S., 100 Abb., 39,90 Euro. Die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn läuft bis 13. September. Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Katalog 25 Euro

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