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Alfred Tetzlaff lebt: Unverwüstlicher Kleinbürger

Alfred Tetzlaff lebt : Unverwüstlicher Kleinbürger

Er ist wieder da: "Ekel Alfred" unterhält im Kleinen Theater Bad Godesberg bestens.

Obwohl der alte Giftzwerg aus Bochum-Wattenscheid eigentlich längst gestorben sein müsste angesichts aller Aufregungen, die sein Spießerherz bis zur Infarktschwelle treiben. Im Kleinen Theater Bad Godesberg ist er wieder da, der unverwüstliche Kleinbürger, der mit solidem Bild-Zeitungs-Wissen die Welt erklärt, Sozialdemokraten für Republikfeinde hält und mit der ihm eigenen Logik Walter Ulbricht als westlichen Spion enttarnt. Jener lebte noch, als Wolfgang Menges TV-Serie "Ein Herz und eine Seele" 1973 die Schwarz-Weiß-Fernseher eroberte. Es ist also über 40 Jahre her, dass die schrecklich nette Familie Tetzlaff Bildschirm-Kult wurde.

Im Bühnenbild von Mario Clos wird ihre kleine Welt mit Küche und Wohnzimmer hübsch wiederbelebt. Regisseur Peter Nüesch hat die Episoden "Der Sittenstrolch" und "Frühjahrsputz" (beide liefen 1974 erstmals in Farbe) nicht renoviert, sondern schlicht als Relikte einer Zeit inszeniert, als politisch korrekte Sprache noch nicht erfunden und Deutschland zuverlässig zweigeteilt war. Wie bei den anderen Teilen, die 2012 bereits erfolgreich im Kleinen Theater über die Rampe kamen, verkörpert Josef Hofmann den Mini-Patriarchen Alfred, dessen Gesicht schon knallrot anläuft, wenn SPD-Anhänger in der Nachbarschaft hausen. Hofmann spielt das herrlich bös zwischen verklemmtem Selbstmitleid und dreister Überheblichkeit.

Neben dieser schwarzbraunen Sumpfblüte glänzt Ursula Michelis erneut als goldig treudoofe Gattin Else, die alle Fremdwörter so gründlich missversteht, dass sie Exhibitionisten für arme Künstler hält. Als Herdheimchen mit Putzfimmel ist sie ein echter Schatz, holt kulleräugig naiv aus der blödesten Pointe noch einen überraschenden Witz und alles Eheleid, das Jahrzehnte nach der Hochzeit übrig geblieben ist.

Dass sie "Hertha BSC" für eine Damen-Mannschaft hält, ist zwar begreiflich, aber für Berliner Fußball-Fans ein Sakrileg. Putzig unter die Gürtellinie trifft die Notdurft im Prinzenpark mit dialogischer Hilfe eines braven Polizisten (dienstbeflissen: Hanno Dinger) sowieso. An dessen blutiger Spürnase ist der rote Schwiegersohn Michael (köstlich ironisch: Nikolas Knauf) nicht ganz unschuldig. Denn wenn's um die Familienehre geht, steht der nette Kerl eisern an Papas Seite.

Dessen Töchterchen Rita (neu im Tetzlaff-Clan: Julia Kiefer) ist gripsmäßig eher nach der Mama geraten. Beinmäßig jedoch deutlich länger, weshalb ihre Miniröckchen (Kostüme: Sylvia Rüger) ein Augenschmaus sind, für den Dumpfbacke Alfred sich nicht mal bücken muss. Oder hochgucken kann zum ansehnlichen Bluseninhalt von Ruth Suhrbier (Regina Tempel), Nichte der innig gehassten Nachbarin.

Weil Alfred nur auf Sportschau steht und im Notfall den kaputten Fernseher nach der komischen Frühjahrs-Putzorgie mit absehbaren Folgen selbst repariert, bleibt der Haussegen unberührt. Den geraden Weg vom auf Zucht und Ordnung pochenden Alfred-Gespenst zur Gegenwart muss man nicht zeigen. Er ist trotz aller Plattitüden der kurzweiligen Vorstellung offensichtlich. Zwei Stunden (inkl. Pause) Rückblick in den chauvinistischen Schoß, der immer noch komische Ungeheuer gebiert.

Nächste Aufführungen bis zum 31. Januar fast täglich. Kartenreservierungen unter der Rufnummer 0228/362839. Weitere Infos unter www.kleinestheater-badgodesberg.de