Herbert Grönemeyers Konzert in der Bonner Rheinaue: "Unfassbar schön! Unfassbar schön! Klasse!"

Herbert Grönemeyers Konzert in der Bonner Rheinaue : "Unfassbar schön! Unfassbar schön! Klasse!"

Um zehn nach acht am Samstagabend waren wir alle Bochum. Die Bühne auf der Blumenwiese in der Rheinaue war in rotes Licht getaucht, Herbert Grönemeyer gab den Vorsänger ("Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng an dir"), und alle sangen mit, hielten sie hoch, die Blume im Revier.

Das triumphierend aufspielende Saxofon Frank Kirchners unterstrich den Akt der Identifikation, in diesem magischen Augenblick war Bonn Bochum und umgekehrt.

Danach informierte der Musiker die mehr als 20.000 Zuhörer des Open-Air-Konzerts über die 1:0-Führung von Borussia Dortmund im Berliner Olympiastadion. Man werde nichts verpassen, versprach Grönemeyer, der später auch die Tore des DFB-Pokalsiegers VfL Wolfsburg nachreichte.

In gewisser Weise knüpfte er an diesem denkwürdigen Abend ein unsichtbares Band zwischen sich und dem in diesem Moment noch amtierenden Dortmunder Trainer Jürgen Klopp. Grönemeyer ist der Klopp des deutschen Pop. Der eine wie der andere steht für Authentizität und Ehrlichkeit in einem maßlosen Multi-Millionen-Euro-Geschäft: Popmusik hier, Fußball dort. Sie sind harte Arbeiter, Ikonen des Reviers, erscheinen geradeheraus, unverfälscht, gefühlig und temperamentvoll, fähig zur pointierten Selbstironie. Und sie haben viel Freude an ihren Jobs. Kleine Einschränkung: Am Samstagabend ging nur einer, der Musik-Malocher Grönemeyer, als Sieger von der Bühne.

In seinem zweieinhalbstündigen Konzert addierten sich unvergessliche Augenblicke zu einem kollektiv mit Jubel aufgenommenen Erlebnis. Den Song "Fang mich an" vom neuen Album "Dauernd jetzt", den die Band am Anfang und zum Ende (als Dancefloor-Remix) spielte, verzierte der Sänger rhetorisch mit kleinen Spitzen gegen sich selbst. Da könne er zeigen, "dass ich unfassbar gut tanzen kann". Und: "Das muss man erst mal nachtanzen." Nun gut, viel ist über die zappelige Bühnenmotorik, den Bauch und das Doppel- bis Dreihfach-Kinn des 59-Jährigen gewitzelt worden.

[kein Linktext vorhanden]Das ist im Konzert schnell vergessen, denn hier gilt's der Musik, nicht dem äußeren Schein. Grönemeyer lief immer wieder die ganze Breite der Bühne ab und näherte sich auf einem Steg dem Publikum auf der Blumenwiese. Seinen treuen, textsicheren Fans kam er emotional ganz nah, als er die Verlust-Ballade "Der Weg" sang, einer der besten Popsongs in deutscher Sprache: "Du hast jeden Raum / Mit Sonne geflutet / Hast jeden Verdruss / Ins Gegenteil verkehrt." Das Intimste im öffentlichen Raum ausstellen - das kann kaum einer so kunstvoll wie Herbert Grönemeyer.

"Flugzeuge im Bauch", ein weiterer musikalischer Höhepunkt, erschien in neuem Gewand. Die Begleitung mit akustischem Bass und Hammond B3 schminkte den Klassiker mit Jazztupfern vollkommen neu. Grönemeyer fügte sich in der Pose des Crooners perfekt ins Bild. So sinnlich hat man die Zeilen "Kann nichts mehr essen / kann dich nicht vergessen" selten gehört.

Bei legendären Stücken wie "Männer", "Was soll das?", "Alkohol", "Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist" und "Kinder an die Macht" verwandelte sich die Blumenwiese in eine Feiermeile. Der Mann auf der Bühne rezensierte ein ums andere Mal sein Publikum und kam zu dem wenig überraschenden Urteil: "Unfassbar schön! Unfassbar schön! Klasse!"

Politische Botschaften lieferte das Konzert auch: Nachdenkliches zu Flüchtlingen, Überwachung und Internet - Vorsicht vor digitaler Diktatur. Das wurde beim Song "Uniform" optisch brillant mit einer über die ganze Bühnenbreite laufenden Zahlenbanderole auf kontrastierendem Farbteppich illustriert.

Die Band war fabelhaft, zart und sensibel, dann wieder breitbeinig rockend. Und der Sänger? Er war toll. Und das ist nicht einfach so hingeschrieben. Der Rostocker Musikwissenschaftler Florian Koeppe hat 2011 festgestellt: "Viele sagen, Grönemeyer könnte nicht gut singen, aber das stimmt nicht." Er könne immer noch sehr hoch singen, analysierte Koeppe, "hat viel Kraft in seiner Stimme und trifft die Töne". Sehr richtig.

In der Rheinaue hat er das Publikum glücklich gemacht - und sich selbst auch. Ob er singend tanzte, hüpfte oder winkte, es hat ihm sichtlich riesig Spaß gemacht. Grönemeyer bewegte sich ja auch in einem perfekten Rahmen: Die Bonner Rheinaue ist wie gemacht für Open Air.

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