Ausstellungsreihe in Bonn: Überwindungsübungen an der Mauer

Ausstellungsreihe in Bonn : Überwindungsübungen an der Mauer

Mit den „Terror Artists“ Matthias Wermke und Mischa Leinkauf beginnt die Reihe „Ausgezeichnet“ im Bonner Kunstmuseum.

Als das erste Tageslicht am Morgen des 22. Juli 2014 den Anblick der beiden weißen Fahnen freigab, schlug das ungläubige Staunen der New Yorker Bürger schnell in eine landesweite mediale Aufregung um. Die Sternenbanner, die normalerweise auf den Pfeilern der Brooklyn Bridge wehen, waren durch zwei handgenähte Fahnen ersetzt worden, auf denen zwar die Struktur der amerikanischen Nationalflagge zu erkennen war, aber eben in strahlendem Weiß. Die Spekulationen darüber, ob die Fahnen mit Terror, Kunst oder einer allgemeinen Kapitulation in Verbindung zu bringen seien, wurde erst drei Wochen später aufgelöst, als sich das deutsche Künstlerduo Matthias Wermke und Mischa Leinkauf zur Aktion bekannte.

„White American Flags“ ist die bislang spektakulärste Arbeit, im Sinne einer öffentlichen Aufmerksamkeit, der beiden Berliner Künstler und sie zeigt, worauf es ihnen ankommt. Sie agieren im öffentlichen Raum, stellen selbstverständlich erscheinende Strukturen und Regeln infrage und holen für ihre (nur) auf den ersten Blick absurden Aktionen grundsätzlich keine offiziellen Genehmigungen ein. Im Fall der weißen Flaggen hat das eine Begegnung mit Interpol, ein noch nicht komplett ausgestandenes juristisches Nachspiel und die Bezeichnung „Terror Artists“ zur Folge gehabt.

Derzeit sind Matthias Wermke und Mischa Leinkauf zu Gast im Bonner Kunstmuseum, das mit der Präsentation der Dia-Installation „Überwindungsübungen“ die neue Ausstellungsreihe „Ausgezeichnet“ beginnt. In einem der Sammlungsräume im Obergeschoss werden in den kommenden Jahren Arbeiten von ausgewählten Stipendiaten der bundesweiten Stiftung Kunstfonds, die ihren Sitz in Bonn hat, gezeigt. Auch Matthias Wermke und Mischa Leinkauf waren 2015 ein Jahr lang Kunstfonds-Stipendiaten, denen die monatliche finanzielle Unterstützung die Fortführung ihrer künstlerischen Arbeit ermöglichte. Wie „Terror-Künstler“ wirken die beiden ganz und gar nicht. Eher wie abenteuerlustige Jungs, die auch mit Ende 30 noch für jeden riskanten Unfug zu haben sind. Aber das Etikett der „Terror Artists“ hat ihnen gefallen, denn es ist nicht eindeutig, bringt Gegensätze zusammen und man kann „darüber ins Gespräch kommen“.

Auch im Kunstmuseum gibt es, mehr oder weniger offen versteckt, etliche Hinweise darauf. Das hat Merkmale einer absurden Komik, die in den „Überwindungsübungen“ zu echten Slapstick-Momenten führt. Der geschichtliche Hintergrund dieser Arbeit ist dagegen alles andere als lustig. Mitte der 70er Jahre sollten DDR-Grenzsoldaten erproben, wie die Wirksamkeit der Sperranlagen gegen Fluchtversuche zu erhöhen sei. Mit und ohne Hilfsmittel, allein oder zu mehreren, wurden sie über unterschiedlich hohe Mauern geschickt. Die Unterlagen dazu, inklusive der Anweisungen für die Soldaten und Fotos, haben Matthias Wermke und Mischa Leinkauf im Militärarchiv in Freiburg ausführlich studiert und schließlich in einer Art Wiederaufführung im heutigen Berlin aus der Versenkung des Archivs geholt.

Die neuen „Überwindungsübungen“ spielen sich ebenfalls dort ab, wo die Mauer gestanden hat, aber nun werden neben Reststücken der Mauer auch Häuserwände, Zäune, Plakatwände oder Dachtraufen als Grenzen in Angriff genommen. Interessanterweise wird so aus dem historischen Versuch, die perfekte Grenzmauer zu errichten, eine symbolische Attacke gegen Ein- und Ausgrenzungen. Die Entscheidung darüber, ob man dies auf das eigene private Terrain beziehen möchte, auf die aktuelle politische Situation in Europa oder generell auf globale Grenzziehungsprozesse, überlassen die Künstler dem Betrachter.

Kunstmuseum Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 2, bis 11. Dezember, Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Am 27. November um 15 Uhr gibt es ein Künstlergespräch mit Wermke/Leinkauf und Ausstellungskurator Christoph Schreier.

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