Ausstellung in Rolandseck: Tumult in der Zauberstadt

Ausstellung in Rolandseck : Tumult in der Zauberstadt

Begeisterndes Doppel im Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Der Hauspatron Hans Arp trifft auf die Collagen der Sammlung Meerwein

Das „Kaninchenköttelkaninchen“ von Dieter Roth, das genau das ist, was der Titel beschreibt, starke Ähnlichkeiten mit Dürers Hase hat und im Nebentitel „Scheißhase“ heißt, hat witzig-ironische Spielkameraden bekommen: Etwa Wolf Vostells mit einem Foto von Sprecher Wilhelm Stöck im „Tageschau“-Studio bedrucktes Tuch, das man jeden Tag um 20.15 Uhr über den Fernseher legen und dabei den Ton abstellen soll. Für den Medienkritiker Vostell ein sicherer Weg, um dem TV-Krebs zu entgehen. Das sind Werke der schönen, frechen, provokativen Fluxus-Welt der 1960er und 1970er Jahre: Roths Kaninchen ist von 1972 und gehört schon länger dem Arp Museum, der Fernsehvorhang von Vostell (1970) ist Teil der 400 Blätter umfassenden Collagen-Sammlung des Mainzer Architekturprofessors Gerhard Meerwein, die 2015 als Geschenk ans Arp Museum Rolandseck ging.

Es gibt zahlreiche Korrespondenzen zwischen den seit den glorreichen Zeiten des Künstlerbahnhofs von Johannes Wasmuth und seinen Nachfolgern in Rolandseck gesammelten Schätzen und den Meerwein-Zugängen. Sehr schön arbeitet Arne Reimann die Schnittstellen heraus. In seiner schon dritten Meerwein-Ausstellung rundet er das Profil des Sammlers ab: Begonnen hatte die Serie mit einer Vorstellung von Meerwein. Dann folgte der Dialog zwischen dem Sammler und fünf befreundeten Künstlern. Der dritte Teil beleuchtet nun die Berührungspunkte der Rolandsecker und der Mainzer Sammlung.

Erinnerung an den Künstlerbahnhof

Reimann ist ein breites Panorama gelungen, das mit dem Genius loci beginnt – Erika Kiffls fotografische, atmosphärische Rolandseck-Erinnerungen von 1964, August Sanders historische Ansichten der Nürburg und des Siebengebirges – und bei der wilden, unbequemen Kunst der 1970er bis 1980er Jahre endet. Martin Kippenberger und Sigmar Polke sind mit provozierenden Collagen vertreten, Stefan Wewerka und Timm Ulrichs mit ihren ironischen Nonsense-Objekten. Von Daniel Spoerri, bekannt für seine aus Resten einer Mahlzeit inklusive Gläsern, Tellern und Aschenbechern bestehenden „Fallenbilder“, ist eine faltbare Papierversion eines gedeckten Tisches zu sehen. Polke ist mit „Künstler kämpfen“, einer Collage von 1979 (Hinweis auf eine Ausstellung der Bonner Galerie Klein) vertreten, Joseph Beuys mit seinem Diagramm „So kann die Parteiendiktatur überwunden werden“ (1971).

Reimann hat Kapitel seiner Schau treffend mit „Räumlich soziale Gemengelage“ und „Ironie und Chaos“ überschrieben, widmet sich aber auch der Farbe, der Abstraktion und den Anfängen und Grundgesetzen der Collage. Hier kommen neben zeitgenössischen Künstlern die Hauspatrone Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp mit herrlichen Arbeiten zum Zug. Faszinierend, wie insbesondere Arp mit dem Prinzip Collage gearbeitet hat, wie sich bei ihm daraus Relief und Skulptur entwickeln.

Blick ins Atelier von Arp

Geschickt spielt Reimann den Ball vom Bahnhof in den Meierbau, wo Kuratorin Astrid von Asten ein neuerliches Arp-Kapitel öffnet. Dieses Mal führt sie den Besucher ins Allerheiligste des Künstlers, ins Atelier, zeigt Gipsmodelle und Werkzeuge, baut ein Interieur von Arps Atelier in Meudon Ende der 1950er Jahre nach, erläutert Gusstechniken und den Gebrauch der Punktiermaschine, mit der Gipsmodelle für den Steinbildhauer vergrößert werden konnten. „Die Natur ist eine versteinerte Zauberstadt“, ist die sehr anregende Schau überschrieben, die Arp als den Pionier der organischen Abstraktion feiert und wertvolle Informationen über Entstehung und Präsentation der Plastiken liefert. So sind zum Beispiel von Arp entworfene organische Sockel zu sehen, auf denen die Skulpturen sehr gut zur Geltung kommen. Sogar der Abguss eines Riesenkürbisses wird präsentiert.

Das Original stammte aus Arps Garten in Locarno, wurde 2007 an den Arp-Gründungsdirektor Klaus Gallwitz und den Architekten Richard Meier übergeben. Und wurde in gegossener Form verewigt. Dort, wo der Garten lag, steht jetzt ein Arp-Museumsbau des Architekturbüros Gigon/Guyer.

Arp Museum Rolandseck; bis 5. Januar 2020. Di-So 11-18 Uhr. Eröffnung: 26. Mai 11 Uhr.

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