Trotz Unfall erzählt Kay Ray im Pantheon seine Lebensgeschichte

Trotz Unfall erzählt Kay Ray im Pantheon seine Lebensgeschichte

Andere hätten ihre Tour abgesagt, Kay Ray rollt einfach trotz eines verknacksten Fußes im Rollstuhl auf die Bühne im Pantheon.

Bonn. Andere hätten ihre Tour abgesagt, Kay Ray rollt einfach trotz eines verknacksten Fußes im Rollstuhl auf die Bühne im Pantheon. "Das Einzige, was sich ändert zu sonst", frotzelt der Komiker und Sänger, der mit seinem Publikum gerne auf Tuchfühlung geht, "ist wenn Sie jetzt zum Klo gehen, komme ich nicht hinterher."

Ein schmerzhafter Rollschuhunfall des 44-jährigen war Ursache für den fahrbaren Untersatz und die Mahnung, dass man eben doch älter wird. Das wusste Ray allerdings offensichtlich schon beim Erdenken seines neuen Programms: In "Homo Sapiens" erzählt er seine Lebensgeschichte.

Zumindest wenn er sich einmal für wenige Minuten auf ein Thema konzentrieren kann. In der Tat ist das Konzept, ein Programm zu spielen, für Kay Ray neu. Er ist zwar schon lange als Bühnenkomiker unterwegs, gewöhnlich aber ohne Plan und ohne Vorgaben.

Er stellt sich einfach auf die Bühne und legt los, frühere Auftritte dauerten dabei schon mal vier Stunden und mehr. Bei "Homo Sapiens" kommt das Publikum im Pantheon mit knapp drei Stunden noch relativ gut weg, denn dass Ray nun mit Konzept spielt, heißt nicht, dass er sich nicht allerlei Exkursionen in zufällig des Weges kommende andere Themen gönnt.

"Ich bin bekannt dafür, dass ich solange spiele, bis es jedem gefällt", warnt er eingangs. Herzstück des Programms sind die mit Pianist Fabian Schubert vorgetragenen Lieder des holländischen Liedermachers Robert Long, dessen 1981 erschienenes Album "Homo Sapiens" Titelgeber für das Programm ist.

Und ein in vielerlei Hinsicht passender, denn das Album beeinflusste den jungen Kay sehr und half ihm, endlich die lange Verwirrung über sein Anderssein aufzuklären - Kay Ray ist homosexuell (wie Robert Long).

Rays Humor hat es sich tief unter der Gürtellinie bequem gemacht. Obszön? Ray macht völlig neue Definitionen für diesen Begriff erforderlich. Das Erstaunliche ist, dass er damit durchkommt. Ray serviert seinem Publikum vulgärste Kost mit einer Geschwindigkeit und Selbstverständlichkeit, die Einwände unmöglich macht.

Alles verpackt in die Geschichte einer homosexuellen Jugend im niedersächsischen Spießermilieu, wo Ordinäres oft wie eine Heldentat des Widerstands gegen die Zwänge wirkt.

Nüchtern betrachtet erzählt Ray Schockierendes - die vielen sexuellen Erfahrungen mit älteren Männern als Schuljunge, der Mangel an Trauer, als ein Nachbarsjunge sich das Leben nimmt, die merkwürdige Hass-Liebe zur Kirche.

"Neulich war meine Mutter in diesem Programm. Ich musste die Hälfte weglassen." Aber all das wird eingebettet in ein nicht endendes Schnellfeuer politisch inkorrekter Pointen, die nicht vom Kern der Geschichten ablenken, sondern das Publikum zu dieser anderen Sichtweise einladen, worin all das natürliche Schritte einer besonderen Menschwerdung waren.

Und es gibt ja immer noch die Lieder, mit denen Ray zwischenzeitlich zu verzaubern weiß. Long kann ebenso aggressiv forsch sein wie Ray, trifft aber auch die sentimentalen, melancholischen und geradeheraus traurigen Töne, die der Komiker in seinen Monologen zwar nicht selbst so gut formulieren kann, denen er aber mit seiner großartigen Stimme hervorragend Ausdruck verleiht.

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