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Bonner Oper: Total absurd und vor allem witzig

Bonner Oper : Total absurd und vor allem witzig

Das Nederlands Dans Theater 2 (NDT 2) als Nachwuchstruppe des NDT 1 zu bezeichnen, mag zwar in der Sache zutreffen, grenzt aber trotzdem an Beleidigung. Das wird jeder zugeben, der den "Lehrlingen" bei ihrem Gastspiel in der Bonner Oper zusehen durfte: Wieder einmal tanzte das NDT 2 auf höchstem Niveau und warf die Frage auf, was die Mitglieder des Ensembles eigentlich noch lernen sollen.

Zum Beispiel in "Studio 2", einem halbstündigen Stück von Sol León und Paul Lightfoot: Zur Musik von Arvo Pärt verfremden drei Männer und drei Frauen die Probenarbeit im Ballettstudio. Die Choreografie beginnt zögerlich, verhalten und steigert sich dann zu einem Rausch aufregender Bilder, getanzt unter Starkstrom und in technischer Perfektion. Rastlose Energie wechselt mit Ruhephasen, und alles ist sowohl von vorn als auch von hinten, doppelt und dreifach zu sehen, wenn die von oben herabgesenkte Spiegelwand die Illusion des Ballettstudios perfekt macht.

Am Ende, als die Tänzer wieder zur konventionellen klassischen Pose erstarren, strahlen Scheinwerfer das verdutzte Publikum an, das sich in diesen Sekunden mit seiner eigenen Reflexion im Spiegel konfrontiert sieht. Mag auch die nach außen abgeschirmte Welt des Probenraums den Zuschauern verschlossen bleiben, ihre Erwartungen und Urteile sind auch bei der Studioarbeit immer präsent.

Es folgen fantastische vier Minuten mit "Shutters Shut" einer getanzten Interpretation des Gedichtes "If I told him: A completed portrait of Picasso" von Gertrude Stein. Die Dichterin selbst liest ihre 1924 erstmals veröffentlichte rhythmische Aneinanderreihung von Wörtern, die zumindest beim ersten Hören wenig Sinn ergeben. Steins Repetitionen und Satzketten fluten heran und ebben wieder ab: Sprache als Musik, perfekt geeignet für die schnellen, präzisen und absolut synchronen Gesten von Meng-Ke Wu und Quentin Roger. Oberkörper, Arme und Gesichtsausdruck des Paares verbinden sich zu einem höchst musikalischen Ballett, das Steins Metrum und Satzmelodie in jeder Silbe und jedem Akzent folgt. "Shutters Shut" ist virtuos, total absurd und vor allem witzig.

Franz Schuberts "Tod und das Mädchen" in Gustav Mahlers Fassung für Streichorchester ist die großartige Klangkulisse für "Subject to Change". Ein Mädchen und ein junger Mann, dazu vier finstere Gesellen, die den verzweifelt klammernden Pas de deux der beiden mit furchterregendem Gebrüll und wilden Sprungkombinationen immer wieder unterbrechen, dazu ein großer roter Teppich, der gezogen, gedreht, aufgerollt, ausgerollt und schließlich dem Paar unter den Füßen weggezogen wird: Das ist Leóns und Lightfoots Interpretation des Todesthemas, das trotz der explosiven Energie der Tänzer zeitweise steril daherkommt.

Ganz anders Alexander Ekmans "Maybe Two", eine ironische Auseinandersetzung mit den Irrungen und Wirrungen der Liebe. Hier wird der Tanz zum Theater: Brautkleider schweben gen Bühnenhimmel, aus dem wenig später eine Babypuppe in die Arme des glücklichen Paars fällt. Es gibt freche Dialoge, akrobatische Bettszenen und handfeste Auseinandersetzungen, die nach allen Regeln der asiatischen Kampfkunst inszeniert und mit innigen Umarmungen beendet werden. 16 Tänzer des NDT 2 lieben und leiden, flirten und fummeln, was das Zeug hält und zaubern immer neue Knalleffekte aus ihrer Beziehungskiste. Das Bonner Publikum ist hingerissen.