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Unbeschriebenes Blatt: Tanzsolo-Festival im Ballsaal

Unbeschriebenes Blatt : Tanzsolo-Festival im Ballsaal

Er habe Michel Foucaults Essay "Was ist ein Autor?" gelesen, erklärt der Mann auf der Bühne. Der Autor sei Ergebnis einer Interpretation, ein rationalistisches Konstrukt, heißt es dort. Nicht die individuelle Person sei für seine Funktion bestimmend, sondern das "Murmeln des Diskurses".

Der 1975 im Libanon geborene Tänzer und Choreograf Omar Rajeh macht das zum Thema seines 45-minütigen Werkes "Facing the Blank Page", mit dem er beim Internationalen Tanzsolo-Festival im Bonner Theater im Ballsaal auftrat. Rajeh gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten der modernen arabischen Tanzszene, gründete 2002 das Maqamat Dance Theatre in Beirut.

Das Solo "Angesichts des unbeschriebenen Blattes" erscheint wie ein Protest gegen die Zuschreibungen, die der Tänzerkörper erfährt. Der gesprochene Text löst sich auf in stummes Gemurmel und Bewegungen. Aus gespannter Ruhe entwickeln sich Pathosgesten, hektische Läufe und Abstürze. Immer wieder versuchen die Arme und Hände, die Grenzen des eigenen des eigenen Leibes zu ertasten und seine Präsenz buchstäblich zu erfassen.

Zur aggressiven Musik des spanischen Komponisten Pablo Palacio, in die sich Spuren orientalischer Klänge mischen, inszeniert er ein undefinierbar gewordenes Künstler-Ich, das Kopie eines grenzenlosen Originals sein könnte, aber ohne Positionsbestimmungen im Raum nicht existieren kann. Eine gewaltige Lichtinstallation im Hintergrund fragmentiert seine Bewegungen, fängt sie ein und lässt sie verschwinden. Assoziationen zu Suchscheinwerfern und kriegerischen Auseinandersetzungen sind dabei unvermeidlich.

Genau diesen Prozess der politischen und kulturellen Interpretation des Kunstwerks und seines Schöpfers stellt Rajeh in Frage, indem er jede auktoriale Deutungshoheit verweigert. Jede Lesart objektiviert das Subjekt, das sich allein als "Blank Page" zu behaupten versucht, aber durch die Wahrnehmung anderer beschrieben werden muss, um seine multiple Diskursfunktion zu erhalten. Ratloser, aber entschieden überzeugter Beifall bei der zweiten, recht gut besuchten Vorstellung.

Zum Festival-Finale am Samstag, 2. Februar, gibt es um 19 Uhr im Ballsaal noch als Highlight "Baader - Choreographie einer Radikalisierung". Danach kann man um 21 Uhr mit "Fool's Figures" aus der Slowakei in der Brotfabrik völlig tanztheoriefrei aufatmen zur Abschlussparty. Restkarten an den jeweiligen Abendkassen.

Weitere Infos unter www.bonn-dance.net