Tanzartistik mit "Balé de Rua" im Juli in der Philharmonie Köln

Tanzartistik mit "Balé de Rua" im Juli in der Philharmonie Köln

Der Herzschlag Brasiliens zeigt sich in maskulinen Rhythmen

Köln. Tanzen ist Männersache. Zumindest bei der Compagnie Balé de Rua aus Uberlandia, einer Stadt im Landesinneren Brasiliens irgendwo zwischen Sao Paolo und Brasilia.

Selbst die hübsche Sandra Mara Gabriel darf als einzige Frau dem testosterongesättigten Bewegungsdrang ihrer 14 männlichen Kollegen nicht viel entgegensetzen: Weibliche Anmut und Grazie? Fehlanzeige! Die Tänzerin muss sich unterordnen, einreihen und ganz einfach mitmachen.

In Europa sind die Brasilianer gerade erst dabei, bekannt zu werden. Seit ihrem Debüt auf dem Kontinent 2002 in Lyon begeisterten sie mit ihrer furiosen Show das Publikum unter anderem in Paris, London oder beim Fringe Festival im schottischen Edinburgh, zuletzt gastierten sie im französischen Bordeaux, und im Juli eröffnen sie mit ihrer Show das Kölner Sommerfestival in der Philharmonie.

Die Begründung für die auffallend geringe Frauenquote ist überraschend einfach, jedenfalls aus der Sicht des Ensemble-Mitbegründers und Chef-Choreografen Marco Antonio Garcia: "Sandra ist die einzige, die das Training überlebt hat", sagt er im Anschluss an eine Vorstellung in Bordeaux.

Die Tänzerin selbst stört das nicht, Sandra Mara Gabriel ist im Gegenteil stolz darauf, seit der Geburtsstunde der Compagnie im Jahre 1992 dabei zu sein, als eine Gruppe von Jugendlichen Straßentänzern sich zu einer Compagnie formierten. Das Pflaster der 600 000 Einwohner zählenden Provinz-Metropole Uberlandia war ihre Tanzschule. Dieser Vergangenheit trägt der Ensemble-Name "Balé de Rua" stolz Rechnung.

Tatsächlich geht bei brasilianischen Truppe ohne Kraft gar nichts. Die Sprünge und Figuren, die in gut anderthalb rasanten Stunden bewältigen werden, sind in hohem Maße artistisch und erfordern athletische, geschmeidige Körper mit gut trainierter Muskelmasse.

Doch die physischen Anforderungen sind sicher nicht allein Ursache dafür, dass Sandra Mara Gabriel über die Jahre keine Mitstreiterinnen gefunden hat. Ähnlich wie der Breakdance der schwarzen nordamerikanischen Hip-Hop-Szene ist es eine extrem männliche Aura, die die Tänze des des "Balé de Rua" prägt.

Der Stilmix des Ensembles ist explosiv. Dabei unterstreicht neben den Breakdance-Elemente vor allem der ebenso akrobatische wie elegante Kampftanz "Capoeira", der an fernöstliche Martial-Art-Künste erinnert, den maskulinen Charakter der Choreografien. Vorwärts getrieben werden sie dabei von percussiven Rhythmen, die sich bei Samba, Salsa, Merengue, Candomblé, Funk und Hip-Hop bedienen.

Sommerfestival in der Kölner Philharmonie Mit dem Gastspiel des brasilianische "Balé de Rua" beginnt am 3. Juli das Kölner Sommerfestival in der Philharmonie. Die Kompagnie ist bis zum 12. Juli (außer am 6. Juli) täglich zu sehen. Vom 14. bis 26. Juli gastiert die Show "Rain - A Tribute to The Beatles" in der Philharmonie.

Die Band bietet originalgetreue Interpretationen der Beatles-Songs "ohne technische Tricks". Den Abschluss des diesjährigen Festivals gestalteten die Trommler der japanischen Gruppe "Yamato" mit einer neuen Show. Sie gastiert vom 28. Juli bis 9. August.Zwar ist es alles andere als ein klassisches Handlungsballett, was jetzt im Casino Theatre Barriere de Bordeaux zu sehen war, aber erzählt wird dennoch: Es geht um die Geschichte Brasiliens. Es ist eine Geschichte, die so bunt, so schillernd und vielschichtig ist wie die Tänze des Ensembles.

Nirgendwo sonst auf dem amerikanischen Kontinent treffen so viele Kulturen und Religionen aufeinander, nirgendwo sonst haben sie einander so beeinflusst und befruchtet. "The Beats from Brazil", wie sie ihre Show nennen, ist eine Liebeserklärung an die Menschen der Stadt, des Landes, an die afro-brasilianischen Vorfahren der Tänzer, die vor Jahrhunderten als Sklaven ins Land kamen.

Natürlich sind die Choreografien vielschichtiger geworden als in den Breakdance-Anfängen des Ensembles. Man hat hart daran gearbeitet, sich zu etablieren. Nach acht Jahren, zum Jahrtausenwechsel, war die Compagnie dann endlich so weit, aus ihrer Leidenschaft eine Profession machen zu können: Seither leben sie allein vom Tanz. Das hat man auch in Brasilia wahrgenommen.

Nachdem es vor drei Jahren eine üppige Finanzspritze vom Kulturministerium des Landes gab, konnte sich das Balé de Rua endlich sogar einen professionellen Probenraum einrichten. "Wir haben davor 13 Jahre lang auf Beton getanzt", sagt Marco Antonio Garcia, der selbst nicht mehr aktiver Tänzer ist.

Unterstützung erhält das Balé de Rua auch für seine pädagogische Arbeit. Insgesamt kommen in dem erst 2007 eingeweihten "Balé de Rua Cultural Center" 160 Schüler in den Genuss kostenlosen Unterrichts durch die Tänzer. Die Ballett-Eleven stammen freilich nicht aus den gutsituierten Kreisen der Stadt, sondern - natürlich - von der Straße.

Darunter erstaunlicherweise sogar viele Mädchen, obwohl eine Zukunft für sie im Balé de Rua eher unwahrscheinlich erscheint: Unter ihnen hat Garcia bislang nur eine entdeckt, die genügend Talent, Kraft und Geschmeidigkeit mitbringt, um irgendwann beim Balé de Rua mitzutanzen.

Karten für die Veranstaltungen des Sommerfestivals gibt es beim Ticketservice unter (01 80) 5 15 25 30, oder

im GA-Ticket-Shop oder

in den GA-Zweigstellen.

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