Köln-Debüt von Schauspielintendant: Stefan Bachmann zeigt Ayn Rands "Der Streik"

Köln-Debüt von Schauspielintendant : Stefan Bachmann zeigt Ayn Rands "Der Streik"

Im Carlswerk wird wieder malocht. Minutenlang hört man im riesigen Depot 1 nur das Schrappen von Schaufeln, mit denen Arbeiter ein Kiesbett anlegen. Darin wird Schwelle für Schwelle ein Gleis in die Zukunft gebaut. Sozialistischer Realismus? Nein, eine zentrale Szene aus Ayn Rands kapitalistischem Manifest "Der Streik".

Bei seinem Kölner Regiedebüt wird der neue Schauspielintendant Stefan Bachmann selbst zum Schwerarbeiter. Den rund 1300 Seiten starken Roman stemmt er als vierstündiges Stück auf die Bühne und erntet nach vier Stunden (aus allerdings gelichteten Reihen) starken Applaus. Wer wagt, gewinnt. Sein Risikostart hätte der russischstämmigen US-Autorin (1905 - 1982) wohl gefallen, feiert "Der Streik" doch das von keiner Sozialromantik verbrämte Unternehmertum. Bevor es dann vom Planwirtschaftsterror des Wohlfahrtsstaats stranguliert wird.

"Der Streik" ist bei Bachmann kein Charakterstück, aber ein ergiebiger Bilder-Steinbruch und ein Ideenschlachtfeld. Auf der (zunächst) kahlen Bühne von Simeon Meier strahlt die Fortschrittseuphorie in Cinemascope.

Wenn Eisenbahn-Managerin Dagny Taggart, Stahltycoon Hank Rearden und Ölmagnat Ellis Wyatt (Nikolaus Benda) ihre Visionen bündeln, erobert Bachmann fürs Theater das ans Kino verlorene Terrain zurück: Kraftproben auf dem Kipplaster, Verhandlungen im Gegenlicht, vor allem die Jungfernfahrt der Eisenbahn als Schienen-Paarlauf von Dagny und Hank - diese Inszenierung feiert ein visuelles Fest.

Das Ereignis des Abends ist Melanie Kretschmanns ebenso elegante wie forsche, sinnliche wie skrupellose Dagny, bei der die Erotik der Gier in besten Händen ist. Da schmilzt selbst die Anfangshärte von Stahlbaron Rearden (Jörg Ratjen). Die zwielichtigste Figur in Rands "Bibel" des entfesselten Gewinnstrebens gibt hingen Dagnys Bruder James ab, der sich ans Kartell der gewerkschaftshörigen Regulierer verkauft. Und damit jenen mysteriösen "Streik" auslöst, in dem die fähigsten Unternehmer - allen voran der sagenhafte John Galt - aus Protest verschwinden und so den Fortschrittsmotor abwürgen.

Nach der Pause beginnt die Science-fiction-Apokalypse: In einer magischen Plastikkugel begegnet Dagny den genialischen Aussteigern - ein Moment, dessen somnambule Faszination hart an (unfreiwillige?) Komik grenzt.

Überhaupt fehlt jetzt die makellose Präzision und der Kinosog des Anfangs. Wobei die Regie insofern Flagge zeigt, als Guido Lambrecht das staatskritische Plädoyer von John Galt keineswegs über die satirische Klinge springen lässt. Wenn er fordert, nie für eigene Leistung Buße zu tun und "niemals um eines anderen Menschen willen zu leben", wird schon klar, warum Amerikas ultrakonservative Tea Party Ayn Rands profitorientierten Radikal-Individualismus so schätzt.

Solche steilen Thesen widersprechen Europas Staatsethik und einer Theaterpraxis, die ideologische Toleranz lieber an Brechts sozialistischen Lehrstücken beweist. So wirft Bachmann den Zuschauern durchaus einen provokativen Brocken vor.

Vier Stunden. Nächste Termine: 15., 19.10. je 19.30 Uhr, 20. 10., 16 Uhr, 27. 10., 18 Uhr