"Der kleine Prinz" in der Oper: Staunend durch das Universum

"Der kleine Prinz" in der Oper : Staunend durch das Universum

Er habe die Seiten des Büchleins von Antoine de St. Exupéry schon als Kind regelrecht "eingeatmet", erklärte der Tänzer und Choreograph Gregor Seyffert in einem Interview zu seiner Inszenierung des "Kleinen Prinzen". Die luftige Poesie der Geschichte aufgesogen haben auch die kleinen und großen Zuschauer bei den beiden ausverkauften Vorstellungen seines "phantastischen Balletts" im Bonner Opernhaus.

Den fliegenden Dichter, der mit seiner Maschine in der Wüste abstürzt, verkörpert der vielfach ausgezeichnete Gregor Seyffert (1997 zum "weltbesten Tänzer" gekürt) in seiner 2005 am Theater Dessau uraufgeführten Produktion selbst: Ein sensibler Träumer im weißen Pilotenanzug, der den Himmel unter seinen Füßen erspürt und mit dem Herzen die Bodenhaftung einfängt.

Sein Ensemble bei dem Bonner Gastspiel war extrem jung: Zwischen zehn und zwanzig Jahren alt sind die Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin, als deren künstlerischer Leiter und Professor für Bühnentanz Sey?ffert seit etlichen Jahren fungiert. Erst vierzehn Jahre alt ist Katharina Nikelski, die den Kleinen Prinzen nicht nur hoch professionell virtuos tanzt, sondern dieser Figur all die emotionalen Facetten verleiht, die St. Exupéry ihr zugeschrieben hat. Es ist einfach fabelhaft, wie sie mit kindlicher Naivität die merkwürdigen Wesen auf der Reise durchs Universum bestaunt, nachdenklich deren Widersprüche erforscht und ihrem irdischen Erfinder fast überirdisch zart ans Herz wächst.

Was eine lausbübische Intelligenz nicht ausschließt, wenn sie mit ihrem großen Freund herumtollt oder altklug klassische Ballettfiguren auf der Spitze spielerisch Revue passieren lässt. So märchenhaft transparent erlebt man dieses helle Kunstgeschöpf aus Wachtraum und Welteinsicht nur in absoluten Sternstunden.

Ein gezeichnetes unsichtbares Schaf gibt es bei Seyffert nicht. Dafür aber eine "Rote Frau" (Obengül Polen Gezmis), die das schwierige Verhältnis des Autors zu seiner Gattin andeutet. Für das visuelle Planetengestöber sorgen das Bühnenbild von A. Christian Steiof und die dreidimensionale Videoanimation des jungen Kollektivs Curuba Media Network. Da wird der Wüstensand zu Meereswogen, während der quälende Durst erlösenden Regen herbeifantasiert.

Da weckt eine unverschämte Rosenshow (raffinierte Kostüme: Gabriele Kortmann) das Heimweh nach der einzigen fragilen Blüte, die nur deshalb so schön ist, weil sie individuell geliebt und gepflegt wird. Das Geheimnis der Freundschaft kennt freilich nur der schlaue Fuchs (elegant im feuerroten Frack: Alisa Bartels), während die giftgrün schillernde Schlange (ungeheuer geschmeidig: Lena Ries) mit ihrem tödlichen Kuss den Kleinen Prinzen zurückbefördert auf seinen winzigen Planeten mit den sanft rauchenden Vulkanen, von dem er den seltsamen Menschen am Ende zuwinken wird.

Aber er war in gut zweieinhalb galaktischen Glücksstunden mit Zwischenstationen etwa bei einem grotesken Menuett am Königshof, bei einem rasenden Laternenanzünder und einem besitzergreifenden Sternekapitalzähler hier ganz nah bei uns auf jenem Planeten Erde, dem der skurrile Geograph (hervorragend auch in anderen Rollen: Ryosuke Morimoto) noch einen guten Ruf bescheinigte. Für den beschleunigten Trab zur Selbstzerstörung sorgte der Weichensteller (Mora Sauskat), wobei der exzellente Nachwuchs von Vadim Bondars Ballettzentrum Bonn sich wieder als Highlight erwies.

In seinen musikalischen Soundtrack von Bach bis Satie hat Wolfgang Bley-Borkowski Kinderstimmen gemixt. Sie berichten von der Zukunft, die hier mit der Vergangenheit zusammenläuft und hinreißend sinnfällig macht, wie Gegenwart tänzerisch auf der Basis klassischer Formensprache weitergedacht werden kann. Wahrscheinlich wirklich mit dem Herzen, das bekanntlich das Wesentliche besser sieht als alle Augen. Für letztere gab es dennoch genug zu tun bei diesem lebendigen Zauberwerk, das vom Bonner Publikum mit herzlichen Ovationen belohnt wurde.

Das nächste Highlight des Internationalen Tanzes kommt aus Finnland: Am 22. Januar präsentiert die Tero Saarinen Company "Gaspard" und "Petrushka / Hunt".

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