Beethovenfest: So war Stephanie Thierschs Erstaufführung in der Oper

Beethovenfest : So war Stephanie Thierschs Erstaufführung in der Oper

Stephanie Thierschs zeigte unter dem Titel "Bilderschlachten" eine umjubelte deutsche Erstaufführung in der Bonner Oper. Radikal bricht Thierschs dabei mit der traditionellen Ordnung auf der Tanzbühne.

Am Anfang von Stephanie Thierschs "Bilderschlachten" im Bonner Opernhaus wird die Musik selbst zum Theater. Der Dirigent Benjamin Shwartz wendet dem leeren Orchestergraben den Rücken zu und gibt seine Einsätze in den voll besetzten Saal hinein, wo sich an den Seiten und den Rängen die Musiker des französischen Orchesters Les Siècles verteilt haben und ihren Instrumenten die irrsten Geräusche entlocken. Auch die vier Musiker des Asasello Quartetts befinden sich darunter, sie klopfen auf Holz oder streichen ihre Bögen so langsam über die Saiten, dass kaum mehr als ein Knacken hörbar wird. Doch auch auf der Bühne tut sich was. Acht Tänzerinnen und Tänzer haben sich wie eine Skulpturengruppe in der Ecke versammelt, bis sie irgendwann aus der marmornen Starre ausbrechen und wie langsame Kreisel ihre Bahnen ziehen. Irgendwann werfen sich auch die zwei Frauen und zwei Männer des Asasello Quartetts in den Bewegungsfluss hinein, spielen und tanzen mit.

Der Effekt zu Beginn der Choreografie "Bilderschlachten", die durch Thierschs eigene, in Köln beheimatete Compagnie Mouvoir am Sonntag auf Einladung des Beethovenfests ihre deutsche Erstaufführung feierte, ist überraschend und verblüffend, weil sie mit der traditionellen Ordnung auf der Tanzbühne radikal bricht.

Bonbonbunt auf der Bühne

Die Musik zu dieser szenischen Ouvertüre und zu weiteren Teilen des Abends hat die Komponistin Brigitta Muntendorf geschrieben. Ihre "Sechs Stimmungen, Diktatoren zu versetzen" teilen sich die Aufführungszeit mit der "Musique pour les soupers du Roi Ubu", bei der sich Bernd Alois Zimmermann in den 1960er Jahren von dem egomanischen, rücksichtslosen und feigen Herrscher aus Alfred Jarrys groteskem Theaterstück inspirieren ließ. Für sein "Ballet noir" hat Zimmermann ordentlich die Musikgeschichte geplündert. Doch auch wenn kein Ton der Partitur originärer Zimmermann ist, ist es die Gesamtheit der Partitur mit ihren unzähligen Zitaten sehr wohl. Wie er hier etwa Modest Mussorgskys "Promenade", das gregorianische "Dies irae" und Richard Wagners Tristan-Akkord aufeinanderfolgen lässt, hat Witz und Tiefe. Das vom Kölner Gürzenich-Chef François-Xavier Roth gegründete Orchester spielt diesen Zitatenreigen mit enormem Esprit.

Auf der Bühne geht es nach dem etwas dunklen Beginn bonbonbunt weiter: Sita Messer hat für die Tänzer ein paar wirklich schrille Kostüme entworfen, vom roten Superhelden bis zu fabelartigen Wesen, denen insektenhafte Köpfe aus dem Hals wachsen. Bilder so zügellos wie König Ubu. Was sie wiederum auch politisch macht. Stephanie Thiersch erweist sich in diesen "Bilderschlachten", die auch eine Tour durch die Kunstgeschichte ist, als eine grandiose Bildererfinderin. Auch wenn die tänzerischen Qualitäten des Ensembles da nicht immer ganz mithalten. Gelegentlich fehlt es einfach an Körperspannung und Ausdruck. Dafür aber sind die Akteure mit anderen Talenten begabt, wie zum Beispiel mit Gesang. Berührend ist der Schluss, wenn die Musiker aus dem Graben klettern und sich in einen langsamen Marsch einreihen und das Stück ganz leise mit der himmlischen Cavatina aus Beethovens Streichquartett in B-Dur op. 130 leise verklingt. Der Applaus danach aber war umso lauter.

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