Kultur in Bonn: So war die Bonner Theaternacht

Kultur in Bonn : So war die Bonner Theaternacht

Kultur so weit das Auge reicht bietet die Theaternacht in Bonn. Auch in diesem Jahr war es wieder eine Herausforderung, die vielen Bühnen zu bespielen und zu besuchen.

Kultur von Godesberg bis in die Nordstadt, von Endenich bis Beuel, so viele Bühnen und so wenig Zeit: Die Bonner Theaternacht ist durchaus eine Herausforderung, nicht nur für die beteiligten Häuser und Ensembles, sondern auch zumindest für jene, die möglichst viel Programm sehen wollen, möglichst viel probieren und erfahren wollen. „Wenn Sie am nächsten Morgen etwas weniger blind und etwas weniger taub für die Welt sind, haben Sie am Abend zuvor genug Theater erlebt“, formuliert Schauspieler Roland Silbernagl, der zusammen mit der neuen Bonner Sport- und Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger die Schirmherrschaft innehat, die Hoffnungen des Veranstaltungsmarathons. Doch dafür muss man auch etwas tun. Vor allem reisen. Mobil sein. Nur wie? Mit dem Auto? Den Bussen und Bahnen, die man mit einem Theaternacht-Ticket kostenlos nutzen darf? Oder doch lieber mit dem Fahrrad, mit dem man die größte Flexibilität hat? Manche Bühnen sind anders nur schwer zu erreichen – und gerade angesichts einer mitunter engen Taktung der Veranstaltungen wird das mitunter zum Problem.

Wir beginnen in Bad Godesberg. Die Eröffnung in Malentes Theaterpalast mit Grußworten von Organisatorin Magdalena Bahr, der Vorsitzenden der Theatergemeinde Bonn Elisabeth Einecke-Klövekorn sowie den beiden Schirmherren müssen wir zeitig verlassen, um noch rechtzeitig ins Schauspielhaus zu kommen, wo die Tanzkompanie bo komplex zusammen mit befreundeten Ensembles einige aktuelle und neue Choreographien vorstellt. Ausverkauft ist der Saal nicht, dafür ist er einfach zu groß und das Programm zu speziell, dennoch sind einige Tanz-Liebhaber gekommen, um die teils recht abstrakten und mit atonaler Musik unterlegten, teils aber auch fließenden Darbietungen zu bestaunen. Alternativen gibt es in der Godesberger Innenstadt ohnehin nicht, da das Kleine Theater – ebenso übrigens wie das Contra Kreis Theater und die Oper – die Theaternacht im Grunde ignoriert und ihr reguläres Programm in voller Länge zeigt. Erst bei Malentes und gegenüber in der Zentrifuge am Haus der Luft- und Raumfahrt wird das Konzept der kleinen Häppchen wieder gelebt. Und eben im Schauspielhaus. Aber wir wollen ja mehr sehen als nur Tanz, und auf die Studierenden der Alanus-Hochschule können wir nicht warten. Also weiter. Auf nach Beuel.

Auf der Schäl Sick ist schon ein bisschen mehr los als in Bad Godesberg. Gut, das Junge Theater sowie das Theater Marabu machen es sich mit offenen Proben noch verhältnismäßig einfach, aber auch im Pantheon, im Heimatmuseum Beuel und natürlich in der Brotfabrik gibt es allerlei zu sehen. Letztere ist ohnehin schon seit Jahren eines der Zentren der Theaternacht: Hier tummeln sich zahlreiche Laiengruppen aus dem Umfeld der Universität, die Bonn University Shakespeare Company (BUSC) zum Beispiel, Theater Rampös oder auch Theater Pipolart. Gespielt wird dementsprechend auf englisch, deutsch und spanisch. Jung, international und überaus ambitioniert gehen die Ensembles zu Werke, und selbst wenn man nicht jedes Wort versteht, steckt die Spielfreude doch an und macht Lust auf mehr. Besser kann die Theaternacht kaum laufen, zumal der Andrang immens ist.

Weiter geht’s in die Innenstadt. Vor dem Euro Theater Central ist eine riesige Schlange – offenbar will jeder noch einmal das Haus am Mauspfad besuchen, bevor es am Ende der Nacht den offiziellen Spielbetrieb einstellt und sich auf den Umzug in die Budapester Straße bereit macht. Also erst mal Richtung Marktplatz. Dort fährt der Schwyzer Poschti ab, ein alter Postbus, der durch die Kooperation mit dem Unternehmenstheater Faust Drei schon im Vorfeld für Schlagzeilen gesorgt hat. Gemeinsam nehmen sie die städtischen Bausünden aufs Korn, zunächst theoretisch und dann im Rahmen einer kleinen Tour auch vis-a-vis. Das Interesse ist angesichts der Diskussionen um Bahnhof, Beethovenhalle und Viktoriaviertel immens. Viele Besucher kommen nicht zum Zug, obwohl es schon Zusatzfahrten und -vorstellungen gibt. Durch Zufall treffen wir Magdalena Bahr, die an diesem Abend überall ist. Sie ist begeistert von dem Anklang, den die Theaternacht auch in diesem Jahr findet: „Wir haben die 3000er-Marke geknackt und hätten noch 400 bis 500 weitere Tickets verkaufen können, wenn nicht durch eine unglückliche technische Panne ausgerechnet an diesem Tag das Online-Bestellformular ausgefallen wäre“, sagt sie. „Bislang habe ich nur positive Rückmeldungen erhalten. Hier am Poschti drängeln sich die Leute, aber auch das Kult 41 oder das Theater im Keller, die ja doch ein bisschen abseits liegen, sind meines Wissens gut besucht.“

Zurück zum Euro Theater. Wir stellen uns in die Schlange, kommen sogar bis ins Treppenhaus. Doch hier heißt es warten. Von oben drängen Besucher zur Vorstellung im ersten Stock, von unten mehr, das Foyer ist voll, der kleine Saal auch. Irgendwann muss die Theaterleitung einschreiten und dicht machen. Es geht nicht anders. Immerhin ein paar Einblicke in Woody Allens „Der Tod klopft“ können wir bekommen, eine herrliche kleine Komödie mit diversen Anspielungen auf die aktuelle Situation. Dann ziehen wir weiter. Im Institut francais soll die letzte Station sein. Die deutsch-italienisch-französische Theatergruppe G.I.F.T. zeigt dort einen Auszug aus der kommenden interaktiven Produktion „Momentum Nostrum“, die am 17. Juni Premiere haben wird. Sonderlich voll ist es nicht, viele haben sich um 23 Uhr schon aus der Peripherie zurückgezogen. Dabei lohnt sich die Erfahrung: Per Handzeichen bestimmt das Publikum die Route eines Flüchtlings aus dem Kongo, muss ihn nach Europa bringen, an allen Gefahren vorbei, ähnlich wie bei einem Computerspiel. Eine falsche Entscheidung, und schon wartet der Tod. Keine leichte Kost, aber spannendes Theater. Und danach? Wohin jetzt? Viel bleibt nicht mehr. Zahlreiche Bühnen nehmen es mit der „Nacht“ nicht so genau, bis Mitternacht oder darüber hinaus spielt kaum ein Ensemble. Was bliebe, wäre die Abschlussparty im Foyer des Opernhauses. Oder die Heimfahrt. Zumindest ein paar schöne Theatererlebnisse haben wir immerhin machen können. Längst nicht alles, keine Frage, dafür fehlte einfach die Zeit. Aber doch mehr als gedacht. Und nächstes Jahr gibt es ja hoffentlich wieder eine solche Nacht. Und zuvor zahlreiche Premieren in einer an Kultur überaus reichen Stadt, deren Facetten es immer wieder wert sind, entdeckt zu werden. An 364 Abenden. Und einer langen Nacht.

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