Uni Bonn, WCCB und Beethoven-Haus: So lief das Eröffnungswochenende des Beethovenfests

Uni Bonn, WCCB und Beethoven-Haus : So lief das Eröffnungswochenende des Beethovenfests

Frischzellenkur mit alten Instrumenten: Die Akademie für Alte Musik Berlin hat am Eröffnungswochenende ebenso wie Nike Wagners Mond-Programm in der Uni begeistert.

Eröffnungsmatinee in der Uni Bonn: Das op. 95 ist das neue op. 27/2, ließe sich kalauern, wenn man die Um- und Überformung von Beethovens „Mondscheinsonate“ für Klavier zur Duosonate für Horn und Klavier hört, die der Komponist Giselher Klebe 1986 vorgenommen hat. Wie die Aufführung von Klebes op. 95 durch Premysl Vojta (Horn) und Tobias Koch (Klavier) zu Beginn von Nike Wagners traditioneller Eröffnungsmatinee zum Beethovenfest in der Aula der Bonner Uni ganz wunderbar zeigte, bezieht die Bearbeitung ihre Spannung im Wesentlichen daraus, dass sie (fast) immer sehr nah am Original entlangbalanciert, dabei aber ständig mit subtilen melodischen, harmonischen und rhythmischen Varianten Irritationen auslöst.

Zwischen diesem zauberhaften Einstieg und dem durch das Beethoven Orchester unter Leitung von Dirk Kaftan und der Solistin Eva Vogel aufgeführten Liederzyklus „Les nuits d'été“ von Hector Berlioz ging es im Vortrag der Festivalintendantin um das diesjährige Motto „Mondschein“, das sie im Licht einiger Programmschwerpunkte aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtete. Dabei vergaß sie freilich nicht zu erwähnen, dass der Titel der „Mondscheinsonate“, die ja Patin für das Motto ist, gar nicht vom Komponisten selbst, sondern von dem Dichter Ludwig Rellstab stammt.

Den Erdtrabanten nahm Wagner in ihrem Vortrag durch die Brille des Wissenschaftlers von Galilei bis zur Mondlandung wahr, sie tauchte zugleich auch tief in die Musikgeschichte ein und zeichnete den Weg nach, wie dem Mond von der dichterisch-musikalischen Verbindung etwa in Eichendorff/Schumanns „Mondnacht“ bis zu Durs Grünbeins Charakterisierung als „Eine Landschaft, von Meteoriten zerhackt...“ seine geheimnisvolle Aura mehr und mehr abhanden gekommen ist. Um am Ende ihrer Rede die Flucht vor zu viel wissenschaftlich fundiertem Realismus anzutreten: „Da retten wir uns doch lieber wieder auf den Mondstrahl, in die gute alte Mondschwärmerei, voller Poesie, Sehnsucht, Wehmut, Nachklang und Kunst – diesseits aller Raumfahrt.“

Da kommt Berlioz' Liederzyklus gerade recht. Die sechs Lieder des französischen Komponisten sind pure Magie, die von der Mezzosopranistin Eva Vogel mit warmer Stimmfarbe gestaltet wurden. Sie traf sehr gefühlvoll den Grundton der Lieder, deren Titel „Sommernächte“ nicht darüber hinwegzutäuschen vermag, dass sie von Verlust, Entbehrung und Tod erzählen. Kaftan und das Orchester waren ihr eine ideale musikalisch-emotionale Echokammer. Großer Applaus.

Sinfoniekonzert im WCCB: Die Wiener Klassik, das sind: Haydn, Mozart, Beethoven. Das Trio wird gern als geschlossene Einheit wahrgenommen. „Mozarts Geist aus Haydns Händen“ sollte der junge Beethoven ja nach einem Stammbucheintrag seines Bonner Freundes Ferdinand Graf Waldstein in Wien erhalten. Doch Beethoven hat sich auch anderweitig umgesehen. Zum Beispiel bei Carl Philipp Emanuel Bach, den schon Beethovens Bonner Lehrer Christian Gottlob Neefe überaus schätzte. Insofern war es höchst spannend, dass die Akademie für Alte Musik Berlin in ihrem Gastspiel den Wiener Einflussbezirk erweiterte und den beiden ersten Sinfonien Beethovens jeweils eine der Sinfonien von Bach voranstellte.

Die auf historischen Instrumenten spielende Akademie begann ihren Abend im gut besuchten WCCB unter der Leitung von Konzertmeister Bernhard Forck mit Bachs Sinfonie F-Dur Wq 175, die ein schönes Beispiel für die Sturm-und-Drang-Leidenschaft in der Musik des Komponisten ist. Das Allegro assai des Anfangs spielten sie mit unbändiger Musizierlust, wobei die Frische des Ensembleklangs vielleicht auch durch das Spielen im Stehen gefördert wird.

Natürlich sind die Bach'schen Beiträge zu der noch sehr jungen Gattung „Sinfonie“ stilistisch weit von Beethoven entfernt – der zweite Satz der F-Dur-Sinfonie wirkt beinahe wie ein barocker Suitensatz –, aber sie geben einen Weg vor, den Beethoven dann auf unvergleichliche Weise weitergehen wird. Im Konzert spielten sie Beethovens zweite Sinfonie in D-Dur vor der Pause. Deren Witz und Charme war bei den Musikern aus Berlin in besten Händen.

Höhepunkt des Abends war Beethovens Sinfonie Nr. 1 in C-Dur, der sie Bachs Sinfonie G-Dur vorangestellt hatten. Der neue Ton, den Beethoven bei aller formalen Rückversicherung an die Tradition hier anschlägt, klingt in diesem historischen Klanggewand überzeugender als in vielen Interpretationen moderner Orchester. Nicht nur die schroffen Akzente hinterließen hier Eindruck, sondern auch das klanglich unglaublich sensibel abgestimmte Spiel der Instrumentengruppen im langsamen Satz.

Vielleicht wäre das Stimmgeflecht noch subtiler herübergekommen, wenn die Berliner ihre ausgezeichneten Holzbläser nicht rechts außen platziert hätten, wo sich der Klang nicht so gut mit dem Streicherapparat mischen konnte. Für den begeisterten Applaus bedankte man sich mit der Wiederholung des Scherzos.

Geistertrio im Beethoven-Haus: Attacke! Das aus Viviane Hagner (Violine), Joshua Alpern (Violoncello) und Adam Golka (Klavier) bestehende Trio fackelte nicht lange, sondern ging im Kammermusiksaal direkt in die Vollen. Der Kopfsatz des sogenannten Geistertrios von Ludwig van Beethoven begann mit einem veritablen Kavalierstart: Vollgas, vorwärtsdrängend, mit gewaltigem Druck. Ihr Pulver hatten die drei Musiker zum Glück nicht vorschnell verschossen, man hielt das Tempo und die Intensität. Ein rauschhafter Beginn, dem ein spannungsgeladenes Largo und der heitere Kehraus folgten.

Ein fulminanter Auftakt eines Programms zum Thema „Mondschein“, dem Thema des diesjährigen Beethovenfestes. Diesbezüglich gab es auch zahlreiche Anspielungen in Robert Schumanns Liederkreis op. 39. „Mondnacht“ war die expliziteste, aber auch Lieder wie „Frühlingsnacht“ und „Zwielicht“ machten deutlich, warum gerade dieser Zyklus in diesem dramaturgischen Kontext Sinn ergab. Ein anderer war „Mondnacht“, eine Paraphrase von Christian Jost über eben jenes Lied aus dem Zyklus, den anschließend das Klaviertrio spielte, und in dem zahlreiche Motivschnipsel und atmosphärische Anspielungen verwendet werden.

Der junge Bariton Michael Rakotoarivony sang den Liederkreis mit großer Dramatik und kerniger, von einem zarten Schmelz überzogener Stimme. Die verklärte Stimmung und tiefe Empfindung in „Mondnacht“ oder die deutliche Dramatik in „Waldesgespräch“ brachte Rakotoarivony fulminant zum Ausdruck, nur zu Beginn wirkte er etwas verhalten. Als Begleiter machte Adam Golka ebenfalls eine ausgezeichnete Figur. Josts Trio gestaltete man mit eindringlicher Emphase. Bullige, gleichwohl irisierende Akkorde verbanden sich mit expressiven Melodielinien der beiden Streicher. Ein fesselndes Werk. Den Abschluss bildete eine Bearbeitung von Arnold Schönbergs „Verklärter Nacht“, die vor allem dem formidablen Pianisten alles abforderte. Adam Golka löste diese Aufgabe brillant, aber auch Viviane Hagner und Joshua Alpern gestalteten die mal düsteren, mal bukolischen, mal aufgewühlten oder mal hitzigen Episoden mit kaum zu toppender Intensität.

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