Mitreißende Konzerte in Bonn: Sensationelles Wochenende beim Jazzfest

Mitreißende Konzerte in Bonn : Sensationelles Wochenende beim Jazzfest

Das Jazzfest Bonn brachte Stimmung in die Bude. Eine Sensation. In Ehren ergraute Jazzpuristen geraten ins Grübeln und das Publikum in Bonn feiert Weltklasse-Ensembles.

Das Aufgebot am Freitag reichte von der WDR Big Band bis Tower of Power. Die ganze Oper wippte und tanzte: Party-Time im Kulturtempel. Das Publikum feierte einen tollen Abend mit einer jungen wilden Big Band aus München und einem Weltstar aus Paris, mit angerocktem Pop und angejazztem Techno.

Grenzerfahrung. Eindeutig jazziger gestaltet sich der Samstag im Telekom Forum mit einem Triple aus teils regionalen Künstlern von überregionalem Rang und einem Weltklasse-Ensemble. Auch hier wurde es spät. Bis nach Mitternacht wurde im Forum getanzt – Tower of Power lieferte eine sensationelle Show ab.

Den Vogel schoss zunächst die Jazzrausch Big Band ab, die gewöhnlich einmal im Monat im Technoclub „Harry Klein“ aufspielt und jetzt die Bonner Oper rockte. Präziser Bläserklang, fetzige Techno-Beats, äußerst raffinierte Arrangements des Jazzrausch-Brains Leonhard Kuhn, dazu exzellente Musiker an allen Pulten, die nicht nur im Ensemble glänzen, sondern auch mit Soli, dazu auch noch tanzen können wie die Derwische – fertig ist die Mischung für eine atemberaubende Show. Die Bühne bebt und wogt – nach der vierten Nummer ist das Publikum im Parkett vereinzelt angefixt und steht auf, bald hält es niemanden mehr auf den Sitzen.

Brillanter Manu Katché

„Dancing Wittgenstein“ heizt dem Publikum ein, „Le Système Planétaire“ wirbelt es herum, „I Want To Be A Banana“ ist funky und sexy, in „Suche nach Jugend“ (nach Goethes „Faust“) explodiert Florian Leuschners Baritonsaxofon. Jazzrausch bringt exzellenten, anspruchsvollen Big-Band-Sound im Gewand tanzbarer Techno-Beats auf die Bühne. Großartig.Das euphorisierte Publikum erklatscht sich zwei Zugaben: „Moebius Strip“ und „Punkt und Linie zur Fläche“, die 16 Männer und Frauen auf der Bühne geben alles.

Mit dem brillanten Manu Katché und seiner Band hatte der Abend in der Oper angefangen. Der äußerst sympathische Weltstar spielte am Schlagzeug seine Klasse aus, kein Wunder, dass Sting und Peter Gabriel, die Simple Minds und Tori Amos auf diesen sensiblen und unglaublich vielseitigen Drummer schwören. „The Scope“, sein aktuelles Projekt, ist weniger spannend als etwa „Unstatic“, mit dem er 2016 schon mal in Bonn war. Das neue Projekt verblüfft Fans durch ziemlich weichgespülten, leicht angerockten Pop. Aber Katchés spannendes Spiel, seine Soli machen manche seichte Nummer vergessen. Mit Jim Grandcamp an der Gitarre hat er einen kongenialen Partner an der Seite. Seine aufgeheizten, schnellen Soli mischen das Set auf. Dass der Rap-Gesang vom Band kommt – ein Novum beim Jazzfest – stört doch sehr. Trotzdem ein grandioser Auftritt eines klasse Quartetts. Auf der CD „The Scope“ hat Katché drei aufregende, hochinteressante Sänger. In Bonn, wo fast alle Nummern der CD gespielt wurden, behalf man sich jedoch mit einigen Tricks. Trotzdem ein grandioser Auftritt eines klasse Quartetts.

Klassemusiker aus New York

Wummernde Orgel, souliger Gesang, absolut packende Bläsersätze und Stücke, die ins Ohr und in die Beine gehen – die legendäre, 1968 gegründete Band Tower of Power aus Oakland, USA, brachte am Samstag dann das Telekom Forum zum Kochen. Und krönte einen Abend, der herrliche Kontraste zu bieten hatte: Florian Weber lieferte mit seinem hochkarätigen Quartett Kammerjazz in Reinkultur, die exzellent besetzte WDR Big Band unter Bob Mintzer ging mit dem Elektro-Sound-Duo Knower in einen bizarren Dialog – und dann die Legenden aus Oakland. Was wünscht man sich mehr in einem Festival, das die Jazzstilistiken aufruft, ausbreitet, diskutiert und durcheinanderwirbelt.

Weber hatte sich drei Klassemusiker aus New York eingeladen, Ralph Alessi (Trompete), Linda May Han Oh (Bass) und Nasheet Waits (Schlagzeug), die gemeinsam etliche Stücke von der aktuellen CD „Lucent Waters“ spielten, wo es ums Abtauchen und um den stetigen Fluss von Klängen und Melodien geht. Ausgedehnte Soli, Webers bedächtiges, fein ziseliertes Spiel und die subtilen Antworten seiner Mitspieler machten diesen Auftakt im Forum zur puren Freude.Das Publikum ließ sich fasziniert treiben, schöpfte Kraft für die folgende Attacke der WDR Big Band.

Der Gast Louis Cole – der männliche Teil der Formation Knower – hatte das Kölner Ensemble mit aggressiven Arrangements auf Krawall gebürstet, trieb diesen edlen Klangkörper mit brachialem Schlagzeugspiel an. Die Musiker glänzten trotzdem, setzten ihre strahlenden Akzente, begeisterten mit tollen Soli, allen voran Mintzer mit seinem weichen, geschmeidigen Saxofonsound. Was die herumhopsende Genevieve Artadi – der weibliche Teil von Knower – mit ihren Kleinmädchengesang in diesem Profiensemble suchte? Man weiß es nicht. Die Band lieferte unbeeindruckt eine exzellente Show ab. Und stimmte das Publikum auf den absoluten Höhepunkt des Abends, des Wochenendes, vielleicht des ganzen Festivals ein.

Betagte Power-Männer

Tower of Power fuhr alles auf, was diese Klasseformation zur sehr lebendigen Legende gemacht hat: Pulsierendes, treibendes Blech, tolle Arrangements, alles funky und soulig, ein Genuss. „You're Still a Young Man“ – Die betagten Power-Männer spielten das Stück von 1972 sehr überzeugend: Sie sind jung und unglaublich vital geblieben. Neben Legenden der ersten Stunde um Emilio Castillo steht der junge, wunderbare, charismatische Sänger Marcus Scott auf der Bühne und heizt dem Forum ein.

Berauschend spielten sie „What is Hip“ und „Soul Vaccination“. Zu dem Zeitpunkt war das ganze Forum – angeführt von OB Ashok Sridharan – schon längst auf den Beinen. Die Towers lieferten Hit um Hit, routiniert und engagiert zugleich. Ein schöneres Geschenk zum Zehnjährigen des Jazzfest kann es kaum geben. Ein denkwürdiger Abend.

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