Stück "Eine Nacht lang Familie": Seligkeit und Katzenjammer

Stück "Eine Nacht lang Familie" : Seligkeit und Katzenjammer

Bejubelte Premiere in der Werkstatt: Sabine Harbeke hat für Bonn das Stück "Eine Nacht lang Familie" entwickelt.

Das Wort ?Familienbande? hat einen Beigeschmack von Wahrheit", lautet ein vielzitierter Aphorismus von Karl Kraus. Im Zeitalter der Patchwork-Familien erscheinen die verwandtschaftlichen Bande eher gelockert, und das alte Modell der dauerhaften Verbindung über Generationen wirkt reichlich obsolet. Dennoch: Die Familie hat Konjunktur in der Literatur und auf den Bühnen. Gewiss kennt jeder Tolstois "Anna-Karenina-Prinzip", nach dem alle glücklichen Familien einander gleichen, während nur die unglücklichen es auf ihre ganz eigene Weise sind. Eine eigenartige Bande stellt die Schweizer Autorin und Regisseurin Sabine Harbeke in ihrem für das Theater Bonn entwickelten Stück "Eine Nacht lang Familie" vor, das am Freitag in der Werkstatt seine mit viel Beifall bedachte Uraufführung erlebte.

Hier wird nicht abgerechnet mit Verfehlungen wie bei Lars von Triers "Fest". Es gibt keinen dominierenden Vater und keine verschwiegenen Grausamkeiten bei dem Familienfest, zu dem Margrit eingeladen hat. Es gibt stattdessen Figuren, deren verletzliche Normalität die feinen Risse in einer Gesellschaft aufdeckt, die zwischen Bindungsangst und Sehnsucht nach Geborgenheit schwankt. Interviews mit Bonner Bürgerinnen und Bürgern lieferten die Inspiration für die Bühnengestalten, die Harbeke dem Schauspiel-Ensemble auf den Leib geschrieben hat. Man schaut diesen Gestalten in pausenlosen hundert Minuten mit wachsendem Interesse zu, auch wenn auf der Handlungs-Oberfläche nicht viel passiert.

Ausstatterin Clarissa Herbst hat die Szenerie mit einem wässrig grünschillernden Vorhang umgeben, auf dem die Strichmännchen des Kindes Simon (alternierend: Henning Gille, Till auf der Heiden, Eddy Jarow) verschwinden, während sich immer mal wieder jemand zurückzieht aus dem Konversationsfluss von früher Unordnung und manchem Leid. Die fabelhafte Ursula Grossenbacher spielt Margrit, die unter ihrer kecken Kurzhaar-Frisur alle Gäste kühl distanziert durchmustert. Mäßig mütterlich wie die Emanzipations-Singles der Generation Ü60, die ihre Nachkommen zum ökonomischen Überleben nicht brauchen und aus Erfahrung mit Gefühlen recht sparsam umgehen.

Dass es zwischen Weinseligkeit und Katzenjammer ein wenig nach schlecht gelüftetem Bügelraum riecht, konstatiert die attraktive Miranda (Lydia Stäubli), Wäschereiangestellte mit vom Ehemann verweigertem Kinderwunsch. Ob dafür ihr langjähriger Kunde, Margrits erstgeborener Sohn Horst-Holger, eine Lösung ist, bleibt zweifelhaft. Sören Wunderlich spielt allerdings glänzend den schlaksigen Dauerverlierer. Sein zehn Jahre jüngerer Bruder Moritz (Samuel Braun) wurde unversehens Vater, trägt als süße Last den kleinen Simon herum und verdient nach abgebrochenem Studium sein Geld als Altenpfleger.

Dass die Nachbarin Hanna sich dem Islam zugewandt hat und nun als Awra mit Kopftuch rumläuft (Birte Schrein als beseelte Konvertitin), findet deren Sohn Leon (Jonas Minthe) zwar ein bisschen peinlich, aber durchaus akzeptabel. Die beiden gehören nicht unmittelbar zur Blutsverwandtschaft, sind jedoch insofern verstrickt, als Leon was mit der jungen Geburtshelferin Emma (Maya Haddad) hat. Deren verwitweter Vater Arthur, Margrits Schwager (hervorragend: Bernd Braun), erträgt sein verbeamtetes Lehrer-Dasein mit selbstironischer Fassung.

Singend verschweigen alle "In diesem Frühling..." die Klippen ihrer Existenz, klimpern mal ein paar Takte auf dem Klavier oder markieren sprachlich ziselierte Selbstverlorenheit.

Nächste Vorstellungen am 31.März und am 14./15. /17. April jeweils um 20 Uhr in der Werkstattbühne des Schauspiels am Opernhaus.

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