Theater in Bonn: "Rosenkavalier" feiert Premiere in Bonn

Theater in Bonn : "Rosenkavalier" feiert Premiere in Bonn

Wiener Schmäh und große Oper: Das Stück „Rosenkavalier“ hat in Bonn eine umjubelte Premiere gefeiert. Wir stellen das vier Stunden lange Theaterstück vor.

Wenn sich nach dem tumultartigen Hallodri der Bühnendarsteller im dritten Akt die Bühne lichtet und drei herrliche Sopranstimmen in freiem Lauf über wogende Orchesterwellen strahlen, dann ist der emotionale Gipfelpunkt im Rosenkavalier von Richard Strauss erreicht. Zur Saisoneröffnung der Oper Bonn lief alles "wie am Schnürl", so würde der Baron Ochs auf Lerchenau das Spiel bewerten. Das Premierenpublikum feierte Inszenierung und Ausführung einhellig.

In Kooperation mit der Volksoper Wien hat Josef Ernst Köpplinger, seit Jahren Intendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz, die Komödie von Strauss und dem Librettisten Hugo von Hofmannsthal ganz wunderbar erzählt. Und er verlässt sich dabei unbedingt auf die Wirksamkeit der rund einhundertjährigen Konversationsoper, setzt auf tolle Stimmen, großartige Spielertypen und den im Text schwebenden Wiener Schmäh - die Feldmarschallin Marie-Theres und zitierter Baron Ochs zelebrieren die Stimmung im Wien der Zeit von Sigmund Freud und Arthur Schnitzler, der Dekadenz und erotische Provokation auf der Bühne im "Reigen" auf die Spitze treiben sollte. Aber damit bedrängt uns der Regisseur aus Niederösterreich nicht. Er setzt auf die Doppelbödigkeit der Gefühle, die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen gesprochenem Wort und Wahrheitsgehalt.

Dazu hat ihm Johannes Lei-acker hohe Wände aus drehbaren und verschiebbaren Dreieckssäulen gebaut, die das Wanddekor nach Belieben verändern. Natürlich gibt es Rosen satt im Schlafgemach der Feldmarschallin, aber auch stark angelaufene Spiegelwände, verblichen im maroden Mief der höfischen Gesellschaft, Tribut an die Vergänglichkeit. Nicht nur der unbelehrbar dreiste Baron Ochs erkennt diese Zeichen nicht, sein grenzenlos perverser Standesdünkel heizt dieses Spiel erst an - eine Paraderolle für echte Typen.

Ganz unbestritten zählt in diesen Kreis Franz Hawlata, der aktuell den Ochs neben Bonn auch in Bogota singt. Seine bayerische Herkunft bedient auch Wiener Sprachschmankerl, ein uriger Baron, auf Anhieb sympathisch herzlich, wandelt sich zum Kanonier des schlechten Geschmacks. Er ist der Rosenkavalier mit Silberblume, der um Sophie freit, eine reiche Bürgerliche im Enkelinnenalter - für den Baron ein Pferdehandel. Hier tritt Octavian auf, der jugendliche Liebhaber der Feldmarschallin, in der Oper eine Hosenrolle, die aber auch in Frauenklamotten antritt - Elemente der doppelten Verwirrung in - auch - einer Verwechslungskomödie.

Damit sind die drei Damen gefunden, die den Kavalier in seine Schranken weisen werden. Der Feldmarschallin (Martina Welschenbach) gelingt der Wechsel von gönnerhafter Liebhaberin zum verklärten Gutmenschen mit engelhafter Ausstrahlung. Louise Kemény als Sophie wandelt sich vom väterlich angeordneten Baron-Futter zur jungen Liebenden. Zum Abräumer und Herzensbrecher aller Generationen avanciert Octavian, stimmlich bravourös und darstellerisch überzeugend im Kammerzofen-Livree wie als schneidiger Baron. Hinzu treten zahllose sämtlich gut besetzten Rollen mit Georgos Kanaris als Sophie-Vater, Martin Tzonev als Kommissar und George Oniani als Arien-Sänger. Chor und besonders der Kinderchor des Theater Bonn sorgen für Stimmung mit ihrem "Papa-Chor" bei der Ochs-Kasteiung.

Seinen "Jago", den Fadenzieher aus Verdis Otello, hat Strauss in den Orchestergraben komponiert. Alles, was sichtbar wird, nimmt die Musik bereits voraus, spiegelt es nach und dreht seinen Sinn. Dirk Kaftan fordert die Sänger mit strammen Tempi, es ist viel Text zu bewältigen, manchmal, so scheint es, zu viel des Guten. Aber der Schwung wird durch eine quirlige Personenführung auf der Bühne übernommen, manchmal sogar in Gebärden übersetzt - alles wohl dosiert. Es dampft und funkelt aus dem Graben, und so war es mehr als sinnvoll, diesen vielköpfigen Protagonisten Beethoven Orchester Bonn auch im Applaus auf der Bühne zu präsentieren.

Es liegt viel Zeit zwischen Ouvertüre und Schlussvorhang, viele Worte, noch mehr Noten. Aber damit die lange Reise lohnt, bemüht Regisseur Köpplinger im so beeindruckenden Finalbild wie auf einer richtigen Postkarte aus Wien die Schneemaschine - ein simpler Effekt, aber herzergreifend schön.

Dauer vier Stunden mit zwei Pausen. Aufführungen: 12./ 27.10./ 1./14.11./6./15./26.12.

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