Was einen Theaterchef qulifiziert - und was nicht: Rolf Bolwin: „Ein Intendant braucht Augenmaß“

Was einen Theaterchef qulifiziert - und was nicht : Rolf Bolwin: „Ein Intendant braucht Augenmaß“

Der Bonner Theaterexperte hat die Stadt Köln bei der Findung des nächsten Schauspielchefs beraten. Über einige Kriterien der umstrittenen Entscheidung für Carl Philip von Maldeghem äußert sich der ehemalige Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins im Interview.

Bei der Vorstellung von Carl Philip von Maldeghem sah eine Journalistin die Personalie als Abstieg in die dritte Liga, in manchen Kommentaren fiel das Wort Provinz. Ist der Intendant des Salzburger Landestheaters eine Nummer zu klein für Köln?

Rolf Bolwin: Ich kann diese Unterscheidung zwischen Provinz und großen Theatern überhaupt nicht nachvollziehen. Man kann in kleinen und mittleren Theatern gute, sehr gute, mittelmäßige und schlechte Aufführungen sehen, und genauso ist es in großen Theatern. Entscheidend ist, ob ein Intendant, eine Intendantin die Voraussetzungen mitbringt, ein großes Haus zu leiten. Dafür ist eine vorherige Leitungsfunktion in einem anderen Theater hilfreich.

Als Regisseur hat von Maldeghem bisher keine Einladung zum Berliner Theatertreffen vorzuweisen. Disqualifiziert ihn das als Intendanten einer großen deutschen Bühne?

Bolwin: Allein in den deutschen Stadt- und Staatstheatern werden jährlich ungefähr 1400 neue Schauspielinszenierungen gezeigt. Die einzig interessanten Arbeiten darunter sind doch nicht nur jene zehn, die fürs Berliner Theatertreffen ausgewählt werden. Zumal in der Jury ja zu Recht meist Journalisten mit ihrer sehr subjektiven Sicht sitzen. Die Einladung nach Berlin kann nicht das Maß aller Dinge sein.

Bolwin: Das Salzburger Publikum gilt als eher konservativ. Passt der neue Mann nach Köln, wo man seit Karin Beiers Zeit ja auch sehr moderne Regiehandschriften gewöhnt ist?

Bolwin: Ich habe viele Intendantenfindungen begleitet, und wenn man die Kandidaten nach den Plänen für die neue Wirkungsstätte fragt, sagen sie stets: Selbstverständlich mache ich Theater für diese Stadt. Auch Carl Philip von Maldeghem wird nicht einfach Salzburg nach Köln transportieren, sondern ein Programm für Köln machen. Dabei wird er selbst inszenieren, aber bei etwa 20 Premieren pro Saison gibt es eine Menge Spielraum, andere interessante Regisseurinnen und Regisseure zu gewinnen.

Welche beruflichen Eigenschaften schätzen Sie bei ihm?

Bolwin: Wir sollten uns öfter fragen, welche Qualitäten ein Intendant braucht. Dazu zählen künstlerisches Augenmaß und Urteilsvermögen, aber eben auch Leitungskompetenz, soziale Kompetenz, Überzeugungskraft und kommunikative Talente. Ich glaube, dass er all diese Eigenschaften mitbringt.

Also ist er trotz des Fehlens ganz großer Regie-Meriten geeignet?

Bolwin: Natürlich muss man sich im Bewerbungsverfahren auch profilierte Regisseurinnen und Regisseure anschauen. Aber ich glaube, man hat sich manchmal zu leicht entschieden, etwa einem guten Regisseur ein großes Haus anzuvertrauen und hat damit weder dem Theater noch ihm selber einen Gefallen getan.

Können Sie Namen nennen?

Bolwin: Das möchte ich lieber nicht tun.

Wie gut kennen Sie von Maldeghems Salzburger Arbeit?

Bolwin: Ich selbst bin aufgrund eines Lehrauftrags am Mozarteum gelegentlich in Salzburg und schaue mir Aufführungen an. Es gibt dort gute und weniger gute Aufführungen, aber das ist eben überall so.

Man muss ja auch konstatieren, dass nicht jeder heute hochgeschätzte Intendant gleich an der Wiener Burg oder am Berliner Ensemble angefangen hat…

Bolwin: …da fiel mir ja schon in der Pressekonferenz Bernd Wilms ein, der zuerst Intendant in Ulm war, dann ans Maxim-Gorki-Theater und später ans Deutsche Theater berufen wurde. Dort gab es vorher ähnliche Befürchtungen wie jetzt teilweise in Köln, aber seine Arbeit hat den beiden Berliner Bühnen äußerst erfolgreiche Zeiten beschert.

Gibt es andere Beispiele?

Bolwin: Nun, jede Intendantenbiografie ist anders. Aber ein Wechsel von kleineren an größere Häuser ist absolut üblich. An der Semperoper in Dresden ist jetzt Peter Theiler Chef, der früher Intendant in Gelsenkirchen und dann in Nürnberg war. Oder Joachim Klement, zuvor Intendant in Braunschweig, leitet nun das Dresdner Staatsschauspiel.

Bewerten Sie die Kölner Intendantenwahl denn als besonders riskant?

Bolwin: Nein, da soll ein erfahrener Intendant nach Köln kommen, dem ich absolut zutraue, dass er diese Aufgabe gut meistern wird. Die Wahl ist vielleicht ungewöhnlich, aber das finde ich gerade spannend.

Inwiefern?

Bolwin: Weil man hier eben einmal davon abgewichen ist, nur nach den großen Regienamen zu schielen, sondern gefragt hat, ob man nicht jemandem mit einer anderen Vita ein solches Haus anvertrauen soll. Er steht für das Ensemble- und Repertoiretheater und hat ja sogar erklärt, sich das bestehende Kölner Ensemble genau anzuschauen. Auch seine Absicht, den Diskurs mit den Bürgern zu suchen, stimmt mich sehr zuversichtlich, dass sich die Erwartungen der Stadt mit dieser Personalie erfüllen werden.

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