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Im Bonner Kunstverein: Robert Seethaler liest aus seinem Roman "Der Trafikant"

Im Bonner Kunstverein : Robert Seethaler liest aus seinem Roman "Der Trafikant"

Das hat man selten: Autoren, die ihre eigenen Texte wunderbar interpretieren können und auch noch Entertainerqualitäten haben.

Moderatorin Claudine Engeser hatte mit ihrem Gast, dem in Berlin lebenden Wiener Robert See-thaler keine Mühe: "Soll ich noch was lesen, ich hab' noch was", sagte er ein ums andere Mal. Und das Publikum im Bonner Kunstverein konnte von Seethalers gleichermaßen delikater wie süffiger Prosa nicht genug kriegen.

Auf Einladung des Literaturhauses Bonn stellte der 46-Jährige ausgesprochen charmant und witzig seinen Roman "Der Trafikant" vor, der im vergangenen September erschienen ist. "Ich habe mir die Geschichte aus dem Herzen gedrückt", sagte Seethaler über das erste Buch, in dem er seine Wiener Heimat zum Thema macht. Allerdings aus historischer Perspektive.

Vordergründig geht es über den 17-jährigen Bauernburschen Franz Huchel vom Atterseee im Salzkammergut, der zum Onkel Otto Trsnjek in Wien in die Lehre gehen soll. Der Onkel hat "eine kleine Tabaktrafik", einen Laden, wo es Zigaretten und Zeitungen gibt. Wunderbar plastisch beschreibt Seethaler Franz' Bahnfahrt von der ländlichen Idylle in die Metropole.

"Unaufhörliches Brausen, ein Ineinander der Töne" empfangen den Jungen, es stinkt, "unter dem Straßenpflaster schien es zu gären". "Faulige Zeiten sind das nämlich. Faulig, verdorben und verkommen", sagt eine Frau auf dem Westbahnhof.

Es ist Sommer 1937, kein Jahr später annektieren die Nazis den Alpenstaat: der "Anschluss". Seethaler lässt die Historie ganz langsam in den Alltag einsickern, umso deutlicher sind die Signale, die Franz empfängt.

Dass der kranke, alte Sigmund Freud, der seine Zigarren in Ottos Trafik kauft, als "Jud" verunglimpft wird, registriert Franz mit Befremden, als sein Onkel von Gestapo-Männern zusammengeschlagen wird, opponiert er mutig. Seethaler geht mit seinem jungen Helden durch Höhen und Tiefen, er folgt ihm beim schüchternen Werben um die Tänzerin Anezka, und analysiert mit ihm die Zeichen der Zeit. Ein hinreißendes Buch.

Robert Seethaler: Der Trafikant. Kein & Aber, 249 S., 19,90 Euro