"Bonn ist eine finstere Stadt": Regisseur Johann Kresnik gestorben

"Bonn ist eine finstere Stadt" : Regisseur Johann Kresnik gestorben

Der Regisseur, Choreograf und Provokateur Johann Kresnik ist tot. Von 2003 bis 2008 war er Tanzchef in Bonn und zeigte unter anderem seine Produktion „Hannelore Kohl“. Ein Nachruf.

Die Beschimpfung des Publikums, zumal des Bonner Publikums, hat Beethovenfestchefin Nike Wagner nicht erfunden. Vor mehr als zehn Jahren legte der österreichische Choreograph, Tänzer und Regisseur Johann Kresnik schon mal vor und wetterte im „Spiegel“: „Bonn ist überhaupt eine finstere Stadt, ein Vorort von Köln und sonst nur noch Karneval.“ Und Theatermacher seien in Wirklichkeit Theaterabwickler, Politiker wollten die kritische Kunst nur kaputtsparen und Journalisten seien wie Rechtsanwälte: Meister in der Kunst, ihre Mitmenschen zu linken. Harte Worte eines Künstlers, der stets von sich sagte, er habe mit Wut im Bauch gearbeitet. Eine höchst produktive Wut.

In unserem Fall richtete sie sich gegen den damaligen Generalintendanten Klaus Weise und eine Bonner Kulturpolitik, die sich nicht durchringen wollten, 2008 seinen Vertrag als Chef der Tanzsparte zu verlängern. Worauf Kresnik hinwarf. Schlusspunkt einer wilden, hochinteressanten Tanzära, die von atemberaubenden Produktionen – und einer lausigen Platzausnutzung (Durchschnitt 40 Prozent) - geprägt war. Bonn spart sich seit der Kresnik-Zeit eine eigene Tanzsparte.

Am Samstag ist Kresnik im Alter von 79 Jahren in Klagenfurt gestorben, wie seine Vertraute, Heide-Marie Härtel vom Deutschen Tanzfilminstitut in Bremen, sagte. In der Hansestadt hatte er 1968 seine Karriere als Ballettmeister begonnen. Seine etwa 100 Tanz- und Theaterwerke riefen oft Skandale hervor, weil er grausame Bilder jenseits aller herkömmlichen Ballettästhetik schuf. Sie dienten dazu, seine politischen und gesellschaftskritischen Botschaften mit Vehemenz auf die Bühne zu bringen. In Wien hatte noch Anfang Juli die Neueinstudierung seines Balletts „Macbeth“ von 1988 das Festival ImpulsTanz eröffnet.

Verhaftet auf dem Weg nach Bonn

Kresnik wurde 1939 in St. Margarethen in Kärnten als Sohn eines Bergbauern geboren. Er begann seine Laufbahn als Tänzer in Graz und Köln (1964 bis 1968) und wechselte dann in die Choreographie. „Bald habe ich eigene Stücke selbst getanzt in Köln: 1967 Gedichte schizophrener Patienten 'O sela pei', ein Jahr darauf 'Paradies?' über das Attentat auf Rudi Dutschke“, sagte er in einem Interview. „Politisch-gesellschaftliche Themen für den Tanz gehörten von Anfang an zu meiner Linie. Beim Marsch von Köln nach Bonn 1968 gegen die Notstandsgesetze hat man mich übrigens das erste Mal verhaftet: als Ausländer, Mitglied der marxistischen Bewegung und so weiter. Nach zwei Tagen bin ich wieder freigekommen.“

Nach Bremen leitete er auch die Tanzsparten der Theater in Heidelberg, Bonn und an der Volksbühne in Berlin. Dort schuf er 2015 das Tanztheaterstück „Die 120 Tage von Sodom“.

Der bekennende Kommunist und Atheist zeigte getanzte Biografien „Paradies?“ (über Dutschke), „Ulrike Meinhof“, „Gudrun Ensslin“, „Rosa Luxemburg“, „Ernst Jünger“ und „Hannelore Kohl“. Auch in seinen „vertanzten“ Künstler-Biografien wie „Goya“, „Frida Kahlo“, „Brecht“, „Picasso“ oder „Pasolini“ ging es stets um Gesellschaftskritik.

„Ballett kann kämpfen, muss kämpfen“, war Kresniks Credo, „Theater muss aggressiv werden, neue Formen und Bilder schaffen, um den Zuschauer wieder neugierig zu machen.“

Die Produktion "Hannelore Kohl"

2003 bis 2008 prägte Kresnik mit seinem „Choreografischen Theater“ das Tanzleben der Bundesstadt Bonn. Die hielt den Atem an, als Kresnik 2004 „Hannelore Kohl“ herausbrachte und einen Skandal heraufbeschwor. Der nicht eintrat. Der bildersatte, spannende und voller Überraschungen steckende Parcours durch das Leben der durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Kanzlergattin wurde von Publikum und Kritik beinahe einhellig bejubelt. GA-Kritiker Ulrich Bumann schrieb über „Kresniks Theater der Deutlichkeit“: „Alle arbeiten mit bewundernswerter Hingabe an diesem Projekt, das niemand gezwungen ist goutieren, das aber in seiner künstlerischen Schlüssigkeit und Ernsthaftigkeit allen Gegnern eine bemerkenswerte Antwort gibt: faszinierendes Theater.“

Mit seinem getanzten „Ring der Nibelungen“ in einer von Provokateur Gottfried Helnwein gestalteten Bühne verabschiedete sich Kresnik von Bonn. In der GA-Kritik von Bernhard Hartmann liest man: „Kresnik bietet auch Bilder von geradezu poetischer Kraft.“

Besonders viel Aufsehen erregte Kresnik 2004 mit „Die Zehn Gebote“. In einer Bremer Kirche traten dabei sechs nackte Frauen auf, Kresnik arbeitete sich in dem Stück an den Sünden der modernen Gesellschaft wie Korruption, Kinderarbeit und Krieg ab.

Nach seiner Bonner Zeit arbeitete Kresnik frei. Kein Problem für ihn, wie er dem „Spiegel“ verriet: „Ich werde weiter Regie führen und mit meinen Tänzern reisen. Aus einer deutschen Klorolle kann ich jederzeit ein Stück machen. Weil ich damit erklären kann – wie beschissen hier vieles ist.“

(mit Material von dpa)

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