documenta 13: Raus aus dem Museum, hinein ins Leben

documenta 13 : Raus aus dem Museum, hinein ins Leben

Die documenta 13 glänzt in diesem Jahr mit vielen abenteuerlichen, bizarren und ergreifenden Kunstorten.

Sind Gärtner die besseren Künstler? Oder sind Künstler die besseren Gärtner? Diese Frage drängt sich bei der Karlsaue in Kassel auf, eine einseitig von der Fulda umspülte, von Kanälen und Seen durchzogene Parkinsel mit wunderbaren Achsen, die allesamt den Blick auf die honiggelb angemalte barocke Orangerie lenken.

Gartenarchitekten haben hier einen traumhaften Barockgarten angelegt, der an den Rändern Züge eines englischen Parks hat. Der ist auch ohne Kunst sehr schön. Zur documenta 13 aber ergreifen mehr als 50 Einzelkünstler und Gruppen von dem 1,5 Quadratkilometer großen Areal Besitz. Sie haben Entenhäuschen und die Bleibe des Gärtners besetzt, haben Brachen künstlerisch reaktiviert, gepflanzt und begrünt.

Und sie haben einen wahren Erlebnisparcours gesteckt, in dem, damit war bei der documenta-Chefin und Hundenärrin Carolyn Christov-Bakargiev fest zu rechnen, es auch einen Skulpturengarten für Hunde gibt. Die sollen daran nicht das Bein heben, sondern gefälligst etwas erleben und spüren. Und sich wer weiß wie Frauchen oder Herrchen mitteilen.

Gestresse Paare und neurotische Einzelgänger finden im Sanatorium auf der grünen Wiese von Pedro Reyes' Linderung, besessene Schrebergärtner und Freunde bizarrer Gehäuse werden auf dem riesigen Gelände, das Gareth Moore seit Anfang 2010 bereits mit Bauten aller Art gestaltet, Anregungen bekommen.

Die Karlsaue ist eine Spielwiese für viele. Für Sam Durant und seine wie ein Klettergerüst anmutende Ansammlung historischer Galgen ist sie der Ort für einen doch recht zynischen Beitrag zum Thema Todesstrafe, für Donna Haraway und Tue Greenfort schließlich ein Experimentierfeld zum Komplex Kunst und Tier. Das Archiv im Entenhaus gehört zu den Höhepunkten in der Karlsaue.

Die documenta 13 ist eine documenta der Außenorte. Noch nie hat sich die Weltkunstschau so sehr dezentralisiert. Dem Besucher sei empfohlen, viel Zeit mitzubringen. Jenseits des Fridericianums, wo Christov-Bakargiev das "Gehirn" der documenta angesiedelt hat, und der Documentahalle nebenan, in der der in London lebende Nürnberger Gustav Metzger (86) mit impulsiven Zeichnungen und zupackender Malerei wiederzuentdecken ist, passiert ungeheuer viel.

Der mobile Besucher ist gefragt. Der kann im benachbarten Naturkundemuseum Ottoneum Mark Dions bizarre Baumbuchrücken sehen, ein Arrangement mit Arbeiten des barocken Naturforschers und Sonderlings Carl Schildbach.

Maria Thereza Alves' ausuferndes öko-politisches Projekt umkreist eine Naturkatastrophe am mexikanischen Chalco-See. Nedko Solakov lässt im Brüder-Grimm-Museum seine wilden Ritterträume blühen. Mit Schutzhelm kann der Besucher die Stollen des Weinberg-Bunkers auf der Suche nach Kunst durchstreifen.

Im Ballsaal des 50er-Jahre-Grand-City-Hotel-Hessenland lässt Gerard Byrne auf sechs Projektionswänden Herren unter anderem über Sex parlieren. Nebenan hat Tino Sehgal einen Erfahrungsort der besonderen Art kreiert: In einem pechschwarzen Raum agieren rund um den "blinden" Besucher leibhaftige Tänzer und Sänger.

Nach diesen unorthodoxen Kunstorten fühlt man sich in der benachbarten, aufwendig sanierten und veredelten Neuen Galerie völlig fremd: Kunst im Kunstraum. Im Gedächtnis bleibt Andrea Büttners eindringliche Video-Recherche "Little Sisters" über den Orden der Kleinen Schwestern Jesu und Susan Hillers Sound-Installation, in der unzählige glückliche documenta-Besucher auf Sofas sitzen. Der Grund: Freiheitslieder erklingen aus der Juke-Box, von Lennons "Give Peace a Chance" bis zum jiddischen "Zog Nit Keymol".

Höhepunkt der diesjährigen documenta ist das Programm im Kulturbahnhof. Hier setzt sich eine Tendenz der aktuellen documenta fort: Raus aus dem musealen Raum, hinein ins Leben. Auch im übertragenen Sinn. Im weit verästelten Haupt- und Kulturbahnhof gibt es viele, großteils exzellente Arbeiten mit politischem Hintergrund, Videokunst in höchster technischer und inhaltlicher Qualität und Installationen, die den ruinösen Genius loci perfekt nutzen.

William Kentridges Raum "Refusal" mit fünf Projektionsflächen, die den Betrachter umzingeln und mit Animationsfilmen verstören, einer fantastischen Soundcollage und einer beharrlich arbeitenden Atemmaschine im Zentrum ist ganz großes Kino und große Oper. Ein Werk, das zu den Stars der documenta zählt. Clemens von Wedemeyers dreiaktiges Filmdrama "Muster" über das Kloster Breitenau bei Kassel, das Gefängnis, Konzentrations- und Arbeitslager, schließlich Heim für schwer erziehbare Mädchen war, geht unter die Haut. Das gilt auch für Willie Dohertys packendes Ökodrama "Secretion".

Selten war der Film so stark wie auf dieser documenta. Man sollte die Programme im Kaskade, Gloria und im Balikino nicht verpassen. Im Bali hatte am Freitagabend John Menicks "Starring Sigmund Freud" Premiere, eine Collage von Hits und Flops sämtlicher Freud-Darsteller im Kino. Schön verrückt.

Documenta, Kassel; bis 16. September. Täglich 10-20 Uhr. Tageskarte 20/14 Euro, Dauerkarte 100/70 Euro.

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