Von Lima nach Bonn: Rätselhafte Hochkultur

Von Lima nach Bonn : Rätselhafte Hochkultur

Die Bundeskunsthalle blickt mit einer Nasca-Ausstellung auf eine mythische Gesellschaft in Peru.

Es ist aus europäischer Perspektive nicht gerade leicht, sich eine Gesellschaft im Westen Südamerikas vor Augen zu führen, die zu der Zeit eine ausgeprägte Hochkultur dargestellt hat, in der andernorts ein junger Mann namens Jesus von Nazareth seine Werke vollbrachte und der Alpenraum von den Römern beherrscht wurde. Im besten Fall schaffen es dann Museen, die Realität von vor 2000 Jahren in die Gegenwart zu transportieren, Vergangenes ein Stück weit real werden zu lassen.

Der Bundeskunsthalle gelingt dies exzellent mit ihrer Ausstellung „Nasca. Im Zeichen der Götter – Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus“, die ab Donnerstag zu sehen ist. „Wir gehen zurück in der Zeit und weit in die Welt hinaus“, sagt Intendant Rein Wolfs in Bezug auf die zuletzt eher zeitgenössischen neuen Schauen seines Hauses. Ursprünglich stammt die Ausstellung aus dem Museo de Arte in Lima, gemeinsam kuratiert wurde sie mit dem Museum Rietberg in Zürich, wo sie ebenfalls schon gezeigt wurde und großen Zuspruch erfuhr.

Zentral und auch über die Grenzen Perus bekannt sind vor allem die kilometergroßen Bodenzeichnungen, mit der die Nasca die unwirtliche Landschaft zwischen engen, fruchtbaren Tälern und dem kargen Anden-Hochland eindrucksvoll prägten. Die Wissenschaft, deren Erkenntnisse der vergangenen 30 Jahre das Wissen über die Nasca extrem erweitert und diese Ausstellung erst möglich machten, hat den Begriff Geoglyphen für diese beeindruckenden Gebilde geprägt, die ursprünglich nicht dafür gemacht wurden, um gesehen zu werden, und nur aus der Vogelperspektive als Ganzes zu erkennen sind.

Dem Verfall der Jahrhunderte standgehalten

Die Ausstellung zeigt dies multimedial sehr anschaulich aufbereitet, setzt aber auch weitere Schwerpunkte: Viele fein bemalte Tongefäße, Musikinstrumente wie große Trommeln und vor allem mehrere Quadratmeter große Stoffe werden in einer kaum vorstellbaren Qualität gezeigt. Dank des trockenen Klimas in der Anden-Region haben viele dieser meist als Grabbeilagen angefertigten Exponate, die ausschließlich aus peruanischen Sammlungen stammen, dem Verfall über Jahrhunderte standgehalten. Neben den Tongefäßen, die eine reduzierte, aber starke Bildsprache prägt, stechen vor allem die Grabbündel hervor. Der Schweizer Kurator Peter Fux spricht sogar von einer „archäologischen Weltsensation“. Es handelt sich um feine Wolltücher, die mit Pflanzenfarben bemalt und Stickereien verziert als letzte Stoffschicht um die Toten aus höheren Schichten der Nasca-Gesellschaft gewickelt wurden – passend zu deren Ahnenkult. 400 von ihnen wurden entdeckt, in Lima aufwendig restauriert und konserviert – die besten sind nun in Bonn zu sehen. Und das in einer Farbenpracht, die die Tücher – effektvoll in bodennahen Vitrinen gezeigt – wie neu erscheinen lässt.

Die geometrischen Formen, die sich in nahezu allen Exponaten wiederfinden, wirken im Zusammenspiel mit den feinen Mustern und farbigen Zeichnungen teilweise überaus modern. Manches erinnert in seiner Comichaftigkeit gar an die Figuren des Pop-Art-Künstlers Keith Haring. Dass neben Symmetrie auch Riten und Kulte eine bedeutende Rolle in der Nasca-Gesellschaft spielten, verdeutlicht der Zweck der Geoglyphen: Da diese aus einer durchgehenden Linie entstanden und oft einer spiralförmigen Geometrie folgen, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Menschen damals, oft berauscht vom Meskalin der Kakteen, in großer Zahl rituell durch die riesigen Bodenzeichnungen marschierten. „Je mehr Menschen in der Zeichnung unterwegs waren, um so eher erschloss sich ihre Form“, sagt Fux. „Die Bodenzeichnungen waren Ritualplätze, das Begehen dieser Zeichnungen also sehr wichtig.“

Die Ausstellung macht aber vor allem eines deutlich: Dass hinter den berühmten Bodenbildern eine mythisch-religiöse Gesellschaft existierte, die sich in einem der ex-tremsten Gebiete des Planeten rund 1000 Jahre behauptet hat und durch sehr viel mehr definiert war als bisher bekannt.

Die Ausstellung läuft bis 16. September. Eintritt: 10, ermäßigt 6,50 Euro.

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