Bonn Jazz Orchester: Oliver Pospiech leitet die letzten Proben vor dem Auftritt im Landesmuseum

Bonn Jazz Orchester : Oliver Pospiech leitet die letzten Proben vor dem Auftritt im Landesmuseum

Pospiech lässt es für heute gut sein. Es war für alle ein langer Tag. Er packt die Noten in einen grauen Container. Neun davon hat er in seinem Keller stehen, der Schatz der Band, Stoff für viele Konzerte. Und dann hat er Zeit für ein Gespräch.

Rückblende: Sonntagabend in Bonn. Tote Hose in der City. Nicht überall: In einem versteckten Probenraum treibt eine dreiköpfige Rhythmusgruppe strahlendes, lautes Blech an. Gut 20 Jazzmusiker sitzen einander im Quadrat gegenüber: Ein Block für Schlagzeug, Bass und Piano, einer für die Posaunen, einer für die Trompeten und einer für die Saxofone. Es geht richtig ab.

Bis einer im Posaunenblock die Hand hebt, die Meute zum Schweigen bringt: Bandchef Olivier Pospiech ist ein mitspielender Leader. Ein zufriedener Boss. "Das war erschreckend gut", sagt er, "ich habe keine Fehler gehört". Eigentlich ein gutes Zeichen für die erste von zwei Proben und einer Generalprobe für den Auftritt des Bonn Jazz Orchesters am 16. September im Landesmuseum.

Die "schwierige Triolenverschiebung" hat geklappt, auch das "Blending" hat gestimmt, meint Pospiech, "wir brauchen eigentlich keine Probe mehr".

Doch dann: "Takt 15, der zweite Ton soll kurz sein" und "noch einmal ab 21" und "lass' uns die Bridge noch einmal machen". Tenorist Torsten Thomas hat noch Abstimmungsbedarf für sein Solo: "Der Anfang ist etwas schwierig, da muss ich mich noch reinfuddeln". Die Bigband hangelt sich von "Falle" (Pospiech) zu "Falle". Am Ende klingt das wunderbare Arrangement - frei nach einer Nummer von Jimi Hendrix ("Up from the skies") -, wie es klingen soll.

Nächstes Stück: Der Latinodrive von "Sambanice" ist ab der ersten Note da, die gefühlte Temperatur steigt. "Das funktioniert", meint Pospiech, eine sichere Bank für das Konzertprogramm. "Noch Fragen?"

Posaunist Dave Horler, Urgestein, das mit der WDR-Bigband, bei Bob Brookmeyer und Quincy Jones gespielt hat, wünscht sich eine Ballade fürs Programm, geht zu seiner Tasche, kramt einen kompletten Notensatz des Klassikers "I can't get started" hervor. Der wird verteilt und vom Blatt gespielt.

Eine Option fürs nächste Konzert. "Ich würde es gerne machen", sagt Pospiech und lässt einen "Versuchsballon" aufsteigen: "Off the Cuff" ist ein vertracktes Ding, das die Musiker an ihre Grenzen bringt. "Das muss auch mal sein", sagt der Bandleader später. "Ich habe es tausend Mal gespielt", sagt Dave Horler, "es geht immer schief, es ist einfach verdammt schwer".

Waren die Jungs heute gut?
Oliver Pospiech: Ja, sie waren gut. Auch sehr selbstkritisch - was auch gut ist. Es gibt bei den Instrumentalgruppen ja unterschiedliche Haltungen. Manche Musiker sind total still, ganz konzentriert, andere sind unruhig. Da läuft viel parallel. Und dann gibt es die ganz Fleißigen. Im Lauf der Zeit passen sich die Temperamente an.

Wie kommt das Bonn Jazz Orchester zu seinen Stücken?
Pospiech: Ich höre oft irgendwelche Jazz-Platten, fange dann an zu recherchieren: Wer hat das Stück geschrieben? Gibt es Noten? Kann man die kaufen? Oft kennen wir die Arrangeure, nehmen Kontakt auf.

Zum wem beispielsweise?
Pospiech: Wir spielen zum Beispiel Stücke von Jim McNeely. Es gibt verschiedenste Wege, wie die Noten zu uns kommen. Wenn mir ein Stück gefällt und die Noten verschollen sind, höre ich die Musik heraus, notiere Note für Note, transkribiere sie für die einzelnen Instrumente.

Und wie geht es dann weiter?
Pospiech: Ich schicke die Noten als Pdf und die Musik als mp3-Datei an die Bandmitglieder. Und wenn's gut läuft, sprechen wir darüber. Leider zu wenig. Ich habe bewusst etwas zu viel und einige sehr schwere Stücke geschickt, um zu sehen, wie weit man gehen kann, wo die Grenzen sind.

Bei "Off the Cuff" gab es eine richtige Debatte. Trompeter Frank Wiesen meinte, das sei "scheiß anstrengend" und eine Überforderung des Publikums. Shawn Spicer am Baritonsaxofon fand, man müsse auch mal einen harten Brocken erarbeiten.
Pospiech: Die Debatte hat mir gefallen. Das war ein Testballon. Die Band muss selbst entscheiden, wo sie hin will. Ich will sie nicht zwingen.

Und "Off the Cuff", ein wirklich tolles Stück von Jim McNeely, fliegt aus dem Programm?
Pospiech: Wir werden es erst einmal nicht im Konzert spielen. Aber wir bleiben dran.

Steht denn das Programm für das Konzert im Landesmuseum schon.
Pospiech: Nein. Ich wollte heute in der ersten Probe einiges testen. Mal sehen wo's hin geht. Es gibt Stücke, die überhaupt kein Problem sind. Die sind sicher gesetzt.

Drei Proben. Reicht das?
Pospiech: Die Musiker konzentrieren sich beim Konzert Tausend mal mehr als bei der Probe. Das sind alles Profimusiker. Ich habe lange genug Bigbands geleitet. Ich weiß wie das geht. Wenn in der Generalprobe alles schief läuft, weiß ich: Das wird nicht noch einmal passieren. Die Jungs gehen nach Hause und üben erst einmal. Wenn die Generalprobe aber gut läuft, gehen alle locker nach Hause, machen Party. Und fallen beim Konzert auf die Nase.

Wie sind Sie eigentlich zur Posaune gekommen?
Pospiech: Erinnern Sie sich noch an das Sonntagskonzert im ZDF, in Schwarz-Weiß, es gab nur drei Programme? Ich habe das Konzert damals mit meinen Mutter gesehen, sah diese glitzernden, strahlenden Instrumente. Und wusste, dass ich Trompete lernen wollte. Später ging ich mit meiner Mutter zur Musikschule. Der Lehrer war gerissen, hatte unter seinen Schülern 20 für Trompete, drei für Posaune. Er schlug die Posaune vor - angeblich wegen meines Zahnstands. Das war natürlich Quatsch (er zeigt seine makellosen Zähne). Der Lehrer meinte wohl, ich merke das nicht. Erst Jahre später habe ich kapiert, dass das eine musikschulpolitische Entscheidung war. Wenn ich damals etwas forscher gewesen wäre, würde ich heute Trompete spielen.

Wann kamen Sie auf die Jazzschiene?
Pospiech: Schon sehr früh. Auch durch meine Eltern. Die sind am Wochenende in die Jazzgalerie in der Oxfordstraße gegangen, die damals noch ein echter Jazz-Club war. Als ich zwölf war, haben sie mich mitgenommen. Da spielten die Semmel's Hot Shots. Ich war völlig begeistert. Ein paar Jahre später habe ich sie kennen gelernt und mit ihnen gespielt.

Ist Bonn ein gutes Pflaster für Jazzmusik?
Pospiech: Ja, aber es war schon einmal besser. Wir haben in Bonn erstaunlich gute Jazzmusiker. Die Szene steht und fällt aber mit den Spielorten, den Jazz-Clubs. Es gab die Jazzgalerie, es gab das Syndikat im Florentiusgraben und Thomas Kimmerles Club an der Reuterstraße.

Und heute?
Pospiech: Sobald ein Club stirbt, stirbt auch die Szene. Im Moment haben wir keine Plattform. Und die Konzertorte haben Vor- und Nachteile für Bigbands: Das Forum der Bundeskunsthalle ist ideal, aber nicht bezahlbar; die Harmonie hat eine tolle Atmosphäre, aber die Bühne ist so klein, dass wir mit einem Keyboard statt Klavier spielen müssen. Ich bin jetzt auf das Landesmuseum gespannt. Wir sind noch auf der Suche nach einem geeigneten Jazz-Club. Er sollte zentral gelegen sein, nicht zu teuer sein. Und kein Stress mit Nachbarn.

Es gäbe ja auch noch das Jazzfest Bonn, das sich den innovativen Jazz auf die Fahnen geschrieben hat. Der Bigbandjazz hat sich doch seit Glenn Millers "In the Mood" wahnsinnig entwickelt. Sie arbeiten mit sehr kreativen Arrangeuren und Komponisten zusammen. Wenn das nicht innovativ ist.
Pospiech: Daran arbeiten wir ja auch. "In the Mood" kann man wirklich nicht mehr spielen. Man will als Musiker ja auch gefordert werden. Ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr Kompositionen von Mitgliedern der Band spielen. Wir haben gute Leute. Es gibt Pläne für ein gemeinsames Projekt mit Markus Schinkel - Beethoven mit Bigband.

Von Bigband und Beethoven zum Karneval. Sie sind musikalischer Leiter der Kölner "Stunksitzung". Wie kam es dazu?
Pospiech: Das ist lange her. Da ist ein Posaunist ausgefallen. Die Musiker von Köbes Underground - die Hälfte kommt aus Bonn - kannten mich. Dann bin ich eingestiegen. Das war vor 20 Jahren. Das macht Spaß, aber vergleichen mit der Bigband kann man es nicht. Meine Aufgabe bei der "Stunksitzung" ist, etwas mehr Pep in die Musik zu bringen.

Sie haben gut zu tun.
Pospiech: Ich helfe bei der WDR-Bigband aus, spiele bei Bigbandprojekten in Köln, Aachen und Koblenz. Und schreibe viel. Bin pausenlos beschäftigt.

Zeit zu träumen?
Pospiech: Ja, vielleicht gibt es einmal einen Gönner, einen Sponsor für das Bonn Jazz Orchester. Es gab da mal diesen Mann, der das Stadthaus neu bauen wollte. Wir brauchen keine 50 Millionen. Wir wären mit weniger zufrieden.