Interview mit Jukka-Pekka Saraste: „Ohne Worte geht es besser“

Interview mit Jukka-Pekka Saraste : „Ohne Worte geht es besser“

Der Dirigent Jukka-Pekka Saraste spricht über seine Arbeit mit dem WDR Sinfonierorchester Köln und über die hohe Kunst, sinfonische Musik von Beethoven und Brahms zu interpretieren.

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Wie gut muss ein Dirigent vorbereitet sein, wenn er zur ersten Probe kommt?

Saraste: Das Wichtigste ist, dass das musikalische Konzept fertig ist. Alle Charaktere und alle Interpretationen müssen kristallklar sein. Wie viele Details man in dieser Phase probieren kann, ist dann relativ. Für die Stimmung und die Interpretation ist das erste Mal wichtig – das erste Durchspielen, bei dem deutlich wird, was man emotional braucht, um diese langen Linien zu zeigen. Das geht ohne Worte besser, als wenn man die Interpretation zuerst bespricht.

Es gibt auch Dirigenten, die beim Proben sehr viel reden.

Saraste: Wie man zu den besten Ergebnissen kommt, hat mit dem ganz persönlichen Stil jedes Dirigenten zu tun.

Ist es ein Unterschied, ob man ein großes komplexes Werk wie die Dritte Mahler hat oder eine frühe Mozart-Sinfonie?

Saraste: Bei Mozart muss man viele Sachen erklären, wie man den klassischen Stil interpretiert, wie viel Vibrato und Artikulation. Das braucht Zeit. Mahler ist für ein modernes Sinfonieorchester eine ganz selbstverständliche Musik, vor allem in der deutschen Tradition. Das ist hier viel leichter zu realisieren als in den skandinavischen Ländern. Auch wenn die Orchester dort musikalisch sehr gut sind. Aber der Klang aus Deutschland und Österreich, die mitteleuropäische Tradition, das ist sehr Mahler-nah.

Sie sind seit 2010 Chefdirigent des WDR Sinfonieorchester Köln. Wie würden Sie beschreiben, was sich in dieser Zeit zwischen Ihnen und dem Orchester entwickelt hat?

Saraste: Alles ist persönlicher geworden. Es wird jeden Tag selbstverständlicher, mit und über Musik zu kommunizieren. Ich glaube, wir haben jetzt ein Niveau erreicht, das für beide Seiten unglaublich stimulierend ist.

Würden Sie sagen, dass Köln eine echte Musikstadt ist?

Saraste: Ja, auf jeden Fall. Wir hatten kürzlich 6000 Zuhörer bei Mahlers dritter Sinfonie. Das ist hervorragend. Auch die anderen Konzerte sind sehr gut besucht. Wir können wirklich nicht klagen.

Ist die Atmosphäre hier eine andere als beispielsweise in Oslo oder Toronto, wo Sie auch Chef gewesen sind?

Saraste: Ja, sicherlich. In Köln ist es sehr spontan. Ich finde, die Leute hier sind sehr freundlich, energisch und kreativ.

Welche Rolle spielt die Stadt, wenn Sie ein neues Konzertprogramm entwickeln?

Saraste: Am Anfang dachte ich, dass ich nicht so viel Sibelius machen kann. Ich müsste mit anderen Werken beginnen, Strawinski und Schönberg. Später dann mit Beethoven und Brahms weitermachen. Und ich muss sagen, Beethoven und Brahms sind wirklich wichtige Komponisten in meiner Zusammenarbeit mit dem WDR Sinfonieorchester geblieben. Die Zyklen mit den Werken dieser Komponisten waren sehr erfolgreich. Das ist vielleicht der wichtigste Faktor, der unsere Zusammenarbeit so gut hat werden lassen: Die Charaktere, die wir bei Brahms und Beethoven erarbeitet haben, darauf konnten wir aufbauen. Beethoven wird ja immer gespielt. Aber wirklich gutes Beethovenspiel finden Sie bei Sinfonieorchestern sehr, sehr selten.

Was macht das gute Beethovenspiel aus? Nikolaus Harnoncourt hat in seiner letzten Aufnahme zum Beispiel auf Originalinstrumenten spielen lassen. Ist das relevant?

Saraste: Nein, das finde ich nicht. Das mag für Pauken und Trompeten seine Berechtigung haben, aber mit den anderen Instrumenten kann man arbeiten.

Was macht eine gute Beethoven-Interpretation so schwierig?

Saraste: Manchmal reagieren die Orchester ein bisschen zu langsam. Das geht bei Beethoven überhaupt nicht. Die Musik braucht die Aktivität, den Drive. Das kann schon mal etwas dauern, bis die Musiker das umgesetzt haben. Es gibt Orchester, die sehr gut Ravel und Debussy spielen, aber Beethoven gar nicht können. Oder Brahms. Da bin ich sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit dem WDR Sinfonieorchester Köln.

Auch bei Brahms ist der Rhythmus ja von großer Bedeutung.

Saraste: Klar, einerseits der Rhythmus, aber vor allem die Freiheit in der Phrasierung im Rhythmus. Wie sind die Phrasierungsperioden, zwei- oder viertaktig? Ich hasse diese metronomische Idee, ein Dirigent sollte kein Metronom sein. Aber wenn man lebendig und inspiriert dirigiert, kann es durchaus sein, dass es exakt metronomisch wird...

Können Sie knapp skizzieren, was Sie sich für die nächste Saison ausgedacht haben?

Saraste: Den Anfang macht Bruckners Fünfte – für mich seine wichtigste Sinfonie, da steckt die ganze Musikgeschichte drin –, am Ende spielen wir Mahlers Neunte. Und dazwischen haben wir Bartók im Fokus, wir wollen den Charakter seiner Musik finden. Zudem beenden wir den Brahms-Zyklus.

Inwieweit profitiert das Orchester von der Arbeit mit Gastdirigenten? Und hat das Einfluss auch auf Ihre Arbeit mit dem Orchester?

Saraste: Das Interesse des Orchesters an den Gastdirigenten ist sehr groß. Und das hilft auch mir sehr. Es ist wichtig, dass in den Wochen, in denen ich nicht persönlich hier bin, inspirierte Produktionen stattfinden.

Haben Sie ein Ziel, wo Sie mit dem Orchester hin möchten? Kann man da überhaupt ein Ziel formulieren?

Saraste: Zum Beispiel war ich nach der Probe zu Mahlers Dritter glücklich, wie viele schöne Impulse es vom Orchester, von den Solisten, von den individuellen Musikern gab. Das ist immer ein Ziel unserer Zusammenarbeit: nicht über Regeln zu funktionieren, sondern als lebender Organismus. Es herrscht eine lebendige Kommunikation zwischen dem Orchester und mir. Es ist eine sehr große Freude, das ins Repertoire hineinzutragen. Mir hat jemand gesagt, dass wir bis heute 120 Werke gespielt haben. Aber es gibt ja noch viel mehr. Für mich ist es sehr interessant, Möglichkeiten auszuloten, um zeitgenössische Komponisten hierher zu bringen. Wir haben zwar eine separate Reihe „Musik der Zeit“, aber es ist auch wichtig, Erst- und Uraufführungen in den Abonnement-Konzerten zu spielen. Ich wünsche mir, davon noch mehr zu machen. Es gibt zum Beispiel zurzeit viele spannende Ansätze, was neue Solokonzerte angeht.

Freitag, 17. Juni, 20 Uhr, Kölner Philharmonie: „Sibelius III“, Frank Peter Zimmermann (Violine), WDR Sinfonieorchester, Jukka-Pekka Saraste (Dirigent): Peter Tschaikowsky (Violinkonzert D-Dur), Jean Sibelius (Sinfonie Nr. 6 d-Moll und Sinfonie Nr. 7 C-Dur). Radio-Live-Übertragung auf WDR 3. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.