1. News
  2. Kultur & Medien
  3. Regional

Drohende Stille im Collegium: Musikleben an der Bonner Uni in der Krise

Drohende Stille im Collegium : Musikleben an der Bonner Uni in der Krise

Im Bonner Collegium musicum herrscht Krisenstimmung. Hintergrund sind Probleme bei der Neubesetzung der seit Ende des Wintersemesters vakanten Stelle des Akademischen Musikdirektors. André Kellinghaus, der in dieser Funktion 2012 als Nachfolger von Walter L. Mik nach Bonn gekommen war, hatte bereits im Juli 2013 seinen Abschied angekündigt.

In dem verstrichenen halben Jahr war es jedoch nicht gelungen, rechtzeitig eine Nachfolge zu installieren. Nun lehnt die Universitätsführung auch eine Interimslösung ab. Kellinghaus selbst wie auch weitere Musiker aus Bonn hatten Bereitschaft signalisiert, die Arbeit im nächsten halben Jahr zu übernehmen. Doch im kommenden Sommersemester wird es wohl zum ersten Mal in der 60 Jahre alten Geschichte des Collegium musicum weder Proben noch Aufführungen geben: Chor und Orchester wurden angewiesen, die Schlüssel zu den Räumen zurückzugeben.

Am Dienstagabend trafen sich die Ensembles des Collegium musicum - Orchester, Chor, Camerata musicala und Uni Big Band - zu einer Krisensitzung. Die Mehrheit der 400 Mitglieder unterstützen den Inhalt eines offenen Briefes an Uni-Rektor Jürgen Fohrmann, der mittlerweile vorliegt. Darin fordern die Unterzeichner unter anderem die Bestellung eines kommissarischen Collegium-Leiters sowie eine Beteiligung der Mitglieder bei der Entscheidung über eine Neubesetzung des Amtes.

Unterstützung für ihr Anliegen finden sie bei den bisherigen Leitern der Institution Kellinghaus, Mik und dem heute 88-jährigen Gründer des Collegium musicum Emil Platen. "Das Verfahren, einen Nachfolger zu finden, war ein sehr chaotisches", beschreibt Platen die Vorgänge der vergangenen Wochen.

Für Unruhe sorgt im Collegium zudem, dass die Kultur an der Bonner Universität derzeit neu organisiert wird. Im vergangenen Jahr hatte Uni-Rektor Fohrmann mit der Literaturwissenschaftlerin und Theologin Anja Stadler erstmals eine Kulturintendantin bestellt. Sie soll das studentische Kulturleben auf eine neue organisatorische Basis stellen. "Es geht darum, eine langfristige Lösung zu finden", sagte Uni-Sprecher Andreas Archut gestern auf Anfrage.

Für Kellinghaus war die Einrichtung der Intendanz als "Zwischeneben" allerdings der Grund für seinen Rückzug. Der frühere Chordirektor an der Komischen Oper in Berlin sah darin seine Kompetenzen zu sehr beschnitten. "Früher hatten wir einen festen Etat, jetzt muss jede einzelne Ausgabe mit der Intendanz abgesprochen werden", sagte Kellinghaus dieser Zeitung. "Damit ist die Unabhängigkeit des Collegium musicum beeinträchtigt." Anfang Februar dirigierte er zum letzten Mal Chor und Orchester des Collegium musicum in der Uni-Aula. Auf dem Programm: Verdis "Requiem".

Dass sein Rückzug das Collegium musicum in eine solche Krise stürzen würde, überraschte Kellinghaus dann doch. "Mir schien die Veränderung nicht so dramatisch", sagte er, die neuen Strukturen seien zwar für ihn persönlich nicht tragbar gewesen, aber ein anderer hätte sich damit seiner Ansicht nach arrangieren können.

Doch dieser Andere lässt weiter auf sich warten. Nachdem ein erster, von der Uni-Leitung vorgeschlagener Kandidat beim Probedirigat die studentischen Musiker und Sänger nicht überzeugt hatte, wurde eine Findungskommission eingerichtet. Über deren Zusammensetzung herrschte jedoch große Uneinigkeit zwischen Uni und Collegium musicum, so dass ein für den 8. März vorgesehener Termin mit fünf Kandidaten durch die Kulturintendantin kurzfristig abgesagt wurde.

Immerhin erscheint eine als Reaktion auf den offenen Brief von Uni-Sprecher Archut verbreitete Pressemitteilung den studentischen Musikern als Versprechen auf den Fortbestand der Einrichtung. In der Mitteilung heißt es: "Auch in Zukunft wird das studentische Musizieren - ebenso wie die vielfältigen anderen kulturellen Aktivitäten - einen breiten Raum in der Universität Bonn einnehmen. Von Kürzungen kann nicht die Rede sein - im Gegenteil, der universitäre Kulturbetrieb soll insgesamt sogar spürbar ausgeweitet werden."

Der drohende halbjährige Stillstand für Chor und Orchester ist für Chorsprecherin Magdalena Möhlenkamp dennoch nicht hinnehmbar. Sie wies gestern darauf hin, dass die meisten Studierenden ohnehin nur zwei Jahre in Bonn verbringen würden. "Das Collegium ist die zentrale Institution für studentische Kultur", sagt die 27-jährige Jura-Studentin. Die fehle vor allem den Neuankömmlingen. Verstummen wollen Chor und Orchester auch ohne Schlüssel zu den Proberäumen im Sommersemester nicht. Möhlenkamp: "Wir sind fest entschlossen, weiterzumusizieren." Vielleicht erfüllt sich ihre Hoffnung auf eine Interimslösung ja doch noch. Das Problem scheint ihr nicht unlösbar: "Es fehlt am Willen, nicht an Möglichkeiten."