Musicaldome: Besuch vom Planeten "Transsexual"

Musicaldome: Besuch vom Planeten "Transsexual"

Ein toller Spaß für Musicalfans: Die Deutschlandtour der "Rocky Horror Show" feierte in Köln Premiere. Aufführungen finden noch täglich -außer montags -bis zum 10.Juli statt.

Köln. Reis werfen ist verboten. Handelt sich schließlich um ein Lebensmittel. Damit erschöpft sich in der Rocky Horror Show freilich auch schon das Zugeständnis an die Political Correctness. Das gilt nicht nur für die reichlich bizarre Handlung des Musicals, sondern auch fürs Publikum. In den vergangenen 38 Jahren, seit Richard O'Briens Musical in London uraufgeführt wurde, hat es sich einen aktiven Part im Stück erkämpft. Selbst in den Kinosälen, wo die Filmversion zwei Jahre später anlief, mag es nicht untätig im Sessel verharren.

In Köln, wo jetzt der Auftakt der aktuellen Deutschland-Tour Premiere hatte, verkniff man sich nun zwar das Reis-Werfen, aber viele kamen in bunten Miedern in den ausverkauften Musicaldome; ein Fan fiel als Rocky-Double auf, zeigte ganz viel nackte Haut und sehr wenig Stoff, der sich auf ein knappes, hautenges goldenes Höschen konzentrierte. Die Akteure auf der Bühne wurden tanzend und singend unterstützt, als die großartige sechsköpfige Band "Let's Do The Time Warp Again" anstimmte.

Viele Theater-Besucher, unter denen auch Köln-Promis wie Marieluise Marjan, Joey Kelly oder Wolfgang Niedecken gesichtet wurden, hätten die englischen Texte sicher auswendig mitsprechen können. Man reagierte stets aufs Stichwort. Bei jeder Erwähnung des Namen Dr. Scott folgte das kräftige "Hu" auf der Stelle; als der schrille Frank'n'Furter lasziv "Antici..." hauchte und eine kleine Kunstpause einlegte, forderte das Publikum nachdrücklich "Say it!". Der Mann mit den Strapsen ließ sich nicht lang bitten und ergänzte so melodisch, wie es wohl nur Briten können: "...pation".

Service Bis zum 10. Juli täglich außer montags im Musicaldome. Vom 20. September bis 2. Oktober im Düsseldorfer Capitol Theater. Karten in den Zweigstellen des General-Anzeigers oder bei bonnticket.deDass es zu Beginn er Handlung, wenn das biedere Paar Brad und Janet in ein Unwetter gerät, nicht nur auf der Bühne regnet, sondern auch aus zig Wasserpistolen - damit muss man als Besucher rechnen. Will man nicht nass werden, empfiehlt es sich daher, eine mitgebrachte Tageszeitung übers Haupt zu halten.

Die junge Frau und ihr Verlobter suchen Schutz in einem halb verfallenen, von dem unheimlichen Butler Riff Raff bewachten Schloss, das sich als geheimnisvolles Labor entpuppt. Hier ist der Wissenschaftler Frank'n'Furter vom Planeten Transsexual dabei, einem künstlichen Menschen das Leben einzuhauchen. Das Paar kommt gerade pünktlich zur Geburt des Wesens, das sich Frank'n'Furter ganz nach seinem Geschmack geschaffen hat: ein Lustknabe, der auf den Namen Rocky hört. Zugleich verfallen Brad und Janis immer mehr dem erotischen Charisma des Wissenschaftlers, der sie denn auch beide verführt.

O'Briens Musical ist vor allem eine Persiflage auf Hollywoods B-Movies, die sich in den 30er Jahren etabliert hatten. Meist billig inszenierte Horror-Filme mit wackeligen Kulissen und putzigen Monstern. Oftmals erlangten Filme wie "Tarantula" Kultstatus. Die Rocky Horror Show zitiert sie genüsslich.

Frank'n'Furters Labor hat im Grunde alles, was einen Horrorfilm des B-Genres ausmacht: Seltsame Schaltpulte, einen Vorhang, hinter dem wunderlich Dinge geschehen, Monitore mit ruckelnden Schwarz-Weiß-Bildern. Alles wirkt hier so übertrieben trashig, dass selbst der Schock nach der brutalen Ermordung Eddies durch die Hand des eifersüchtigen Frank'n'Furter von nicht besonders nachhaltiger Wirkung ist. Die schrille Show will vor allem eines: Spaß bereiten. Und das tut sie mit toller Musik und mitreißenden Tanzszenen. Am Ende gibt es natürlich Standing Ovations.

Ein Ereignis ist vor allem der Brite Rob Fowler in der Rolle des Frank'n'Furter. Stimmlich kommt er seinem Film-Vorbild Tim Curry sehr nahe. Er schafft es, die männliche und die weibliche Seite seiner Figur in perfekter Balance zu halten. Er wirkt stark, kraftvoll und stolziert zugleich völlig souverän in Netzstrumpfhosen und High Heels über die Bühne.

Brad und Janet finden in Jon Hawkins und Daisy Wood-Davis zwei Darsteller, die den Wandel von den grauen Vorstadtmäusen zu den schrill-bunten Burlesque-Hedonisten perfekt hinbekommen. Matt McKenna gibt einen auch stimmlich grandiosen Riff Raff, Djalenga Scott überzeugt als Magenta, Kerry Winter ist eine tolle Culumbia, Sam Cassidy weckt als Rocky trotz muskulösen Sixpacks Beschützerinstinkte. Sean Kingsley überzeugt vor allem als Dr. Scott im Rollstuhl. Sein kurzer Auftritt als Eddie ist hingegen optisch eher gelungen als musikalisch.

In "Hot Patootie - Bless My Soul" kann er Meatloafs Film-Auftritt nicht das Wasser reichen.

Und dann gibt es da noch den Erzähler, dem jedes Mal, wenn er die Bühne betritt, ein "boring!" - langweilig! - aus dem Publikum entgegenschallt. Auch das ist Kult. Sky Dumont, der als einziger Deutsch spricht, stellt sich dieser undankbaren Aufgabe ganz gentlemanlike. "Hey, Leute", erwidert er den "Boring"-Rufen, "ihr müsst das nur einmal hören. Ich muss das aber jeden Abend sagen."