Mittelalter ohne Mummenschanz

Endzeit-Fragmente im Rheinischen Landesmuseum Bonn

Bonn. Das Musikleben in Bonn ist um einen Aufführungsort reicher - die "Oberlichthalle" im ersten Geschoss des Rheinischen Landesmuseums, so genannt wegen des schönen Tonnendachs aus dezentem Mattglas. Nach einer längeren Phase des Dornröschenschlafs wurde der Raum für Konzertzwecke neu hergerichtet. Zu Gast war jetzt das Kölner Ensemble "Sequentia" in einer Zweier-Besetzung mit dem Gründer, dem Sänger und Harfenisten Benjamin Bagby und dem Flötisten Norbert Rodenkirchen.

Als Instrumentarium hatten sie mittelalterliche Harfen, Flöten und eine Drehleier dabei. Das Programm: "Endzeit-Fragmente", Ausschnitte aus mittelalterlichen Texten, in denen mit Wortgewalt die Apokalypse, das Ende der Welt oder eines Volkes beschrieben wird. So etwa im sogenannten "Muspilli"-Fragment, einem Text aus dem frühen 9. Jahrhundert, verfasst in Althochdeutsch. ". . . sin tac piqueme, daz er touuan scal" lautet der Beginn, was soviel heißt wie ". . . kommt der Tag, da er sterben muss".

Mit einem feinem Gewebe aus parallelen Quartklängen, gespielt auf zwei Harfen, wird der Gesang von Benjamin Bagby unterlegt. Vom Kampf zwischen Engeln und Dämonen um die menschliche Seele handelt der Text, und Benjamin Bagby nutzt alle Facetten rezitativischen Singens zwischen mahnender Beschwörung und verängstigtem Flüstern.

Der Flötist Norbert Rodenkirchen verzaubert das Publikum mit ornamental wirkenden Melodien. Das Programm vereint althochdeutsche Gesänge mit lateinischen, darunter die berühmte Prophezeiung der Erythräischen Sybille aus dem 11. Jahrhundert. Nicht selten klingen Passagen wie aus der Gegenwart, der "Gerichtstag" aus dem Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg gar wie ein sinistrer Blues. Mittelalter ohne Mummenschanz, fremdartig, faszinierend.

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