Moderner Klassiker im Musical Dome: "Miss Saigon" mit starken Bildern und starken Stimmen

Moderner Klassiker im Musical Dome : "Miss Saigon" mit starken Bildern und starken Stimmen

Neufassung des englischen Originals feiert mit spektakulären Szenen Deutschlandpremiere in Köln.

Das Bild, das am stärksten nachwirkt, ist das schlichteste von allen. Ein Mann, ein kleiner Junge und eine Frau halten sich an den Händen. Entschlossen, ohne sich umzudrehen, gehen sie vorwärts. Links sieht man die Silhouette einer Barke mit aufgezogenen Segeln. Der Himmel hat die Farbe von Blut, hinein mischen sich Schwarz und zerfließendes Gelb. Fetzen von Rauch, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Wüsste man es nicht besser, man könnte sie für eine Familie halten. Und vielleicht sind sie das auch. Irgendwie.

Spektakulärere Szenen gibt es viele: Ein Hubschrauber mit einer Rotorblätter-Spannbreite von 2,6 Metern und drei Tonnen Gewicht verharrt in der Luft, so donnernd und knatternd, als stünde er direkt über den Köpfen des Publikums. Wie gigantische Götzenbilder ragen die metallisch glänzenden Antlitze von Ho Chi Minh und Lady Liberty auf. Soldaten marschieren, der Broadway tanzt, ein Zug zerlumpter Menschen bahnt sich stolpernd und entkräftet seinen Weg.

Freitag hatte die Neufassung des englischen Originals von „Miss Saigon“ Deutschlandpremiere in Köln. Erstmals wurde sie 2014 im Londoner Prince Edward Theatre gezeigt.

Ein Musical, aber keine leichte Muse

Auch im Musical Dome verfehlt die dramatische Geschichte des Animiermädchens Kim (Sooha Kim) und des GIs Chris (Ashley Gilmour), die sich in den letzten Tagen des Vietnamkriegs ineinander verlieben, ihre Wirkung nicht.

Das Publikum ist ergriffen, gerührt, mitunter auch stumm vor Entsetzen. Dann, wenn das, was sich 1975 und danach politisch ereignete, mit all seinen Schrecken und Gräueln menschlich fassbar gemacht wird. Das hier ist zwar ein Musical, aber keine leichte Muse. Für das Leben zwischen Bars und Bretterhütten, Vergnügungsvierteln und Flüchtlingslagern findet die Neuproduktion von Cameron Mackintosh eine starke Bildsprache. Die nicht minder starken Stimmen der Hauptdarsteller, großartige Ensemble-Szenen, ein effektvolles Bühnenbild und fantastische Kostüme machen das zum Erlebnis mit Sogwirkung. Vom ersten Moment ist man drin und blendet die Welt jenseits der Bühne komplett aus.

Der Mann in der Sonnenuntergangsszene wird „der Engineer“ (Christian Rey Marbella, alternierend Leo Tavarro Valdez) genannt. Kims Zuhälter. Ein Kleinkrimineller, stets auf seinen Vorteil bedacht. Skrupellos. Gewaltbereit. Aber auch jemand, der charmant sein kann, funkelnd, charismatisch. Der selbst Blessuren davongetragen hat, in einem Leben, in dem es keine Kindheit gibt, geprägt von Armut, Drogen und Prostitution. Einer, der einen Traum träumt: nach Amerika zu gehen. Wenn er all denen, die zu zaghaft sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, seine Verachtung entgegenschleudert („If You Want To Die in Bed“), wenn er sich wie ein Raubtier bewegt, alle Register seiner chamäleonhaften Persönlichkeit ziehend, sieht der moralgeplagte Chris plötzlich sehr blass aus. Dafür bekommt Christian Rey Marbella den meisten Applaus. Mehr noch als die Liebespaar-Darsteller.

Auch Aicelle Santos (als Kims Kollegin Gigi) hat Starpotenzial. Die Gefühle einer Hure zwischen Zynismus und der Sehnsucht nach einem anderen Leben wurden selten aufwühlender besungen als in ihrem Song „The Movie in My Mind“.

Bis 3. März im Musical Dome, Goldgasse 1. Vorstellungen (in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln): Di, Do und Fr, 19.30 Uhr; Mi, 18.30 Uhr; Sa, 14.30 und 19.30 Uhr. So, 14 und 19 Uhr. Dauer: 170 Minuten inklusive Pause. Kartenpreise: ab 32,50 Euro, zuzüglich Vorverkaufsgebühr. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf www.ga-bonn.de/tickets.

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